Tagtigall

Im Wort- und Bildgetümmel

Die Lyrikkolumne. Von Marie Luise Knott
18.05.2017. Umhertreibende Heimatlose und rare Zustände: Neue Arbeiten der wortbegabten Zeichnerin Nanne Meyer und des bildbegabten Dichters Nico Bleutge.
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I.

In seinem Abécédaire hatte der französische Autor Georges Perec sich aus Spaß, Knobelei und Sehnsucht nach Weltergänzung einmal einen kleinen Ausschnitt aus allem, was der Fall war, nach Anfangsbuchstaben sortiert. Ein ABC, mit dem man durch die Welt surfen kann, denn das ist ja die Kunst der Poesie, dass sie uns mit nichts als buchstäblichen Mitteln in andere Zustände versetzt und uns die Welt neu durchbuchstabieren lässt. Spielregeln wie das ABC sind Einfallstore für kleine und große Einfälle. Sie seien, wie alle poetischen Mittel, hat John Ashberry einmal gesagt, wie Fahrradfahren den Berg herunter. Wo man normalerweise die Pedale tritt und sich von Gedanke zu Gedanke mit Sinn und Verstand voran ackert, werden die Füße, die Gedanken also, bergab von den Pedalen, den Mitteln der Sprache, bewegt.

Die wortbegabte Zeichnerin Nanne Meyer hat schon immer mit dem Spiel der Worte hantiert. Man denke etwa an die herrlichen Irrwege in ihren Wortbild-Zeichnungen, wo sie von Liberté über den Tee und das T und das A und die rausgestreckte Zunge und den Gesang und vieles mehr bis zur "wedding" gelangte. Sprache kann so viel und so viel entwirren. Um sich und uns in diesen wirren Zeiten Neues zu denken zu geben, hat sie gerade eine Wort-Bild-Serie mit einer fast naiv erscheinenden Spielregel vorgelegt: Sowieso lautet der Titel. Statt Hauptwörter, nimmt sie Nebenwörter, Umstandswörter also; und sie setzt sie nach dem Alphabet hintereinander, um herauszufinden, was alles in ihnen steckt: von absolut, allenfalls, allerdings, allerhand und andernorts über keinesfalls und keineswegs bis hin zu zumindest, zwangsläufig, zwecks, zweifellos.


Nanne Meyer, AUSSER DEM / LEDIGL ICH. Copyright: Nanne Meyer

Schon beginnt das Spiel: Ihre Zeichnungen nehmen die Bestandteile mitunter umständehalber ernst und übersetzen ins Bild, was in ihnen steckt: alles, was verwandt erscheint, hat doch viel Unverwandtes, und man erkennt, wenn man sich ins Getümmel der Buchstaben hineinversenkt, dass sich wie im wirklichen Leben immer neue Bezüge und Differenzen auftun, auch wenn alle Sprachgeschöpfe dieser Serie der gleichen Gattung (Adverbien) angehören. Das ist Konzept. Nicht nur jedes Wort, auch jede Silbe hat ein Eigenleben und kontaminiert die Umgebung. Keinesfalls und keineswegs zum Beispiel, zwei Worte, die wir längst fast identisch gebrauchen, bekommen plötzlich den "Weg" und den "Fall" zurück. Die Wurzeln treiben aus. Ausser dem. Die schönsten sind diejenigen Zeichnungen, bei denen es kein bisschen geregelt mehr zugeht, so bei ledigl ich.

Im Grimmschen Wörterbuch, wo keinesfalls noch keinenfalls heißt, steht zwischen keinenfalls und keineswegs noch keinerhand, keinermaßen und keinessinns - drei Umstandsworte, die heute ausgestorben scheinen. So wie der Odem, der vielleicht ohne Luther nie von sich gedacht hätte, dass man ihn heute noch kennt.

