Tagtigall

Rauschwarz, rakuschwarz

Die Lyrikkolumne. Von Marie Luise Knott
07.03.2016. Marion Poschmanns Gedichtband "Geliehene Landschaften", soeben erschienen, ist in Leipzig für den Buchpreis nominiert. Benötigen wir die Natur um den Preis, dass wir sie erfinden müssen?
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Ob es stimmt, was Walter Benjamin sagte, dass es nur den Dichtern "gegeben" sei, die Natur unter immer neuem Anruf in Bann zu schlagen? Die Dichterin Marion Poschmann jedenfalls besitzt und pflegt diese Gabe. Mögen wir Menschen heute, im Zeitalter des Anthropozän, die Natur zähmen, ausbeuten, und noch so ungehemmt manipulieren, als sei sie ein Objekt - wir bleiben von der Unbändigkeit ihrer Kraft geprägt, durchdrungen.

2004, in Poschmanns Gedichtband, "Grund mit Schafen", ging es um Zivilisationsreste und deren Wiedervereinigung mit der Natur. Das ist elf Jahre her. In der ihr eigenen Beharrlichkeit hält die Autorin auch in ihrem jüngsten Gedichtband an der Befragung der Natur fest, doch der Blickwinkel auf Thema und Sprache hat sich verschoben.

Suche nicht, heißt es, nach Spuren der Alten
suche das, was die Alten suchten.


Welche Alten sind gemeint? Was suchen sie? Bashō, der Haiku-Dichter, so liest man, erforschte die Wechselwirkungen zwischen Mensch und Natur; Jean Sibelius suchte in der Kunst nach kaltem klarem Wasser; einige Romantiker sahen in der Natur den Spiegel der Seele. Und wir?

Poschmann hat sich für den Band "Geliehene Landschaften" einen Terminus aus der japanischen Gartenarchitektur ausgeliehen. Er beschreibt die Tradition, in angelegten Parks oder Gärten Aspekte der umgebenden Landschaft nachzubilden. Die Sprache als schärfende Wahrnehmungsinstrumente einsetzend, erkundet die Autorin den Hallraum der Natur in Parks und anderen künstlich angelegten Landschaften. Sie begibt sich auf Reisen.

Meist reisen wir, um Fremdem zu begegnen und gleichzeitig das Eigene in uns tiefer einsickern zu lassen. 9 Orte hat sie aufgesucht und ihnen je 9 Gedichte gewidmet: den Bernsteinpark Kaliningrad, den Kindergarten Lichtenberg, Coney Island Lunapark, den Literatengarten bei Shanghai, den Helsinki Sibeliuspark, den Park des verlorenen Mondscheins, den Regional Evacuation Site in Kyoto sowie künstliche und andere geliehene Landschaften. ...

Auf Reisen stößt man auf Erwartetes und Unerwartetes - in Königsberg auf Bernstein, in Lichtenberg auf "Tonnen von Knochen", in Coney Island auf Lunapark. Alles wird subtil ins Sprachbild gesetzt. Von Kapitel zu Kapitel verändern sich mit den jeweiligen Besonderheiten von Land und Landschaft auch die sprachlichen Gesten, Formen und Rhythmen. In Wort und Bild kollidieren Schönheit und Verkümmerung, Gewachsenes und Konstruiertes. Wir benötigen sie schließlich, die Natur - selbst um den Preis, dass wir sie uns erfinden müssen: "Dieser Park ist aufzustellen im Falle des Falles. Im Falle, da sich die Landschaft verabschiedet hat", heißt es im Gedicht "Worst Case Scenario". Ein andermal ist vom "Bannwald" die Rede, von "elektronischem Vogelgezwitscher am Bahnhof" von "Scherzfelsen aus Plastik", aber auch von "renaturierten Trümmerbergen".

Meisterlich setzt Marion Poschmann in "Geliehene Landschaften" Natur wie Sprache in ihr Eigenreich zurück, rekonstruiert die Verquickung von Ewigem und Gemachtem. "Sentiment. Sediment. Patrioten." Auch Sprache arbeitet schließlich mit Geprägtem, Vorgefundenem und Geliehenem. Wenn es gut geht, reist sie in weite Ferne und öffnet uns fremde, vielleicht nicht-existente Welten. In Poschmanns Sprachlandschaften stößt man auf herrlich rhythmisierte Wege und auf schroffe Mauern, auf Klangfelder und Miniaturwelten. Dichter begeben sich in den Wald der Sprache, wussste Paul Valéry, um darin verloren zu gehen.

Wo Grenzen sich verwischen wie in diesen Gedichten, kann auch die Natur endlich aus der Passivität ins Handeln zurückgelangen: "Dämmerungsbrocken beobachteten, was ich tat." Mitunter streuen sich einzelne Vokale oder Vorsilben aus (wie Mohnblumen im Frühjahr) und führen Hören und Sehen ins Weite - wenn etwa in einem der Gedichte aus dem Kindergarten-Zyklus die "Äderungen" "lächelnder Blätter" in "Brenngläsern" erkennbar werden und sich weitere Worte mit Ä im Kopf des Lesers einstellen. Wer mag behaupten, wir bräuchten nur die Bezeichnungen kennen und schon wüßten wir, wovon wir reden? fragt die Autorin.

In der rhythmischen und gestischen Nachahmung gewohnter Sätze rekonstruiert die zeitgenössische Poesie mitunter auch die sprachlose Selbstvertrautheit der Natur. "Die Gewänder des Logos sind abgeworfen und Buspolster jetzt / am besten gekleidet." - Auch in "Geliehene Landschaften" entzieht sich die Sprache der Herrschaft des Verstandes.

Jede Generation, heißt es, eigne sich die Welt auf ihre Weise an. Marion Poschmann betreibt ihre Aneignung mit Witz, Sprachmut und einer gehörigen Portion Surrealismus. So schlägt sie die Natur neu in Bann, inszeniert kraftvoll das fragile Leben im Gehege von Zeit und Raum. Alle Sinne sind mit von der Partie.

Schwarze Schildkröte des Nordens

Kiefernwald, rauschwarz, rakuschwarz.
Ein Teegefäß, in dem sich die Nacht ganz niederläßt
mitsamt den zerklüfteten Küsten, den Borken,
Nadeln und trockenem Gras,
während sich
Der ungeheure Wind dagegen stemmt.

Aomori. Osaka. Tottori.
Kannst du
ortskundig sein und doch sinnlosen Sehnsüchten folgen,
dir selber Auskunft verweigern, böse, genial?

Dies ist die Schwarzkiefernküste Japans.


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Neu erschienen:

Marion Poschmann, Geliehene Landschaften, Lehrgedichte und Elegien, Suhrkamp Verlag, 2016, 118 Seiten, 19,90 Euro (bestellen)

Marion Poschmann, Mondbetrachtung in mondloser Nacht. Über Dichtung, suhrkamp taschenbuch 4666, 221 Seiten, 18 Euro (bestellen)

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