Tagtigall

Bürger - wo ist Griechenland?

Die Lyrikkolumne. Von Marie Luise Knott
30.06.2017. Hungertod, Armut, Ausgrenzung, globale Ausbeutung, postkoloniale Ungerechtigkeit - das sind Themen der documenta 14. Doch Angst hat hier niemand, könnte man meinen. und niemand lacht den Übeltätern ins Gesicht, wie der Dichter Dmitri Prigov vor dreißig Jahren.
Hier können Sie die Tagtigall abonnieren

Daniel García Andújar, The Trojan Horse-Burning the Canon. Foto: Martin Warnach

Auf dem zentralen Platz in Kassel steht ein Parthenon aus verbotenen Büchern; im Palais Bellevue läuft die Aktionskünstlerin Regina José Galindo (Guatemala) keuchend vor einem Panzer her; im Eingang der Neuen Neuen Galerie begrüßt den Besucher von hoch oben ein Mannweib mit Busen und Penis -- eine Kühlerfigur der Freiheit, angetreten, die unterdrückerische Fixierung auf Männlichkeit und Weiblichkeit auf den Müllhaufen der Geschichte zu werfen. Und in der Neuen Galerie hat Piotr Uklanski - gleich neben der permanenten Beuys-Installation "das Rudel" - eine riesige Porträt-Wand mit dem Titel "Real Nazis" angebracht (mehr dazu hier). In gespenstischer Eintracht hängen dort Joseph Göbbels, Hermann Göhring, eine unbekannte Flak-Helferin, August Sander und Josef Beuys. Nichts in der Form weißt darauf hin, ob und welche Zweifel der Betrachter an diesem Urteil hegen soll. "Selten wurde die Kunst so massiv als kollektiver Vorwurf inszeniert", schrieb Nicola Kuhn im Tagesspiegel.

"Sans la peur, il n'y aurait pas d'humour", hat der im Januar 2015 ermordete Charlie-Hebdo-Zeichner Georges Wolinski einmal gesagt. Ohne Angst gäbe es keinen Humor. Wenn irgendetwas an dieser Aussage stimmt - und Wolinski sprach da gewiss aus Erfahrung -, wundert man sich, wie wenig Humor man auf der diesjährigen Documenta begegnet. Schließlich sind Witz, Humor und Ironie - das Lachen überhaupt - ein probates (künstlerisches) Mittel, die Angst auf Distanz zu halten und dennoch mit den Phänomenen, welche die Angst auslösen, "in Kontakt" zu bleiben.

Kassel bietet viel Einblick in die Untaten des Westens. Mal plakativ, mal explikativ. Natürlich gibt es auch anderes: Das Lob der Hecke oder den Klang ausgestorbener Sprachen, gesammelt von Susan Hiller, zum Beispiel. Doch die Nachrichten aus den Ruinenlandschaften und Schreckenskammern unserer Zivilisation überwiegen: Judenvernichtung, Hungertod, Armut, Ausgrenzung, globale Ausbeutung, postkoloniale Ungerechtigkeit. Angst haben wir offensichtlich dennoch keine. Die Kunstwerke klagen, prangern an, bilden ab; sie benennen vermeintliche oder reale Täter. Kaum ein Kunstwerk rückt dem Schrecken mit Humor zu Leibe - oder  mit einer anderen ästhetischen Strategie.  

In den Räumen des Pressezentrums jedoch finden sich rätselhafte Verse in englischer, russischer und deutscher Sprache an der Wand:

Bürger!
Das Haus steht, der Verstand ist klar, der Wille fest - ihr gefallt mir!
Dmitry Aleksanych


Citizens!
I see you, I see you and am not surprised by anything!
Dmitry Aleksanych

Die Textzeilen stammen aus einem Gedichtzyklus des russischen Konzeptkünstlers Dmitrij Alexandrowitsch Prigow: "Aufrufe an die Bürger" aus dem Jahr 1986. Prigov (1940-2007) lebte in Moskau und publizierte im Samisdat; kollektive "Spontan"-Aktionen im öffentlichen Raum, mitunter von langer Hand vorbereitet, sorgten für Aufregung und stifteten kleine Spielräume gegen die scheinbare Allmacht des Staates und der Partei - in der Sprache wie im wirklichen Leben. Denn auch nach dem Ende des Stalinismus lebte die Idee weiter, dass mit den Mitteln der Sprache alle "Elemente" der Gesellschaft zu Trägern der sozialistischen Utopie geformt werden müssten. Den Sozialismus in seinem Lauf halten bekanntlich weder Ochs noch Esel auf.


Граждане! Из цикла Обращения, 1986 (Citizens! From the cycle Аppeals, 1986). Courtesy: Archiv der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen

Die Konzeptkünstler aus Prigovs Generation, die in der totalen Herrschaft des Soz-Sprech heranwuchsen, spielten mit der eigenen Infizierung. Sie setzten an der Wirklichkeit an, hebelten sie aus, um ihr eins auszuwischen. Hierzu nahmen sie sich das Korsett - die Grammatik -, entkleideten und entkernten das Innere ins Absurde hinein und exponierten so die Leere des sozialistischen Menschen-Bildes. Eine ästhetische Entscheidung und eine subversive Aktion, mit der sie dem Schrecken ihrer Wirklichkeit zu Leibe rückten - in der Sprache des einfachen Menschen und mit der Radikalität der frühen russischen Avantgarde.

