Michel Foucault

Geschichte der Gouvernementalität II

Die Geburt der Biopolitik
Cover: Geschichte der Gouvernementalität II
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004
ISBN 9783518583937
Gebunden, 500 Seiten, 38,00 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Jürgen Schröder. Herausgegeben von Michel Sennelart. Zeitgleich mit der französischen Ausgabe erscheinen zwei von Michel Foucaults Vorlesungen am College de France, die am Anfang eines der wirkmächtigsten Konzepte der modernen Sozialwissenschaften und der politischen Philosophie standen - der "Gouvernementalität". Michel Foucaults zweibändige "Geschichte der Gouvernementalität" entwickelt diesen Begriff und seine theoretischen Implikationen anhand einer materialreichen Analyse der Genese des modernen Liberalismus und seines Schattens: der Biomacht. Während der erste Band den Akzent auf die Beziehungen zwischen der Regierungskunst, der Normalisierung und der Subjektivierung legt und dabei den Bogen vom Mittelalter bis zur Gegenwart spannt, konzentriert sich "Die Geburt der Biopolitik" auf den Neoliberalismus und die komplexen Relationen, die er mit dem Staat unterhält. Durchweg geht es dabei um die Frage, wie ein neues Modell der Macht gefunden werden kann, das zugleich einen neuen Blick auf die Geschichte eröffnet; einen Blick, der die Interferenz von Regierung, Macht und Subjektivität zu fassen imstande ist und dabei die Tugenden einer komplexen Theorie einerseits und einer materialgesättigten Analyse andererseits verbindet.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 20.08.2005

Eine neue, andere Beschreibung moderner Herrschaft erblickt Rezensent Ulrich Brieler in Michel Foucaults nun veröffentlichten Vorlesungen aus den Jahren 1978 und 1979 zur "Geschichte der Gouvernementalität". Den Vorwurf, Foucaults Machtanalytik beschreibe moderne Staatlichkeit nicht zureichend, sieht Brieler durch die beiden Bände widerlegt. Detailliert und mit großer Sachkenntnis referiert er über beide Vorlesungen. Die Geburt des neuzeitlichen Staats und der Formierung der Menschen zu modernen Subjekten verstehe Foucault als zwei Seiten einer Medaille. Das Charakteristikum des modernen Staats sehe er in der Menschenführung. Der Staat erscheine entsprechend als eine "Individualisierungsmatrix", als Gehäuse von Institutionen und Technologien, die Menschen zu Subjekten machen. Foucault mache drei Verhaltensmuster von Staatlichkeit und Subjektivität aus: die Souveränitäts-, die Disziplinar- und die Biomacht. Foucault lasse keinen Zweifel daran, dass die Entfaltung dieser Machttechniken untrennbar mit der Vorgeschichte des Kapitalismus verbunden ist. Brieler möchte diese Bände insbesondere jenen ans Herz legen, die in den 80er-Jahren gegen den Überwachungsstaat, die Volkszählungen und die autoritären Zumutungen des Sozialstaates rebellierten, dann aber zu Vertretern der Biometrie, der elektronischen Fußfessel und der Hartz-Disziplin wurden. Denn die Lektüre sei hilfreich, so Bieler, "um zu erkennen, wie sich Regierungstechniken ändern, unabhängig vom politischen Personal, das sie exekutiert."

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 14.12.2004

Den Unterschied zwischen Regieren und Herrschen, von Staat und Macht sieht Rezensent Niels Werber im Zentrum von Michel Foucaults Vorlesungen über die "Geschichte der Gouvernementalität" (1977 / 78). Wie er berichtet, verzichtet Foucault auf eine Theorie des Staates, um stattdessen gouvernementale Praktiken und Handlungsweisen zu analysieren, als deren Effekt er den Staat sehe. Unter Gouvernementalität fasse Foucault Prozesse der Selbststeuerung wie den Markt und seine Preise, die Hygiene, die Versicherungen, den Verkehr der Güter und Menschen, das Wachstum und die Mobilität der Bevölkerung. Hier könne man regieren, in dem man "Rahmenbedingungen" herstelle, modifiziere, korrigiere, nicht aber herrschen im Sinne von entscheiden, was passieren wird. Die Unterscheidung zwischen Regieren und Herrschen organisiere wiederum ein ganzes Bündel von Gegensätzen. Werber hebt hervor, dass Foucault bei seinen Analysen auch das Nachkriegsdeutschland eingeht und die soziale Marktwirtschaft Ludwig Erhards als exemplarischen Fall von Gouvernementalität beschreibt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.11.2004

Wen überrascht es, dass sich die beiden 1977 und 1978 gehaltenen Vorlesungszyklen des Michel Foucault der Analyse von Machtmechanismen widmen? Rezensent Robert Jütte zumindest nicht, der diese neu publizierte Publikation des "Moderatoren der Macht" mehr referiert, denn rezensiert. Im Zentrum steht der Begriff der "Gouvernementalität", womit Foucault die "Herausbildung von Sicherheitstechnologien zum Erhalt einer Bevölkerung im frühmodernen Staat" meine. "Gouvernementale Vernunft" finde sich bereits in Spätantike und im Mittelalter (Macht durch Seelenführung) und bilde später die Grundlage für Polizei- wie für Rechtsstaat. Am Endpunkt dieser Entwicklung steht für den Machtanalytiker die soziale Marktwirtschaft, deren Urheber Ludwig Erhard mit "seitenlangen Elogen" gefeiert werde, schreibt ein darüber etwas verwunderter, aber letztlich überzeugter Robert Jütte.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 05.10.2004

Die Frage nach der Kunst des Regierens sieht Rezensent Bernhard Dotzler im Zentrum von Michel Foucaults Vorlesungen 1977/78 und 1978/79 am College de France, die nun unter dem Obertitel "Geschichte der Gouvernementalität" erschienen sind. Diesen Obertitel hält Dotzler für gut gewählt, schließlich spreche Foucault nicht allzu viel über das, was die beiden Bände "Sicherheit, Territorium, Bevölkerung" und "Die Geburt der Biopolitik" ankündigen. Stattdessen behandle er etwa die Institutionalisierung des Pastorats oder den deutschen Liberalismus der Jahre 1948-1962, um hier wie dort Momente der "gouvernementalen Vernunft" zu entdecken. Damit sind jene Verfahren gemeint, "durch die man über die staatliche Verwaltung das Verhalten der Menschen dirigiert", wie Dotzer den Philosophen zitiert. Foucaults "zentrales Augenmerk" erblickt Dotzer in der Umstellung von unmittelbar dirigistischen auf regulatorische Machtmechanismen. Diese Form der "Gouvernementalisierung des Staates" erachte Foucault als essenziell "für unsere Modernität", ja "unsere Aktualität". Dotzer hebt hervor, dass die beiden Vorlesungen neben dieser historisch-systematischen These von einer Art Selbstbefragung des Autors durchzogen werden, der immer wieder auf seine früheren Untersuchungsanordnungen Bezug nimmt. Vor allem "Die Ordnung der Dinge" erhalte so eine "genuin politische Note".