Tagtigall

Sandalen bei Szalanski

Die Lyrikkolumne. Von Marie Luise Knott
01.02.2016. Über die Präzision von Fantasmen und den Band "Tumor Linguae" des polnischen Dichters Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki. (Foto (c) Marta Sputowska)
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"Das Verfahren des echten Realisten ergibt sich aus der Erkenntnis, dass 'in Wirklichkeit' viel weniger 'geschieht' als die katastrophenfreundlichen Dramatiker uns weismachen wollen", hieß es bei Arno Schmidt; Kennzeichen großer Realisten sei, dass sie zu jeder Art von Beschreibung und Bewältigung bereit sind. Im letzten Herbst ist bei Edition Korrespondenzen ein Gedichtband von Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki (sprich: Eugeniusch Tkatschüschün-Dützki) erschienen: "Tumor Linguae". Sprachwucherung also. Dyckis Bildwelt ist drastisch, es geht in seinen Gedichten zwar dramatisch zu, aber eine Handlung gibt es selten; Beschreibung und Bewältigung dominieren. Ist das realistische Dichtung?

Die meisten der Verse in "Tumor Linguae" frequentieren Randzonen der Gesellschaft - Sterbezimmer, Bahnhofstoiletten, Friedhöfe und Stricherbars.

Gemlaburbitsky bei dem seit tagen
mein körper nistet (durchtrieben
sagen sie) lächelt über diese
meine verwüstung er ist

wie eine puppe reiner mund obwohl er sich
da oft was reinsteckt was vorher in der Hand
war (und danach überall) morgens hüpft er
aus tiefen wannen die ihn weder dünn

noch jünger machen und ehe ich es merke
ist er wieder mein nur diese verwüstung
packe ich mir in die hose zurück die
geschnitten ist nach dem letzten schrei


Gedichtet wird ohne Punkt und ohne Komma. Durch obsessives Sprechen, das wieder und wieder neu ansetzt, versuchen die Texte den Obsessionen - Eros, Krankheit, Tod oder Schizophrenie-Erkrankung der Mutter und das Sterben seines Freundes Leszek - Ausdruck zu geben. Die Bilder in diesen Versen sind angesiedelt zwischen Wachen und Träumen, zwischen Wirklichkeit und Phantasie, zwischen Glück und Pein. Es gibt Worte und Satzteile, die immer wiederkehren, wie "mein Körper nistet" oder "in den lubliner freudenhäusern meiner freunde" oder "schon herbst herr und ich habe kein haus". Es ist, als begänne der Dichter viele seiner Gedichte an bekanntem, sicherem Ufer, doch schnell treiben die Worte sich und uns hinaus aufs Eis, als sei das Sprachmaterial selbst eine Leiter, die der Autor über den gefrorenen See der Sprachlosigkeit auslegt, um ein wenig näher heranzukommen an Scham, Schuldgefühl und andere no-go-areas.

im zimmer nebenan stirbt meine mutter
 für die ich sandalen kaufte bei Szanlanski
Szalanski ist nicht wichtig nur dass sie
sich nicht schämen muss für die sandalen.

In der Sprache verknüpft der Dichter, was in Bewegung ist. "laß dich nicht verstricken / im netz das ich dir spinne / schon mit dem ersten Gedicht / wollte ich dich verschlingen", schreibt er seinen Lesern ins Gedicht. Dank der enormen übersetzerischen Leistung von Michael Zgodzay und Uljana Wolf spürt man in der deutschen Fassung überall eine tiefe bildliche, klangliche und rhythmische Verbundenheit im Ungereimten. So beginnt eines der Gedichte:

mein freund ist tot und von den toten
wird er nicht sehr lebendig auferstehen noch
liegt sein körper in der erde und wie erde
schwatzt er mit mir über alles

Wo ein toter Körper noch über alles "schwatzen" kann, feiert der Vokal "a", das Alpha, seinen Sieg über den Vokal "o", Omega /Tod. Ob in dem Zwischenreich, das sich dort auftut, etwas anderes gewußt wird als unter den Lebenden? - Ein weiteres Gedicht beginnt so:

mein freund ist tot und von den toten
wird er nicht mehr auferstehn.
morgen folge ich ihm wieder in die tiefe
dieser seiner augenhöhle um alles zu sehen

Die Bilder, die Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki heraufbeschwört, sind uralt und doch ganz von heute. "Der Taten sind genug gewixelt, lass uns nun endlich Worte sehen", schrieb Schmidt. Und Dycki läßt Worte sehen, sie "durchfließen" ihn. Schönheit und Grauen reiben einander und die "schönsten Jungs" findet das Ich im Krankenhaus, wo es in der Personaltoilette mit dem Kopf gegen den Spiegel schlägt.

Die Autoren der jüngeren Generation in Polen hätten in den letzten Jahrzehnten weitaus mehr individuelle Ausdrucksformen gesucht und gefunden, als wir es hier in Deutschland bislang kennen, schrieb kürzlich Esther Kinsky zu einem von ihr sorgfältig zusammengestellten Dossier junger polnischer Lyrik. "Sie suchen die Distanz zum Kollektiven und Aussageträchtigen, sie suchen die Eigenheit des Ausdrucks und loten die Sprache auf ihre von ethischen Verbindlichkeiten befreiten Tiefen und Möglichkeiten aus." Auch der Dichter und Theaterautor befreit sich in "Tumor Linguae" von den überkommenen ethischen Verbindlichkeiten, weshalb man ihn hierzulande gerne in die Tradition des poète maudit stellt. Ähnlich wie bei Hiob oder bei den malerischen Darbietungen des Heiligen Sebastian tragen die präzisen Beschreibungen von Schmerz, Scham und Sehnsucht bei Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki Aspekte einer Hingabe. Ein katholisch eingefärbter Realismus im Schmidt'schen Sinne? Nichts jedenfalls ist fantastischer als die Präzision.

Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki, Tumor Linguae, aus dem Polnischen von Michael Zgodzay und Uljana Wolf, Edition Korrespondenzen, Wien 2015, 224 S., 22 €

Musik von Anderswo - neue Dichtung aus Polen, zusammengestellt von Esther Kinsky, erschien in Schreibheft 84, Herausgegeben von Norbert Wehr, Essen 2015.

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