 "Für sich betrachtet", sagte Nanne Meyer bei der Eröffnung, "als aus den Kontexten isolierte Elemente", seien diese Worte umhertreibende Heimatlose auf der Suche nach Integration. Und sind sie bei einem Satz eingekehrt, infizieren sie diesen. Er verändert sich. Doch Meyer zeigt, was sie alleine in sich haben, wenn man sich eine Spielregel sucht und sich in sie versenkt.


II.

"Versenk dich in die Bewegung des Wassers", beginnt der neue Gedichtband des bildbegabten Nino Bleutge, nachts leuchten die schiffe. Und dieser Appell, dieses Versenk-dich ist hier wie bei Nanne Meyer durchaus als Programm des Sehens wie des Schreibens gemeint. Denn Nico Bleutge geht in diesen, sieben sehr unterschiedliche Zyklen umfassenden, Band der Welt ebenso wie der Sprache in die Tiefe, jenseits, hinter, unterhalb der bekannten, sichtbaren Schichten. Ausgangspunkt ist hier ein Aufenthalt in der Kulturakademie Tarabya: der Blick auf den Bosporus, auf Öltanker und Containerschiffe, die etwas davon erzählen, wie in diesem globalen und digitalen Zeitalter Handel, Transport und Geschwindigkeit ihr Wesen verändert haben. Und die Menschen verändern. Hier und da schauen noch einzelne Bilder aus der (analogen, großelterlichen) Kindheit hervor, etwa die "kleine Waren" transportierenden Rheinschiffe, auf denen Handtücher und Unterhemden im Wind baumelten. Schon hört man das Tuckern und riecht den Rhein.

In seinem ersten Gedichtband klare konturen waren die Bilder noch nach Gedichten fixiert: Jedes in sich abgeschlossen Teil eines "Archiv des Augenblicks" (Paul Jandl).

klare konturen. das licht
lag hinter den booten, der hafen
hielt die dämmerung fest und die hügel
traten am anderen ufer auf-
gefaltet vors auge

In nachts leuchten die schiffe nun hat sich - in diesen fortschreitend sich durchdigitalisierenden Zeiten, in denen die Welt sich immer rapider vernetzt und wir immer mehr gleichzeitig nebeneinander bewegen - die sich verändernde Wahrnehmung auch bei Nico Bleutge in Wort und Bild radikalisiert. Wo bleibt der Einzelne in dieser Flut?

In dem neuen Band ist jedes seiner Gedichte ein dicht komponiertes Gewebe aus poetischen Splittern. Wiederholungen jeglicher Art (Alliteration, Metapher, Rhythmus, Binnenreim undundund) sorgen dafür, dass wir unmerklich von einem Splitter zum nächsten gleiten, zwischen Gegenwart und erinnerter Vergangenheit schlingern - und uns darin den Sedimenten aussetzen. Alles ist hier in Bewegung, die Bilder haben nicht nur über die Jahre das Laufen gelernt, sondern jedes Gedicht besteht aus zahlreichen Bild-Containern, die als epiphanische Momente erscheinen. Scharfe Konturen schwinden, die Aggregatzustände lösen sich ineinander auf, man shiftet, Kippbildern gleich, und gleichzeitig werden alle Sinne wach. "meer schien land und land schien meer zu sein", liest man. Von einem "zwischending aus gas und flüssigkeit" ist die Rede. Oder: "der wald wächst weiter in dem kind". Rare Zustände.

Zur besonderen Schönheit dieser Gedichte gehört, dass ihre Anfänge aus einem Abgrund auftauchen: "versenk dich in die bewegung des wassers ..." / "öffne die tür mit ihrem mürben klingen, sieh dir den innendunst an ..." / "jetzt ist die nacht ein geräusch ..." / "irgendwann geben die flocken nach ..." Was so scheinbar unmotiviert entsteht, verschwindet auch meist ohne Punkt und Komma, doch umso sang- und klangvoller. Man höre selbst:

sand streuen, mit einem mürben klingen
die kanalrouten waren den wellen voraus
leichte fahrzeuge bahnten ihnen den weg durch das packeis
wollten die schönheit des neuen kontinents abwarten
die erinnerungen drehen, dehnen sich langsam
als wären sie luftfäden, lebende moostierchen
die wanderbewegungen verloren gegangener
handelsgüter, die das licht des tages aufsaugen
und die frachtarbeiter an deck, ihre grellroten westen
die noch kurz in der dämmerung wachsen

