Anne Enright

Das Familientreffen

Roman
Cover: Das Familientreffen
Deutsche Verlags-Anstalt (DVA), München 2008
ISBN 9783421043702
Gebunden, 330 Seiten, 19,95 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser. Als Kinder haben sie sich stets alle Geheimnisse anvertraut, und auch als Erwachsene sind Veronica und ihr Bruder Liam noch immer aufs Engste miteinander verbunden. Doch dann stürzt Liam sich mit Steinen in den Hosentaschen ins Meer, und Veronica bleibt allein zurück mit der Frage nach dem Warum. Während sie im Dubliner Elternhaus die Beerdigung vorbereitet, überwältigen sie die Erinnerungen an ihre Kindheit, an ihre Großmutter, die aus Vernunftgründen auf die Liebe ihres Lebens verzichtete, an ihre Mutter, die sich nach den vielen Geburten und Fehlgeburten nicht einmal die Namen all ihrer Kinder merken konnte. Und an jenen Tag, an dem ihrem Bruder Liam, gerade neun Jahre alt, etwas angetan wurde, vor dem sie ihn hätte beschützen müssen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 16.02.2009

Überwiegend positiv befindet Kristina Maidt-Zinke über diese mit dem Booker-Preis ausgezeichnete Familiengeschichte. Hierin, so lesen wir, begibt sich die Irin Veronica Hegarty auf eine Reise zurück zur Familie und in die Vergangenheit, in der es dunkle Geheimnisse aufzudecken gibt. Anlass des Ganzen ist der Selbstmord von Veronicas Bruder Liam. Die Thematik findet Maidt-Zinke zwar nicht übermäßig interessant, wohl aber die Sprach- und Erzähltechnik der Autorin, der sie in ihren Kommentaren und Reflexionen eine "gewisse Gnadenlosigkeit" bescheinigt. Beeindruckt zeigt sich die Rezensentin zudem von Enrights lakonischen Personenporträts. Auch wenn sie sich an gewissen Irland-Klischees stört - Alkohol, Gewalt, Katholizimus - so resümiert Maidt-Zinke doch, das Genre der Familiensaga habe mit Anne Enright "einen neue, vitale Stimme gefunden."
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 20.11.2008

Die großen Themen des Lebens findet Rezensentin Bernadette Conrad in Ann Enrights preisgekröntem Roman verhandelt, den sie außerdem als Reise in jene dunkle Dimension gelesen hat, die aus ihrer Sicht immer neben dem täglichen Leben steht. Es geht um eine Frau, die zwölf Kinder hat, besonders um zwei dieser Kinder, Veronika und Liam. Aber auch um einen Mann, der einst die Mutter liebte, die aber einen anderen heiratete. Aus Rache missbraucht er später den Enkel, der sich als Erwachsener irgendwann das Leben nehmen wird. Man spürt beim Lesen der Rezension, die auch ein Porträt der Schriftstellerin einschließt, wie intensiv Enright den verschlungenen Familienkosmos samt seiner Figuren entfaltet hat, ahnt von den Kollateralschäden zerbrochener Träume, den Gefängnissen von Erinnerungen oder einsamen Landschaften am Meer, die im Kontext dieser Familiengeschichte hochsymbolischen Charakter annehmen. In gewissem Maße sei das Buch autobiografisch, lesen wir auch. Allerdings weniger aus faktischer als aus lebensweltlicher Sicht. Die Übersetzung von Hans-Christian Oeser wird ebenfalls sehr gelobt: für die überzeugende Übertragung von Anne Enrights "leichter Sprache von hoher Assoziationskraft" und ihrer Sprachbilder.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.10.2008

Ganz schön verunsichernd, was die Rezensentin da erlebt hat: Orte, Zeiten, Figuren - nichts findet sie an einem festen Platz. Eben dies allerdings scheint ihr durchaus adäquat zu sein für eine kunstvolle Darstellung menschlichen Zusammenlebens und das Vordringen bis an dessen Schmerzgrenzen, wie es Anne Enright in ihrem Roman betreibt. Die im Bewusstseinsstrom der Heldin vorüberziehende, durch den Freitod des Bruders in Gang kommende genealogische Spurensuche funktioniert Rose-Maria Gropp zufolge auch aufgrund des "zornmütigen" Zugriffs der Autorin, ihrer hassgetränkten, unsentimentalen wie hellsichtigen Sprache, der die Rezensentin Respekt zollt. Nicht zuletzt, weil sie darin eine "unauslöschliche Sehnsucht nach Liebe" erkennt. Tipp für Filmproduzenten: Was die Verfilmbarkeit des Stoffes angeht, hält die Rezensentin den Roman mit seinem Gespür für Bilder für eine echte Steilvorlage.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 14.10.2008

Rezensentin Julika Griem betont, dass der Familienroman der letztjährigen Man-Booker-Preisträgerin Anne Enright den Fallen der Klischee beladenen Irlandliteratur entgeht, da er sich nicht in Alkohol und Glauben ergeht, sondern, wie es die Gegenwart verlangt, von Inzest und Alkohol handelt, also dem, was man gemeinhin ein "dunkles Familiengeheimnis" nennt. Im Mittelpunkt steht die 39-jährige Ich-Erzählerin Veronica, die den Selbstmord ihres Bruders Liam zum Anlass nimmt, sich einer "schonungslosen Selbstbefragung" zu unterziehen. Der Blick zurück in die Vergangenheit, der bis 1925 in die Jugendjahre der Großmutter reicht, bringt es schließlich ans Tageslicht. Die Rezensentin lobt neben dem "hochkomischen Talent" der Autorin auch die "sezierende und ergreifende Weise", wie Erinnerung und Vergessen miteinander verflochten wurden.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 13.10.2008

Bernadette Conrad zeigt sich verhalten bei der Lektüre des mit dem Booker-Preis ausgezeichneten Buchs "Das Familientreffen? von Anne Enright. Conrad referiert hauptsächlich die Handlung und hebt hervor, was Enright ihrer Meinung nach mit dem Roman bezwecken wollte. In der Familiengeschichte geht es um die 39-jährige Veronica, die nach dem Selbstmord ihres Bruders auf die schwierigen Familienverhältnisse zurückblickt und versucht, mit der Wut auf ihre Eltern und ihre Geschwister ins Reine zu kommen. Conrad zufolge holt die Autorin dabei noch weiter aus und zeichnet ein gesellschaftliches Porträt der katholischen Rigidität, die das Irland vor, aber auch während ihrer Zeit prägte. Conrad kritisiere die viel verbreitete häusliche Gewalt und den Alkoholismus in ihrer Thematisierung von Verdrängung und Aufarbeitung im Buch. Um eine Menge Wut geht es, aber auch um Liebe. Conrad verrät lediglich: "pathetisch, inspirierend, sprachlich nicht immer geglückt.?