9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Digitalisierung

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.10.2025 - Digitalisierung

Der Ökonom Terry Gregory erklärt im Interview mit dem Spiegel, warum es ein Mythos ist, dass KI vielen Menschen die Jobs wegnehmen wird: "Tatsächlich bestehen Berufe aus Bündeln von Tätigkeiten. Von denen können in der Regel einige automatisiert werden. Wenn dann bestimmte Tätigkeiten wegfallen, gewinnen andere Aufgaben an Gewicht. Wir sehen das immer wieder. Wenn man das berücksichtigt, fällt das Automatisierungspotenzial deutlich geringer aus. Meine Kollegen und ich sind in einer Studie für die Industrieländerorganisation OECD zum Beispiel auf Werte von um die zehn Prozent gekommen. Ganz wichtig: Auch das heißt noch lange nicht, dass zehn Prozent der Leute danach keinen Job mehr haben. Es bedeutet, dass jeder zehnte Job einem starken Wandel durch Technik ausgesetzt ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.10.2025 - Digitalisierung

Der Messenger Signal funktioniert ähnlich wie Facebook, wird aber von Spenden finanziert, nicht durch Ausbeutung privater Daten und Werbung. In der taz unterhält sich Svenja Bergt mit Signal-Chefin Meredith Whittaker, die die Privatheit von zwei Seiten unter Druck sieht: von den Staaten, die die Verschlüsselungen weghaben wollen, und von den KI-Plattformen, die sich noch ins Privateste hineindrängen, weil ihre Qualität "mit der Menge der Daten, die sie auswerten können, steht und fällt". Sie warnt, dass wir in einer Welt der "chilling effects" landen könnten - in der die überwachten Individuen sich bestimmte Regungen oder Äußerungen gar nicht mehr gestatten: "Wir würden die Grenzen des Vorstellbaren und des Diskutierbaren nach und nach immer weiter verengen. Das ist eine schreckliche Vorstellung. Vor allem, weil wir in einer Welt leben, in der sich gerade so viel verändern müsste, denken wir etwa an den Klimawandel. Und in der es so wichtig ist, sich unterschiedliche Möglichkeiten vorzustellen, wie die Zukunft sein könnte oder sich ein Problem lösen ließe - ohne immer gleich in alten Strukturen oder Sachzwängen gefangen zu sein."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.10.2025 - Digitalisierung

Vor 55 Jahren trat das hessische Datenschutzgesetz in Kraft, erinnert in der SZ Heribert Prantl. "Dieses Gesetz war eine Großtat, es setzte eine zukunftsweisende Idee in die Welt." Und der droht jetzt "maximale Gefahr" mit dem Versuch der EU, zwecks Kriminalitätsbekämpfung eine anlasslose Massenüberwachung zu ermöglichen, die alle private Kommunikation einbezieht. "Diese Chatkontrolle-Verordnung, über die der EU-Ministerrat am kommenden Dienstag abstimmt, soll der Prävention und Bekämpfung sexueller Gewalt an Kindern dienen. Das ist ein berechtigtes Ziel, das aber nicht mit unberechtigten Mitteln verfolgt werden darf, wie sie die EU ins Auge fasst", so Prantl, der Kritiker des Datenschutzes auch daran erinnert, dass Datenschutz nicht Täterschutz ist, "sondern Schutz vor Tätern, die mit Daten Schindluder treiben; zu dieser Schindluderei zählt es auch, wenn die Gatekeeper von Big Tech ihre Marktmacht ausnutzen, um die Daten ihrer Kunden abzugreifen und deren Profile dann zu Geld machen."

"Bislang hatte Deutschland, vertreten durch die inzwischen abgelöste Ampelregierung, die brisanten Vorschläge auf EU-Ebene nicht abgenickt", berichtet Anna Biselli in Netzpolitik. "Nach langer Unklarheit verkündete die nunmehrige schwarz-schwarz-rote Bundesregierung am Mittwoch, sie werde einer 'anlasslosen' Chatkontrolle gemäß einem Vorschlag der dänischen Ratspräsidentschaft nicht zustimmen. Aber zu welchen Kompromissen sie im EU-Rat bereit wäre und ob es rote Linien bei der deutschen Position gibt, ist bislang nicht bekannt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.09.2025 - Digitalisierung

ChatGPT hat untersucht, wofür die KI-App tatsächlich benutzt wird. Das Ergebnis ist erstaunlich, berichtet Holger Schmidt im Wirtschaftsteil der FAZ: "Im beruflichen Kontext ist das Schreiben der wichtigste Anwendungsfall. Rund 40 Prozent aller arbeitsbezogenen Nachrichten betreffen das Erstellen, Kürzen, Redigieren oder Übersetzen von Texten; praktische Anleitung folgt mit gut 20 Prozent. Programmierhilfe und andere Formen technischer Unterstützung spielen eine deutlich kleinere Rolle als oft angenommen. Das könnte allerdings daran liegen, dass ChatGPT hier sicher nicht seine Kernkompetenz hat... Besonders relevant: Zwei Drittel der Schreibaufgaben beziehen sich nicht auf vollständig neue Texte, sondern auf die Verbesserung von vorhandenen Entwürfen, also Korrektur, Stil, Struktur, Zusammenfassung oder Übersetzung. Das spiegelt den Alltag vieler Wissensarbeiter, die Texte iterativ verfeinern, statt jedes Mal bei null zu beginnen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.09.2025 - Digitalisierung

