
Dieser Essay ist ein Geniestreich, möglicherweise epochal.
Hussein Aboubakr Mansour, der sich in der Autorenbio schlicht als "ägyptisch-amerikanischer Autor" vorstellt,
versucht nicht weniger als eine Antwort auf
Bernard Lewis' berühmte, nach dem 11. September gestellte Frage: "
What went wrong?" Der Orientwissenschaftler hatte als Erklärung für die
islamistische Gewaltexplosion den Niedergang der islamischen Zivilisation ausgemacht, der am Ende in den Hass auf den Westen und letztlich auch sich selbst geführt habe. Mansour sucht dagegen die Antwort nicht in internen Ursachen der islamischen Länder und Kulturen. Für ihn ist der Islamismus nicht der Versuch einer Rückkehr zum wahren Islam, sondern das Ergebnis einer
höchst toxischen Befruchtung eigener Traditionen mit Ideologien, die aus Europa, und zwar besonders aus Deutschland importiert wurden, allerdings nicht mit der Skepsis der Aufklärung, sondern mit romantischen und totalitären Ideologien des 19. und 20. Jahrhunderts von Marx bis Heidegger. Sowohl der arabische Nationalismus, als auch der Panarabismus, als auch der Islamismus saugen aus diesen Quellen, so Mansour. Der Panarabismus bediente sich aus sozialistischen Ideen, der Islamismus aus dem eliminatorischen Antisemitismus, den Mohammed Amin al-Husseini, der "Mufti von Jerusalem" und Mentor Jassir Arafats mit Hitler teilte. Mansour spricht von einem Prozess "intellektueller Ansteckung".
Deutsche Geschichtsphilosophie war äußerst nützlich: "Der Traum von einer völlig neuen Weltordnung - sei es im Namen der Nation, der Rasse oder der Klasse - bot einen radikalen Bruch mit der Unterlegenheit." Und etwas anderes kam hinzu: "Die deutsche philosophische Tradition, von Fichte bis Heidegger, trug eine tiefe Feindseligkeit gegenüber der
imperialen Moderne in sich, die durch Frankreich und England repräsentiert wurde. Sie entstand aus der deutschen Revolte gegen die napoleonische imperiale Herrschaft. Sie stellte die französische und britische Aufklärung nicht als Höhepunkt der Zivilisation dar, sondern als
Verrat am Sein, an der Verwurzelung, an Blut und Boden, an der ursprünglichen Authentizität. Diese Kritik fand bei den Arabern großen Anklang. Hier war ein Europa, das die westliche Vorherrschaft ablehnte. Hinzu kam, dass Deutschland sich nicht an der Aufteilung des Nahen Ostens beteiligt, sondern den Sultan gegen die Kolonialmächte unterstützt hatte." Der Nahe Osten wird so für Mansour zum Fokus, in dem die drei Totalitarismen verschmelzen. Heutige "propalästinensische" Demonstranten stehen sowohl in einer Linie mit dem Antiimperialismus als auch dem
eliminatorischen Antisemitismus nationalsozialistischer Prägung. Auch die postmoderne Wende - "die Wende von Geschichte zu Identität" - hat diese Fusion der Totalitarismen überlebt: "Auch der Westen ist von der Wahrheit zum Narrativ, von der Geschichte zum Trauma, von der Politik zur Identität übergegangen - und zunehmend zum Nihilismus." Was in der arabischen Welt falsch lief, so Mansour, könnte, ja wird nun
auch im Westen schief laufen.