Tagtigall

Sehen, was nicht vorgesehen

Die Lyrikkolumne. Von Marie Luise Knott
19.04.2016. Die Lyrik, dieses "ungereimte Zeug" (Schrott), der man lange Zeit ein Schattendasein nachsagte, ist im Aufwind - mit lebhaften Debatten, einer Vielfalt an Positionen und internationalen Vernetzungen. Vier kurze Hinweise.
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I

Nun schon im vierten Jahr existiert die Liste der Lyrikempfehlungen, von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und dem Münchener Lyrikkabinett gemeinsam ins Leben gerufen: 11 hochkarätige Juroren empfehlen 11 deutschsprachige und 11 übersetzte Gedichtbände des jeweils letzten Jahres. Auf der Leipziger Buchmesse wird die Liste alljährlich vorgestellt. Nehmen wir Istvan Kemeny, den ungarischen Dichter, dessen jüngster Band "Ein guter Traum mit Tieren" dieses Jahr von Michael Krüger empfohlen wurde (und von uns). Bei der Vorstellung des Bandes in Leipzig fragte Katharina Narbutovic vom berlinerkünstlerprogramm des daad den Autor, warum er für seine Gedichte auf Liedformen zurückgreife. Die ungarische Gesellschaft sei derzeit vielleicht zerrissener denn je, antwortete Kemeny; wolle man sich den Verlusten und Ängsten stellen, müsse man die Dimension des Magischen und des Gemeinschaftlichen neu beleben. Seine Verse geben Trauer und Zerrissenheit Raum, denn in ihnen findet der Leser beides: einen Aufenthaltsort "im Nichts" und gleichzeitig eine Ahnung von einem möglichen Gegenzauber.


II

Wer in der Schule mit Gedichtinterpretationen gequält wurde, ist auf Dichtung und besonders auf die Frage "Was will der Dichter uns damit sagen?" zunächst sehr schlecht zu sprechen. Und dennoch geisterte auch in Leipzig die Frage nach dem Verstehen durch viele der Dichterpodien.

Schon die Beatles hatten in den 1960er mit "Magical Mistery Tour" höchst populär gegen derartige Tendenzen angesungen - eine musikalische und filmische Fahrt ins Blaue, von der verheißungsvollerweise schon damals niemand so genau wusste und wissen wollte, was die Sänger uns damit sagen möchten. "Expert, Textpert", heißt es ironisch in "I am the walrus". Der Song ist voll üppiger Bilder: lächelnde, in Koben lebende Schweine, fliegende Schutzmänner, Drogendealer auf dem Eiffelturm, Hare Krishna singende Babypinguine, denen es wie nebenbei gelingt, einen Edgar Allen Poe umzunieten. Irgendwann im Lied tröpfelt - um des Nonsens willen? - gelber Senf aus dem Auge eines toten Hundes; dazwischen gibt es diverse Anspielungen auf Freiheitslieder. Das Ich - ein Lewis Carrollsches Walross-Wesen - sitzt auf einem Cornflake und weint. I am crying! Cocooo, Cocoo!

Verschiedenen Legenden zufolge hat John Lennon den Text explizit als Parodie auf die allgemeine Verstehenshuberei und Interpretationswut verfasst, wie sie damals in extenso bei Songs von Bob Dylan betrieben wurde. Welche anderen Stoffe beim Schreiben der Texte damals mit im Spiel waren, muss offen bleiben; was zählt, ist das Ergebnis: I am the walruss. Es liegt schließlich ein besonderer Gewinn darin, dass Sprache auch Musik ist: Man braucht nur das Gehörte nachahmen, mitschmettern und mitschwofen, und schon kann sie ein wenig warten, die tägliche Misere. Magical Mistery Tour.