KI wird inzwischen massenhaft in Lehre und Bildung benutzt - dagegen richtet sich jetzt ein Aufruf von Wissenschaftlern, die selbst Experten für KI sind, berichtet Piotr Heller in der FAZ. "Forscher der Universität Tübingen haben jüngst beklagt, dass mindestens jede siebte Studie aus der Biomedizin heimlich mit KI geschrieben worden sei. Redakteure wissenschaftlicher Magazine stöhnen über eine Flut KI-generierter Studien. Wissenschaftler berichten, dass ihre Arbeiten teilweise nicht mehr von Menschen, sondern von Sprachmodellen bewertet werden. Die Philosophin Judith Simon, Mitglied des Deutschen Ethikrats, warnte in der FAZ vor einem 'vollständigen Zyklus der Sinnlosigkeit', bei dem wissenschaftliche Texte massenhaft automatisch erzeugt und nur noch von Maschinen bewertet würden. Das Positionspapier nimmt eine technikskeptische Haltung ein. 'Wir haben bemerkt, dass die Technologie stark in den Schulunterricht und die wissenschaftliche Lehre drängt, ohne dass darüber nachgedacht wird: Was sollen wir eigentlich vermitteln?', sagt Barbara Müller, eine der Autorinnen."

Im Interview mit der Zeit ist der Informatik-Pionier Tim Berners-Lee überzeugt, dass sich "das Web als demokratischer Raum" von den Tech-Giganten zurückerobern lässt. Die Technikangst vieler deutscher Journalisten ist ihm fremd, vielleicht, weil er sich besser auskennt? Zuletzt hat er mit Kollegen ein Protokoll namens Solid entwickelt, mit dessen Hilfe jeder Nutzer Kontrolle über seine Daten hat, "von Finanztransaktionen über Gesundheitsdaten bis hin zu Social-Media-Inhalten. Und der Clou: Der Nutzer entscheidet, wer Zugriff darauf bekommt. Gefällt ihm nicht, was eine Plattform oder Website mit seinen Daten macht, kann er einfach gehen und seine Daten mitnehmen. Noch stehen wir am Anfang, aber man kann es schon heute benutzen." Auch KI will er nicht verteufeln, sondern eingemeinden: "Manche schlagen vor, ein Zentrum wie das Cern zu schaffen, einen Ort, an dem solche mächtigen Technologien unter Kontrolle stehen. Genau darum geht es: den schmalen Grat zu finden, auf dem wir die Früchte der Technologie ernten, ohne ihr zum Opfer zu fallen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.09.2025 - Digitalisierung

Der am stärksten vertretene Glaube unter den Tech-Milliardären des Silicon Valley ist der Rationalismus, hier speziell der Glaube, mit Technik und Mathematik alles vorhersehbar zu machen, schreibt Michael Moorstedt in der SZ. "Nukleus der Bewegung aber ist das Online-Forum Lesswrong.com. Hier diskutieren die Teilnehmer über den bevorstehenden Untergang der Zivilisation genauso wie über Bayesianische Wahrscheinlichkeitstheorien, man beschäftigt sich mit Mathematik, Genetik und Fragen zu Moral und Lebensbewältigung. (...) Obwohl die Methoden des Rationalismus ungewöhnlich sein mögen, ist sein ambitioniertes Versprechen - dass eine bessere Version von uns selbst in Reichweite ist - ausgesprochen vertraut. Junge technikbegeisterte Menschen, denen es jenseits eines an Selbstausbeutung grenzenden Arbeitsethos oft an kultureller Identität mangelt und die sich von der traditionellen Religion entfremdet haben, suchen nach neuen Formen der Sinngebung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.09.2025 - Digitalisierung

China möchte seinen Staatssozialismus in die ganze Welt via Kultur und Technologie exportieren, konstatiert Adrian Lobe in der Welt. Das beinhaltet zum Beispiel die App TikTok und die KI-Deepseek - die ideologisch erstmal richtig eingestellt werden müssen. "Chinas Super-Apps, die sich Elon Musk, Mark Zuckerberg und Co. schon länger zum Vorbild nehmen, mögen zwar weitaus disruptiver sein, doch der kulturelle Kontext in China ist ein ganz anderer als der libertäre Geist im Silicon Valley. Bevor Sprachmodelle wie Deepseek für den Markt freigegeben werden, werfen Chinas Zensoren erst mal einen Blick unter die Motorhaube und prüfen, ob die KI 'kernsozialistischen Werten' ('core socialist values') entspricht. Eine Art politischer TÜV. (...) Die KI muss linientreu sein - und darf nicht gegen nationale Interessen verstoßen oder zu Separatismus aufrufen. Daher ist das Gedächtnis von Deepseek auch sehr lückenhaft, was die politisch heiklen drei Ts betrifft: Taiwan, Tibet und Tiananmen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.09.2025 - Digitalisierung

