Carl Schmitt

Glossarium

Aufzeichnungen aus den Jahren 1947 bis 1958. 2. Auflage
Cover: Glossarium
Duncker und Humblot Verlag, Berlin 2015
ISBN 9783428144860
Gebunden, 557 Seiten, 69,90 EUR

Klappentext

Herausgegeben von Gerd Giesler und Martin Tielke. Das Tagebuch "Glossarium" enthält die Gedankenwelt von einem guten Jahrzehnt des späten Carl Schmitt. Schon die erste Ausgabe von 1991 erregte große Aufmerksamkeit, allerdings blieb sie wegen zahlreicher Fehler und falscher Übertragungen aus der Handschrift unbefriedigend; vor allem war sie ein Torso, da sie nur die ersten drei Teile enthielt und die beiden letzten unberücksichtigt ließ. Die neue Ausgabe ist nicht nur eine korrigierte zweite Auflage, sondern ein komplett aus der Handschrift neu hergestellter Text aller fünf Teile des "Glossariums", der knapp und zurückhaltend kommentiert wird. Entstanden in einer Zeit, die ihn aus der Lebensbahn eines bürgerlichen Gelehrten warf, nahm Carl Schmitt mit den Ressentiments, aber auch mit der Tocquevilleschen Hellsichtigkeit des Besiegten die neue Lage wahr. Gegen die Interpretation der Sieger, die die Niederlage als Befreiung deuteten, sprach Schmitt von "falscher Befreiung" und meinte, dass zwar der Sieger die Geschichte schreibt, aber der Gescheiterte der Gescheitere ist.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 22.06.2016

Mit diesem "Glossarium" bekommt man den ganzen Carl Schmitt, versichert der Soziologe Stefan Breuer, der die vorliegende Ausgabe nicht nur als korrigierte Neuauflage wertet, sondern als gänzlich neue und erstmals vollständige Ausgabe, denn sie enthält all die Glossen und Texte, die Schmitt von 1947 bis 1958 erstellte. Ein "Kondensat des Schmittschen Denkens" erkennt Breuer in ihnen in zweifacher Hinsicht. Einerseits, weil sich der Staatsrechtler darin auch mit Hegel, Kierkegaard oder Max Weber als imaginierten Gesprächspartnern auseinandersetzt. Anderseits, weil sich in ihnen auch der gesamte Affekthaushalt des Autors wiederfindet, der nie seine Rolle als preußischer Staatsrat und Kronjurist der Nazis kritisch reflektierte, sondern sich über all die Jahre als Opfer stilisierte. Kühl notiert Breuer auch: "Wenn er Mitgefühl äußert, so nur mit den in Nürnberg hingerichteten Tätern." Weil sie verbrannt und nicht anständig christlich begraben wurden.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 19.05.2016

Die großen deutschen Rechtsintellektuellen Heidegger, Benn, Schmitt, deren Schnittig- und Schmissigkeit auch linken Intellektuellen in Deutschland und anderswo bis heute so behagt, sind jetzt lange genug tot, dass man auch ihre intellektuelle Unterseite studieren kann. Von Heidegger erschienen jüngst die "Schwarzen Hefte", von Benn der Briefwechsel mit Friedrich Wilhelm Oelze, die beide zeigten, wie wehleidig und unbelehrt die großen Denker und Dichter aus der Nazizeit hervorgingen. Und jetzt also Carl Schmitt, dessen bereits bekanntes "Glossarium" aus der Nachkriegszeit ergänzt und korrigiert neu aufgelegt wird. Es zeigt laut Rezensent Alexander Cammann einen hemmungslosen Judenhasser, dem für die erlittene kleine private Schmach nach 1945 nur eine Vokabel einfällt: Schmitt sieht sich als Opfer eines Genozids am preußisch-deutschen Beamtentum. Fasziniert hat Cammann die Lektüre dennoch: weil Schmitt eben in Aperçus die Helligkeit seines Verstandes beweist, und weil er zum Beispiel Riecher genug hat, einen gewissen 24-jährigen Autor namens Habermas gleich nach dem ersten FAZ-Artikel als neuen Kopf wahrzunehmen. Aber die "diagnostischen Geistesblitze" lassen Cammann nicht die Sackgassen von Schmitts "beschädigtem Denken" vergessen.
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