III

Auf die Frage, ob sie nicht verstanden werden wolle oder ob man sie nicht verstehen können solle, antwortete die Dichterin Uljana Wolf auf der Leipziger Buchmesse: "Sehen Sie, Sie bekommen etwas anderes, wenn Sie nicht alles wissen." In ihrer Dichtung geht Uljana Wolf "lengevitch angeln". Sie legt Köder aus, um der Sprache Neues zu entlocken. Nicht zuletzt durch die Vermischung mit englischen Sprachgewohnheiten. "keeps me beschäftigt", liest man. Sie erzählt, wie sie sich, um den Alltag und das gewohnte Reden zu unterbrechen, Regeln und Kombinationen ausdenkt, die stärker sind als Sinn und Verstand. Man spürt beim Hören förmlich den Spaß, den sie daran hat, Flausen zu verfolgen, zufälligen Einfällen die Oberhand zu lassen, "den Klangsinn über den Wortsinn schwappen zu lassen", Wiederholungen und Verhörer zum Treibstoff eines Textes zu machen. Dichterische Sprache ist beides: Feier der Zugehörigkeit und der Unzugehörigkeit. Das Nomadische der eigenen Sprache und der Abgrund zwischen den Sprachen ist ihr Witz und Elixir.

"da entstehen bei der verschmelzung beider sprachen (themen) deutlich entgrenzende oder aufschäumende (irrationale) anhaftungen, will sagen (freudless jetzt) eine lallphase, in der worte aller sprachen vorstellbar sind ......"

Uljana Wolf, die, wie sie erzählt, in Ostberlin aufgewachsen, die Maueröffnung als einen Sprachwechsel erfuhr ("die Sprache ging, die Wohnung blieb"), hat explizit gegen Friedrich Schleiermachers Diktum, nur in der Muttersprache könne man schöpferisch sein, den Sprung in die Produktivität von Mehrsprachigkeit gewagt. "keeps me beschäftigt" eben. So viele Erdenbürger leben schließlich von Geburt an mehrsprachig, da sei es ein Trauerspiel, wie selbstverständlich die postbabylonische Archipelagisierung der Sprachen als unumstößlich hingenommen werde.

Ist er wieder vergangen, und wenn ja, wann - der Traum von einer transrationalen und transnationalen Poesie, wie sie nicht nur die russischen Za'um-Poeten Anfang des 20. Jahrhunderts träumten? "Irgendwann einmal [...] einten die Sprachen die Menschen [...]. Heute haben sie ihre Vergangenheit betrogen, dienen der Sache der Feindschaft und teilen die vielsprachige Menschheit in Wortmärkte, (....). Jede Form dieses klingenden Geldes strebt die Herrschaft an, und auf solche Weise dienen die Sprachen der Spaltung der Menschheit und führen Schein-Kriege", schrieb einst Welimir Chlebnikow. Ein Teil der Lyrik-Szene sucht nach "Enthierarchisierung" und "Entkolonisierung" (Daniela Seel) der Sprache, experimentiert mit einem brüderlichen und schwesterlichen Miteinander der Silben, Worte und Sätze. Auch das könnte die Attraktion der Lyrik derzeit befeuern.


IV

"Ich bau mir in Lyrik das Ding, das mir taugt", zitierte Denis Scheck in Leipzig einen Satz von Ulf Stolterfoht, der dieses Jahr den Preis der Literaturhäuser erhielt. Vor Jahren hatte Stolterfoht eine lebhafte Diskussion unter Dichtern vom Zaun gebrochen: Unter dem Stichwort "Timber" debattierten Lyriker 2010 im Netz und in realen Begegnungen über Schreiben im Heute. "Wir brauchen uns", konstatierte Stolterfoht damals. Kunst, das Ding, das einem taugt, verteidigt etwas, was die Gesellschaft, dort, wo sie droht, nur aus Arbeit und Konsum zu bestehen, schmerzlich vermissen läßt, eine Freiheit nämlich: die Freiheit zu sehen, was nicht vorgesehen.

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Zum Weiterlesen

Istvan Kemeny, Ein guter Traum mit Tieren, aus dem Ungarischen von Monika Rinck und Orsolya Kalász, Matthes & Seitz (Spurensicherung) 2015;
Daniela Seel, was weißt du schon von prärie. Gedichte, kookbooks 2015;
Uljana Wolf, meine schönste lengevitch, kookbooks 2015;
Rosmarie Waldrop, ins abstrakte treiben, aus dem Englischen von Elfriede Czurda und Geoff Howes, Edition Korrespondenzen, 2015.
Ulf Stolterfoht, Wurlitzer Jukebox Lyric FL - über Musik, Euphorie und schwierige Gedichte, Edition Lyrik Kabinett, 2016
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