Intervention

Wunsch nach Orientierung

Von Peter Mathews
09.03.2026. Kaum hatten die Feuilletons die Diskussion um die Berlinale und ihre Chefin Tricia Tuttle verkraftet, mussten sie sich einer neuen Herausforderung stellen: Der zuverlässig instinktlos agierende Kulturminister Wolfram Weimer hatte ein paar harmlose linke Buchläden von einer Preisliste gestrichen, die eine willkommene kleine Subvention mit sich bringt. Kuriosität am Rande: Einst waren Buchhandlungen stolz darauf, keine Staatsgelder zu wollen.
Die Betreiber von Tischlereien, Friseurläden oder Buchhandlungen sind Gewerbetreibende, auch wenn sie ihr Handwerk oder Geschäft kunstvoll betreiben. Buchhandlungen nennt man branchenüblich  auch Sortimente, das heißt sie passen ihr Angebot an die Wünsche ihrer Kunden an.  Das Führen einer Buchhandlung mag eine Kunst sein, das gehört aber eher zur Gewerbe- denn zur Kunstfreiheit.  Buchhändler sind Kaufleute und keine Künstler.

Dass sich aktuell die drei Buchhandlungen, die von der Liste  der Preisträger für den Buchhandelspreis auf die Kunstfreiheit berufen, ist amüsant. Aber das passt zum Zeitgeist und zu dem Buchhandelspreis, bei dem es sich  im Kern um nichts anderes als eine verdeckte qualitative Wirtschaftsförderung handelt, die aus dem Kulturhaushalt bezahlt wird. Jeder kommt irgendwann mal dran.

Der Verlags- und Sortimentsbuchhandel war bisher immer stolz darauf, dass er im Gegensatz zu Museen, Theatern und vor allem der Filmwirtschaft ein Teil der Kreativwirtschaft ist, der wie die Musik- und Gamesproduktion oder die Werbewirtschaft ohne staatliche Förderung auskommt. Wirtschaftliche Unabhängigkeit bedeutete auch Meinungs- und Gestaltungsfreiheit. Aber Wunsch nach Orientierung und der nach Gut und Böse lechzende bipolare Zeitgeist fordert Tribut. Aus ehemals unabhängigen Bürgerinitiativen wurden von staatlichen Subventionen abhängige Nichtregierungsorganisationen (NGOs), die versuchen als moralische Anstalten das politische Leben zu kuratieren.

Wird auch die Literatur diesen Weg gehen?

Theater, Opern und auch Filme können ohne staatliche Förderung nicht produziert werden. Und sie liefern dann zuverlässig das Gegenteil von dem, was von ihnen erwartet wird. Staatsknete wird Spielgeld, das ausdrücklich zu nichts verpflichtet. Deshalb ist es so begehrt. Jurys übernehmen die Lenkung der Fördergelder. Es scheint eine Frage der Zeit, dass auch Verlage und Buchhandlungen die Vorteile des Modells des fürsorglichen und vormundschaftlichen Staates für sich entdecken. Die Sache mit dem Verfassungsschutz wird man dann auch elegant gegen rechts wenden können. 

Peter Mathews

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