In der FAZ fordern die Informatiker Haya Schulmann und Michael Waidner die Entwicklung einer "nationalen KI-Infrastruktur", eingebettet in einen europäischen Verbund. Möglich sei das, aber es koste viel Geld (vor allem für Energie und Cybersicherheit). Außerdem müssten Datenschutz und Urheberrecht angepasst werden und Entscheidungen über Standorte und Infrastruktur "zentralisiert an einer Stelle mit klarer Verantwortung und klaren Befugnissen" getroffen werden. Was wäre die Alternative? "Solange wir keine eigenen Basismodelle der Spitzenklasse entwickeln, hängen wir von den Angeboten aus Amerika und China ab. Die Risiken solcher Abhängigkeiten sind konkret und vielfältig. Ein im Ausland entwickeltes Sprachmodell kann, bewusst oder unbewusst, fremde Wertevorstellungen in deutsche Verwaltungsprozesse, Bildungssysteme oder die Justiz einbringen. ... Hinzu kommt die Gefahr politischer Einflussnahme: Wenn in der öffentlichen Verwaltung oder im Bildungsbereich fremdentwickelte Suchsysteme oder Sprachsysteme dominieren, können sie langfristig Narrative verstärken, die nicht unseren eigenen demokratischen Grundsätzen entsprechen. Auch wirtschaftlich ist die Abhängigkeit gefährlich: Anbieter können Preise diktieren, den Zugang einschränken oder Schnittstellen verändern. Solche Mechanismen können gezielt als Instrument hybrider Kriegführung eingesetzt werden".

Im Interview mit netzpolitik fürchtet die Philosophin Maren Behrensen einen zu unkritischen Umgang mit KI, der gar im Faschismus enden könnte: "Das Nützlichkeitsprinzip steht im Zentrum der meisten Vermarktungsstrategien. Ein Beispiel ist die Grammarly-Werbung. Sie verspricht: 'Wir schreiben dir deine Hausarbeit' oder 'Wir machen deine E-Mails verständlich'. Die Unterstellung ist hier: Der Mensch an sich kann wenig und dann kommt die KI, die aus dem unfähigen Menschen ein optimiertes Wesen macht. In dieser Logik wird der Mensch wie eine kleine Maschine gesehen, die sich ständig selbst verbessern soll. Sein Wert bemisst sich daran, wie nützlich, effizient oder produktiv er ist."
Stichwörter: Faschismus

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.08.2025 - Digitalisierung

In zehn Jahren werden ChatGPT und Co. mitnichten alle Arbeitsplätze ersetzt haben, erklärt die Soziologin Sabine Pfeiffer im SZ-Interview mit Benedikt Peters. Das predigten zwar KI-Apologeten, zum Beispiel den KI-Erfinder und Google-Mitarbeiter Ray Kurzweil in den USA, wird sich aber als Luftschloss offenbaren. "Man sollte solchen Äußerungen mit großer Skepsis begegnen. Es gibt wenige Menschen, die so viel von KI verstehen wie Kurzweil, aber man darf nicht vergessen, für wen er arbeitet. Die Techunternehmen brauchen einen schier unendlichen Fluss an Geld, der Aufbau ihrer Server-Infrastruktur verschlingt Unsummen. Sie müssen deshalb mit den ganz großen, visionären Botschaften kommen, um immer mehr Investoren anzuziehen. (...) Ich halte deshalb auch nichts von der geradezu religiös anmutenden Singularitätsthese." Dabei sagt Pfeiffer nicht, "dass sich nichts verändern wird. Die KI wird im Jahr 2035 Tätigkeiten übernehmen, die jetzt Menschen machen. Aber noch mal: Sie wird menschliche Arbeit nicht im großen Stil abschaffen, und das gilt nicht nur für Akademikerjobs."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.08.2025 - Digitalisierung

Alle großen Internetplattformen werden inzwischen mit KI-Content geflutet, bemerkt Alard von Kittlitz in der Zeit. Was könnten die Folgen sein? Dass wir uns verängstigt irgendwann vor einer immer übergriffigeren Onlinewelt verkriechen? Oder dass wir sie ignorieren, weil sie immer surrealer wird? Kittlitz stellt sich eher eine "endlos sich erweiternde Welt gefälliger, von der KI erstellter Inhalte vor, geschult an dem, was mir, was dir, was ihr, was ihm jeweils gefällt. Der kommende Mensch bewegt sich in einem Metaversum, bevölkert von perfekten KI-Freunden, in deren Begleitung er sich durch perfekte KI-Welten bewegt. Wie jener Film in David Foster Wallace' Roman, von dem sich die Zuschauer, einmal angeschaltet, nie mehr lösen können, bis sie davor lächelnd verdursten und krepieren: unendlicher Spaß."