Helene Bracht
Das Lieben danach

Carl Hanser Verlag, München 2025
ISBN 9783446282919
Gebunden, 192 Seiten, 22,00 EUR
ISBN 9783446282919
Gebunden, 192 Seiten, 22,00 EUR
Klappentext
Die Geschichte erschien mir viele Jahre lang gänzlich unerheblich." Von diesem Satz aus erzählt die heute siebzigjährige Helene Bracht von einer über Jahrzehnte verschütteten Erfahrung, die sie mit sehr vielen Frauen und vielen Männern teilt: der, dass es auf dem Lebensweg mit der Liebe und der Sexualität nicht nur gut und einvernehmlich zuging. Wie liebt und begehrt man, wenn Verletzendes verborgen hinter einem liegt? Wie lebt und liebt man immer weiter?
BuchLink. In Kooperation mit den Verlagen (Info)
Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 22.03.2025
Rezensentin Meredith Haaf hofft, dass mit Büchern wie diesem Essay der Psychologin Helene Bracht nun endlich eine breitere Auseinandersetzung mit dem schwierigen Thema Kindesmissbrauch beginnt. Wir erfahren, dass Bracht im Grundschulalter selbst Missbrauch durch einen Nachbarn erfahren hat - dabei habe es für das Kind eine Ambivalenz zwischen der Gewalt und dem Gefühl, mit dem Täter eine Art Beziehung zu haben und eine wie auch immer verdrehte Zuwendung zu erfahren, gegeben. Die Eltern hätten sich vor allem geschämt, nachdem die Taten ans Licht kamen. Intellektuell und gefühlsnah zugleich erzählt Bracht davon, nicht immer Opfer sein zu wollen, ruft Luhmann und Ernaux auf, setzt sich mit klassischen Motiven auseinander, so Haaf. Fast lakonisch beschreibe die Autorin die Folgen des Erlebten für ihr Beziehungs- und Liebeserleben als einen "Mangel an Trittsicherheit." Für die Kritikerin ein alarmierendes, aber auch bedeutendes Buch.
Rezensionsnotiz zu Die Welt, 01.03.2025
Sehr interessant findet Rezensentin Lena Karger das autobiografische Buch von Helene Bracht. Kaum glauben kann sie, ob der Qualität des Textes, dass das hier das Debüt der siebzigjährigen Autorin ist. Diese blickt auf den sexuellen Missbrauch zurück, den sie als Kind erfuhr und die Folgen, die dieses Ereignis für ihr Erwachsenenleben hatte. Analytische Distanz ermöglicht Bracht eine "unaufgeregt-humorvolle, fast schon soziologische Betrachtung" ihrer Erinnerungen. Jahrelang war sie sich über das Trauma, das sie erlebt hatte, kaum bewusst, erklärt die Kritikerin, der Missbrauch wurde in der Familie nicht thematisiert, die Sache war von Scham belastet. Erst nach Jahren erkannte die Autorin im Rückblick, dass die kindliche Traumatisierung einen großen Einfluss darauf hatte, wie sie später Beziehungen führte und dafür sorgte, dass ihr weder eine stabile, langfristige Partnerschaft gelang noch ein erfülltes Sexualleben. Vor allem spannend ist für Karger, dass sich Bracht nicht nur dem Täter widmet, sondern sich auch selbst als Täterin analysiert: Nach Jahren wird ihr von einer Ex-Freundin vorgeworfen, beim Sex grob und rücksichtslos gewesen zu sein - eine psychologisch nachvollziehbare Reaktion auf das Erlebte, meint Karger, das Opfer "imitiert männliches Dominanzverhalten" und reproduziert so Erlebtes. Die Kritikerin findet hier wichtige neue Impulse für eine "festgefahrene Sexismus-Debatte".
Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 19.02.2025
Ein "Lebensbericht voll erzählerischer Finesse und analytischer Tiefe" liegt Rezensentin Anne Kohlick mit dem Buch der Psychologin Helene Bracht vor. Diese schildert den Missbrauch durch den Untermieter ihrer Eltern, genannt "Strecker", als die Autorin ein kleines Mädchen war. So realitätsnah schreibt die Autorin aus der Sicht der kleinen Leni, dass die Szenen für die Kritikerin schwer zu ertragen sind. Die Taten dauern an, bis die Mutter Blut in Lenis Unterhose entdeckt, der Untermieter muss gehen, aber gesprochen wurde über die Sache nie, liest Kohlick, was die Aufarbeitung für die Autorin lange Zeit unmöglich machte. Bracht schildert die schwerwiegenden Folgen für ihr Erwachsenen- und Beziehungsleben, die diese traumatische Erfahrung hatte, erklärt die Kritikerin. Sie zeigt aber nicht nur den verursachten Schaden auf, sondern macht auch deutlich, was eine gesunde Beziehung und ein gesundes Sexualleben brauchen, um zu funktionieren: Vertrauen und Sicherheit. Und das dies auch nach einer solchen Erfahrung noch möglich sein kann.
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