Birgitt Werner

Die Erziehung des Wilden von Aveyron

Ein Experiment auf der Schwelle zur Moderne
Peter Lang Verlag, Frankfurt am Main 2004
ISBN 9783631522073
Broschiert, 371 Seiten, 56,50 EUR

Klappentext

Im Sommer 1800 beginnt in Paris ein Experiment, das in der Pädagogik virulent geblieben ist: Die Erziehung des Wilden von Aveyron. Der junge Medizinphilosoph Jean Itard hat sich vier Jahre lang mit dem Jungen befasst, ihn behandelt und Rechenschaftsberichte verfasst. Diese werden hier untersucht und in ihrem ursprünglichen Kontext analysiert. Die wilden Kinder der vorangegangenen Epochen hatte man getauft und bestaunt. Nun wird erstmalig im Zuge der sich konstituierenden modernen Humanwissenschaften die Behandlung eines wilden Kindes unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten vorgenommen. Die philosophischen Grundlagen des Sensualismus Condillacs werden auf ihre Ergiebigkeit für Itard überprüft, der wissenschaftsgeschichtliche Kontext - die Schule der Ideologen - wird beleuchtet und die historische Plausibilität des Experiments wird im Kontext des sich entwickelnden napoleonischen Staates erfragt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.11.2004

Recht überzeugend findet Wolfgang Krischke dieses Buch Birgitt Werners über die Erziehung des jungen Victor, der 1799 als Elfjähriger in den Wäldern von Aveyron gefunden wurde, und der neben Kaspar Hauser als das bekannteste "wilde Kind" gilt. Sein Fall sei sofort zum Gegenstand lebhafter Kontroversen geworden, berichtet Krischke, Wissenschaftler und Pädagogen hätten die Chance gewittert, den Menschen im "Naturzustand" studieren und die Wirkungen von Erziehung und Zivilisation testen zu können. Krischke hebt hervor, dass Werner den Fall aus den philosophischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen seiner Zeit erklären wolle. Zwar moniert er, dass wichtige Vorarbeiten für eine Historisierung des Erziehungsversuchs des spanischen Psychiatriehistoriker Rafael Huertas im Literaturverzeichnis fehlen. Dennoch biete die Arbeit "viele neue Details". Sie entfalte eine wissenschaftliche, philosophische und politische Szenerie, die zu Beginn des Erziehungsexperiments von der "Ideologie", der Lehre von der Entstehung der Ideen im Geist, dominiert wurde. Werner nehme auch den Arzt Jean Itard, der Victor behandelte, gegen ungerechtfertige Kritik in Schutz und verweise auf zukunftsweisende Züge seiner Methoden, die sie zu einer der Keimzellen der Heilpädagogik und Kinderpsychiatrie machten.
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