Tagtigall

Ich küsse dich schön!

Die Lyrikkolumne. Von Marie Luise Knott
01.02.2017. Denken und Lieben: Über den Gedichtband "das eine" der deutschen und ungarischen Lyrikerin Orsolya Kalász.
Das mit der Liebe ist bekanntlich so ne Sache, im Gedicht wie im wirklichen Leben. Was kann, was soll, was will man erzählen? Gar erklären? "Muss einer denken? Wird er nicht vermisst?" schrieb einst Ingeborg Bachmann. Das Geheimnis von Denken und Lieben begeistert die Sprache seit ihrer Entstehung und bleibt auch im 21. Jahrhundert hochaktuell.

Insofern ist "Das Eine" ein perfekter Titel für den Band der ungarischen Dichterin Orsolya Kalász, der darum kreist, wie Menschen einander heute begegnen. Kalász schreibt auf Deutsch und auf Ungarisch, hat  also nicht nur zwei Seelen, sondern auch mindestens zwei Sprachen und Klänge im Gepäck. Eine kunstvolle Balance. Wie sehr sie in osteuropäischen und westeuropäischen Sprach- und Denk-Räumen zu Hause ist, erkannte man vor Jahren in dem Gedicht "Ich habe das Gedicht von Christine Lavant gelesen", in dem sie die Feiertags-Glocken im Lavanttal mit den verbannten Glocken im sibirischen Tobolsk zusammenführte. Und mittendrin die Kraft der Liebe, zitiert nach Christine Lavant:

'Liebster' - was ist das - geht es rasch vorüber,
läßt es sich fassen, ohne Schmerz zu machen,
und bleibt an einem hinterher dann etwas
wie ein Blütenstaub und ein Geruch verhaftet
oder vergeht daran nur das Gefühl für gestern?


Die Zeilen, getragen vom Sound der Vokale, werfen Fragen auf: Wird die Begegnung mit dem Geliebten Spuren hinterlassen, und welche? Wie rasch geht "das" vorüber? oder darf es auf immer bleiben? "Blütenstaub" erinnert an Novalis' Frage, warum wir "das Unbedingte suchen und nur Dinge finden". Gelingt es der Liebe, dass allein das Unbedingte zählt und all die Dinge von gestern und morgen abfallen? Und: Was bleibt? Was bleibt zum Beispiel, fragt Kalász, von Béla Bartóks "Herzog Blaubart", wo Judith nicht hinnehmen mag, dass jedes Herz auch eine Mördergrube und jede Liebe auch aus verschlossenen Türen gemacht ist. 

Begegnungen - ob in Mythen, Geschichten oder ganz banal in der S-Bahn - sind  immer auch Begegnungen mit sich selbst, mit Scham, Sehnsucht und den vielen kleinen alltäglichen Toden. Lakonisch heißt es einmal:

Was wir heute verkörpern,
könnte morgen schon
die Straßenseite wechseln,
sobald es uns kommen sieht.

Zu den (hierzulande eher ungewöhnlichen) Bild-Fäden gehört die Heraldik - die Kunst, wenn man so will, aus der Ferne sichtbar Zugehörigkeiten zu symbolisieren und sich mit diesen Symbolen zu bewehren. Ein Schild, so liest man, schützt das Ich nicht zuletzt vor Verwundbarkeit; es ist eine Attraktion. Dahinter können alle Fragen als Fragen weiterleben. Wappen vereindeutigen und übertreiben, das liegt in der Natur der Sache; doch vielleicht, so Kalász, gibt es Zeiten, da wir glauben, dass wir sie bräuchten, um einander überhaupt noch hören und sehen zu können.

Manche der Gedichte im Band sind kurz, manche lang. Die Rhythmen wechseln. Leichtigkeit und Suggestion des Tons sind Kalászs große Kunst. Sie erzeugt durch Klänge Gedankenfäden dort, wo vielleicht keine sind. Auch das hält die Welt in den Gedichten zusammen. So stiftet ihre Sprache bei aller Fragilität der jeweiligen Situationen eine Magie, wie wir sie aus Reisesegen und Zaubersprüchen kennen. Das haben wir lange vermisst.

Kalasz lässt vieles in einer zauberhaften fragmentarischen Balance, unaufgelöst. Die Sehnsucht nach dem Unbedingten und der Wunsch nach Verstehen ist dem Erzählen und dem Fragen inhärent. Drei Gedichte, im Band verstreut, tragen daher den Titel: "Verstehen heißt Antworten". Darin heißt es:

Fragen haben uns alles voraus, haben so viele Antworten abgeschüttelt, um bei sich zu bleiben nicht bei uns, die wir sie beschwören und doch keine Geduld für sie haben.

Und später im Text:

Antworten kann man auch ohne Frage:
Kommt sie nach Hause,
macht die Tür auf, hört ihn sagen:
Ich küsse dich schön.


Küssen ist eine sprachlose Antwort auf Fragen, die möglicherweise nie gestellt wurden. Wie hieß es bei Bachmann:"Muss einer denken? Wird er nicht vermisst?" Sprache, gewährt Schönheit, stiftet nicht nur Welt, sondern in diesem Buch vor allem kleine absurde Bilder vom möglichen Glück. Das ist nicht wenig.

Orsolya Kalász lebt als Autorin und Übersetzerin in Berlin und Budapest. Ungarn schwingt immer wieder in die Gedichte hinein, so in das Gedicht "Blinde-Kuh-Flashmob"

Jetzt
Schließen wir die Augen,
wir alle.
Dann greift jeder
nach seinem toten Winkel
und legt ihn zu den anderen,
auf den vorherbestimmten
Platz.


Tote Winkel sind blinde Passagiere. Erkennen wir die toten Winkel besser, wenn wir die Augen schließen? Können wir sie loswerden? Können wir erreichen, dass sie und Blaubarts verschlossenen Türen ihre Herrschaft über uns verlieren?  Ist das ein Teil ihrer Lyrik?

Soeben wurde bekannt, dass Orszolya Kalász dieses Jahr den Peter-Huchel-Preis zugesprochen bekommt. Eine Entscheidung, zu der man die Jury und Orszola Kalász nur aus ganzem Herzen beglückwünschen kann.

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Orsolya Kalász, Das Eine, brüterich press, 85 Seiten, 20 Euro. Zu erhalten beim Verlag oder in jeder ausgewählten Buchhandlung.

Und noch ein letztes Gedicht aus dem Band:

Die große Kunst der Deutlichkeit

Zusammen halten, verdichten, zeichen deuten,
üben, wie man beschützt, was man liebt,
vor falscher Nähe, vor ihrer Rauheit und Schärfe,
aber auch vor der entmutigenden Tristesse der echten.
Es bedarf nicht viel, die alte Heroldsregel
der 200 Schritte anzuwenden:
Hängen Sie ihren Entwurf
des Wappens der Liebe
draußen an einen Baum,
gehen Sie exakt so viele Schritte zurück,
als nötig sind, um Sehnsucht zu spüren,
und mit weit aufgerissenen Augen
wenden Sie sich dort um.