Eine Passage aus dem ersten Gedicht des Bandes, bei dem man in Gedanken zu dem warmen "goldstromdrift an der südspitze grönlands" schweift. Ein rhythmisch geführtes Wandern - nicht nur zwischen den Welten, sondern auch zwischen den Klängen, hier unter anderem zwischen dem w und dem f. Man gleitet den Schiffen voraus - vom Sand, übers Packeis, zwischen Moostierchen und grellroten Westen zum gestreuten Licht der Dämmerung, wo - eine der vielen kleinen präzisen Beobachtungen - die Schatten den Menschen immer länger vor sich her werfen. Denn alles ist geschieden und doch verbunden miteinander.

Eingestreut in die Texte sind Worte, Bilder und Rhythmen anderer Zeiten und anderer Schriftsteller und Dichter, Thomas Kling, Alfred Döblin, Georg Trakl wie Marcel Beyer. Denn Sprache ist aus Landschaften und aus Stimmen gemacht, die wir in uns ablagern und anverwandeln. Auch die dänische Lyrikerin Inger Christensen redet mit, die nie den Nobelpreis bekam, was wir dem Komitee nie werden verzeihen können.

"Ich kreise um Zusammenhänge und Unterschiede zwischen den Geschöpfen dieser Erde", sagte sie einmal und das gilt, wenngleich in ganz anderer Weise, auch für Bleutge. Dort, wo man sich in Bleutges kreisende Sprache versenkt, kommt die Zeit für einen Augenblick zum Stillstand und untergründiges, Abgelagertes, wird sichtbar: eine Seewalze, ein Flußspat oder eine Erdwachse vielleicht -- Worte und Dinge aus unserem Sprachschatz, die wir längst ebensowenig kennen wie die Hungerlunger oder die Streunaht. Bleutge hat ganze "erkundungsgeschwader" aufgeboten, die nicht nur die Welt, die Meere sondern vor allem auch die Sprache im Visier haben, jenes Trisehus (Schatzhaus) der Sprache, das weiter bewegt unsere Verbindung zur Welt immer neu knüpft. Bleutges Gedichtband endet nicht von ungefähr mit Anklängen an das Wörterwerk der Catharina von Greiffenberg, eine Zeitgenössin des Barocks, als die Dichter von dem Wunsch beseelt, das Deutsche auf die Höhe der anderen Kultursprachen zu bringen, die Sprache neu erfanden und formten. Das letzte Bild im Buch ist wie ein künstlerisches Programm, das Dichtung und Zeichnung teilen: Das Bild vom salzhaltigen Quellwasser ("die soole"), das durch Steine und Äste fließend sich anreichert und dabei

wie die soole sich konzentrierte
im dauernden tröpfeln
das überflüszige verliert

 
Dichten wie Zeichnen - beides konzentriert sich und macht sichtbar, was unser Auge oft nicht sieht.


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Zum Weitersehen, Weiterhören, Weiterlesen:

Nanne Meyers Zeichnungen Sowieso sind noch bis 30. Juni zu sehen im Studiokrimm, Kurfürstenstraße 31/32 in Berlin (nach Anmeldung: Tel: 030/ 20674929) . Weitere Zeichnungen aus dieser Serie in: Am Anfang war das Wort am, Galerie im Kunsthaus der Achim Freyer Stiftung, Berlin, Kadettenweg 53, 12205 Berlin.

Frühere Wort-Bilder von Nanne Meyer sieht man auf ihrer Homepage.

Nico Bleutge las auf der Leipziger Buchmesse aus dem neuen Gedichtband, nachzuhören beim Deutschlandfunk.

Nico Bleutge, nachts leuchten die schiffe. Gedichte, C.H. Beck Verlag, München 2017.

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