Vom Nachttisch geräumt

Malen nach Zahlen

Von Arno Widmann
17.10.2016. "Mountains" versammelt hyperrealistische virtuelle Darstellungen vom Montblanc bis zum Mount Everest.
Großartige Bergfotos. Denke ich. Schon denke ich falsch. Ich bin zu dumm für die Gegenwart. Das sind keine Fotos. Jedenfalls nicht solche, wie ich sie lange Zeit machte. Der Klappentext erklärt mir, was ich sehe - ohne es zu sehen - so: "Am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) entstanden auf Basis von Satellitenaufnahmen aus mehreren Hundert Kilometer Höhe hochgenaue digitale Abbilder der Gebirgslandschaften. Aus den erstellten Geländemodellen schufen die Wissenschaftler am Computer fotorealistische Bilder. So wurden 'virtuelle' Darstellungen aus zuvor undenkbaren Perspektiven in bislang unerreichter Genauigkeit und Schärfe möglich..."

Es sind Aufnahmen von dreizehn Bergen vom Montblanc bis zum Mount Everest. Beim zweiten Blick sehe ich den Unterschied zwischen den Fotos und den Konstruktionen. Als jemand, der immer wieder die Kunst der Natur vorzog, betrachte ich auch hier die konstruierten fotorealistischen Bilder der Wissenschaftler lieber als die im Vergleich zu ihnen stets verwaschen wirkenden Fotografien. Ihr blendender Hyperrealismus, ihre Glätte und Künstlichkeit, die Ausleuchtung eines jeden Details - all das wirkt faszinierend und abstoßend zugleich. Unser Gehirn tut sich schwer, mit anderen Augen zu sehen. Aber wie ein Muskel freut es sich an den neuen Anforderungen.



Stefan Dech und Nils Sparwasser arbeiten am Earth Observation Center, einer Unterabteilung der DLR. Dech ist Ordinarius für Fernerkundung am Institut für Geografie und Geologie der Universität Würzburg. Sparwasser auch Gastdozent für Fernerkundung an der Katholischen Universität Eichstätt. Das schreibe ich hierhin, weil die Idee mich eine Sekunde lang amüsiert, dass eine katholische Universität das Thema "Fernerkundung" aus der Theologie in die Geologie transferiert hat.

Die Fernerkundung hat den Vorteil, dass man genauer sieht als aus der Nähe. Wir sehen gewissermaßen mit den Augen Gottes. Alles und jedes Detail. Gleichzeitig. In der Archäologie macht man sich zunutze, dass man mit anderen Techniken der Fernerkundung auch unter die Oberfläche blicken kann. Die Welt ist sichtbarer, durchsichtiger geworden. Die Aufklärung begnügt sich weniger als je mit den Eindrücken, die ihr unsere natürlichen Sinne liefern. Aber überwältigend ist dann doch, wenn aus Zahlen Bilder werden. Wenn das von Berechnungen bereitgestellte Material plötzlich vor unseren altmodischen Augen steht und von diesen "erkannt" wird. Wir kennen das inzwischen von Weltraum"fotos" und von solchen aus unserem eigenen Körper. Bei den Bergaufnahmen ist der Effekt ein anderer. Hier werden uns keine unbekannten Welten gezeigt, sondern neue Ansichten von scheinbar Bekanntem. Es stellt sich ein Verfremdungseffekt ein. Der freilich nicht eine Zutat ist, sondern die Voraussetzung für den sinnlichen Eindruck.

Von der Aufwändigkeit des Verfahrens macht der Laie sich keine Vorstellung. Der Satellit sammelt die Daten. Das ist schon teuer genug. Aber um die erwünschte Perfektion zu erreichen, braucht man einen wolkenlosen Himmel. Die Bearbeitung der Daten setzt ein Team hochqualifizierter Wissenschaftler voraus. Dazu kommt die mögliche Kollision mit militärischen Interessen, mit Fragen der Geheimhaltung von Datensätzen und Techniken ihrer Verarbeitung. Der Betrachter der Aufnahmen fragt sich, hat er den Band durchblättert, wie es möglich gewesen sein soll, dass der Geheimdienst der USA Massenvernichtungswaffen im Irak gesichtet haben wollte, wo keine waren. Er wird wohl kaum weniger effiziente Techniken benutzt haben als das Team um Dech und Sparwasser.

Bei "Mountains. Die vierte Dimension" geht es aber nicht nur um die Verwandlung von Daten in Bilder. Es handelt auch vom Besteigen hoher Berge. John Roskelley, einer der Teilnehmer der Expedition zum Nanda Devi 1976, erzählt davon und vom Tod von Nanda Devi Unsoeld. Sie wollte den Berg besteigen, nachdem ihr Vater, einer der erfolgreichsten amerikanischen Himalaya-Kletterer, sie Devi genannt hatte. Barbara Washburn war die erste Frau, die den höchsten Berg Amerikas, den Mount Kinley - seit 2016 Denali -, bestieg. Das war 1947. Auch ihr Bericht findet sich in dem Buch. Barbara Washburn starb im September 2014, kurz vor ihrem 100. Geburtstag. Der 1977 geborene Hervé Barmasse ist Bergsteiger in der vierten Generation, einer der besten Kenner des Matterhorns. Er hat zu diesem Band u.a. eine ganz konventionelle Fotografie beigesteuert, die aber dann doch zu den eindrücklichsten des Bandes gehört: eine Aufnahme seiner Hände nach drei Tagen Klettern und Kälte bei der erfolgreichen Alleinbegehung des Matterhorns.

Kaufen Sie den Band! Blättern Sie darin! Lesen Sie ihn! Sie haben kein Geld? Gehen Sie in die Bibliothek! Gehen Sie in eine der großen Buchhandlungen, in denen man sich ein Buch schnappen und darin blättern und lesen kann. Tun Sie es!

Stefan Dech, Reinhold Messner, Nils Sparwasser: Mountains. Die vierte Dimension. Herausgeber: Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), Malik Verlag, München 2016, 240 Seiten, mehr als 150 Abbildungen, 50 Euro.