Bürger!
Rein ist eure Seele, aber wie viele erheben Anspruch auf sie!
Dmitry Aleksanych


Citizens!
Here I am looking out of the window and I see snow, and I know that you are also looking and that you also see snow - and I feel good!
Dmitry Aleksanych


Bürger!
Blankgeputzt sind die Fenster eurer Häuser - ihre Durchsichtigkeit ist der beste Schutz gegen Sinnestäuschungen und Luftspiegelungen von außen.
Dmitry Aleksanych


Prigov verfasste damals verschiedene ketzerische Beiträge zur Sowjetmythologie, parodistische Kurzanekdoten aus dem Leben Stalins ebenso wie fiktive Nachrufe im Stile des sozialistischen Realismus; dazwischen Sätze wie: "Genossen. Das Ei ist eines der am weitesten verbreiteten in der sozioökonomischen und kulturellen Praxis des Volkes". Humor ist die Lust zu lachen, wenn einem tatsächlich zum Heulen ist, heißt es.

Das Material, das Prigov hier parodierte, entstammte, wie gesagt, der Sprache der sozialistischen Volkserziehung. Prigov tippte die Worte auf Blätter, schnitt sie aus wie Kassiber, und befestigte sie überall in der Stadt - an Strommasten und Bushaltestellen, an Unterführungen, Bäumen, Straßenlaternen und Bauzäunen. Dort hingen sie, manche vielleicht nur für kurze Zeit, und riefen jedem Passanten zu: Halt inne in deinem Lauf! Es gibt nicht nur den Plan, sondern auch noch dich. Und du bist nicht allein.

Bürger!
Euch folgt ein Tier, verwundert über einen Geruch, den es nicht kennt - ihr seid einzigartig!
Dmitry Aleksanych


Bürger!
Du sitzt zu Hause, die Tür ist abgeschlossen, und dennoch stockt das Herz, und kalt läuft es dir den Rücken herunter - was ist das?
Dmitry Aleksanych

Citizens!
Your wive loves you, the children adore you, the cat is waiting for you to return, what else do you want?!
Dmitry Aleksanych

Hier wurden die Oberen mit ihren eigenen Mitteln attackiert. Angst war damals wohl ein steter Begleiter, nicht zuletzt wohl die Angst, der Mensch könne sich tatsächlich abhanden kommen im staatlich forcierten Getriebe des Großen Plans. Die Mini-Zettel der semi-klandestinen Aktion verteidigten gerade in ihrem Minimalismus ihr fragiles Erscheinen im öffentlichen Raum. Humor gegen die Angst.  

Bürger!
Ihr kommt in Euer Haus und eine Woge der Dankbarkeit für es macht euch trunken!
Dmitry Aleksanych

Bürger!
Wie gut es unser Kühlschrank mit uns meint und der Fernsehapparat, und der Lift trägt uns gleichsam auf liebenden Händen nach oben!
Dmitry Aleksanych

Auf einen der Zettel tippte Prigov schlicht "Bürger!", und auch diesen hängte er an einen Baum. Kurz nach der Aktion wurde Prigov verhaftet und in die Psychiatrie eingeliefert, doch dank weltweitem Protest kam er bald wieder frei.


Dmitri Prigow, Aus der Serie "Aufrufe an die Bürger_innen" (1985-87) auf der documenta 14. Foto: Anja Seeliger

In Kassel begegnet man Prigovs "Appellen" erneut - ein großes Verdienst! Wie Wolken hängen sie als Sprüche im Raum, ordentlich und mit viel Luft auf viereckige Blätter getippt. Man lacht hier und da, doch nichts erinnert mehr an die einstige aus der Not der Zeit geborene Kassiber-Ästhetik. Die Kasseler Installation glaubt an den Inhalt. So hat sie die aus der Form geborene innere Wucht des Werkes, den "Appell" zur Rückeroberung des öffentlichen Raums zerstört. Kann man das überhaupt ins Heute hinein retten?

Zusätzlich hat in Kassel das postmoderne deutsche correctness-Fieber aus den "Bürgern" des Originals plötzlich "Bürgerinnen und Bürger" gemacht. Dabei weiß jedes Kind, in welchem Ausmaß im Sozialismus die Frauen ihren Mann standen, weshalb der Staat nur "Genossen" und "Bürger" kannte.

Bürger!  
Wo ist Griechenland? Wo Italien?! Nichts um uns deutet darauf hin, dass es diese Länder wirklich gibt!
Dmitry Aleksanych


Mit der Konzeptkunst kehrte damals in der Sowjetunion der Streit um die Ästhetik mit aller Macht zurück. Ihr zentrales Anliegen: die Kritik der Entrealisierung der Wirklichkeit, ist heute so beängstigend aktuell wie damals. Man steht vor den Zetteln und erkennt: Große Kunstwerk sind unkaputtbar - nicht einmal eine schlechte Inszenierung vermag sie klein zu kriegen.

Bürger!
Stellt die Geduld der Natur nicht auf die Probe - sie wird sie nicht bestehen und weggehen.
Dmitry Aleksanych



****

Die Übersetzung ausgewählter "Appelle" erschien erstmals in Dmitri Prigov, Poet ohne Persönlichkeit. Text und Porträt, im Rahmen der Publikationsreihe des Berliner Künstlerprogramms des DAAD am LCB, Berlin 1991. Übersetzung: Peter Urban.

Abbildungen der Original-Zettel finden sich in dem Ausstellungs-Begleitheft "Havel - Prigov and Czech Experimental Poetry", veröffentlicht vom Museum of Czech Literature, Prag 2016. Danke an Dr. Sabine Hänsgen für den Hinweis.


Hier können Sie die Tagtigall abonnieren