Die größten Skandale

Von Thierry Chervel
11.06.2020. Dass es historische Verbindungen zwischen den Kolonialverbrechen und dem Holocaust gibt, und ein "Dialog" darüber fruchtbar sein kann, ist nicht zu bezweifeln. Aber was genau hatte Achille Mbembe nochmal gesagt? Eine Antwort auf den Rechtsprofessor Ralf Michaels, der die Mbembe-Debatte nicht mit dem Historikerstreit vergleichen will.
Der Rechtsprofessor Ralf Michaels schreibt in der FAZ vom 9. Juni, die Debatte um Achille Mbembe sei fehlgelaufen, weil sie versuche, ein deutsches Narrativ über den Holocaust zu universalisieren und statt dessen den ganz anderen Blick Mbembes auf den Holocaust als antisemitisch zu brandmarken (unser Resümee, hier der Link zum ganzen Artikel).

Dass es historische Verbindungen zwischen den Kolonialverbrechen und dem Holocaust gibt, und ein "Dialog" (mehr hier) darüber fruchtbar sein kann, ist nicht zu bezweifeln. Aber was genau hatte Mbembe nochmal gesagt? "Die Besetzung Palästinas ist der größte moralische Skandal unserer Zeit, eine der entmenschlichendsten Torturen des Jahrhunderts, in das wir gerade eingetreten sind, und der größte Akt der Feigheit des letzten halben Jahrhunderts" (mehr hier). Israel ist also schlimmer als alles, was sonst noch so seit 1945 passiert ist. Mbembe hat aus dieser Ansicht Konsequenzen gezogen und trat bis vor kurzem dafür ein, den Forderungen der Israel-Boykottbewegung BDS nachzukommen und israelische Wissenschaftlerinnen von Symposien auszuschließen - bei Strafe seines eigenen Fernbleibens.

Michaels möchte das alles in seinem Artikel differenzierter sehen und geht darum auf Mbembes Äußerungen nicht ein. Er behauptet stattdessen, dass Mbembe eine Sicht auf den Holocaust übergestülpt werde, die er sich in seiner postkolonialen Sicht nicht zu eigen machen könne.

Die heutige Sicht auf den Holocaust ist keineswegs eine deutsche Errungenschaft, im Gegenteil: die Deutschen mussten mit der Nase in das Unheil gesteckt werden, das sie angerichtet hatten! Die Autoren, die die Deutschen und die Weltöffentlichkeit über den Holocaust aufklärten, hießen Raul Hilberg, Primo Levi, Marcel Ophüls, Danilo Kis, Erwin Leiser, Claude Lanzmann. Für einen Schock sorgten in Deutschland auch der Eichmann-Prozess in Israel und Hannah Arendts Text darüber, die Ohrfeige von Beate Klarsfeld und der von Fritz Bauer angestrengte Auschwitz-Prozess in Frankfurt. Es waren beschämender Weise fast nur jüdische Autoren und Autorinnen, die die Debatte über den Holocaust anschoben, und sie stießen sehr zögerlich und zunächst so gut wie ausschließlich in westlichen Ländern auf Gehör.

Dann folgten in allen Ländern - Deutschland, Frankreich, USA, Italien - und nach dem Mauerfall auch in Osteuropa HistorikerInnen und fingen mit dem zähen und bis heute nicht abgeschlossenen Prozess der Aufarbeitung an. Der Blick auf den Holocaust, der sich daraus entwickelte, ist keine deutsche Spezialmarotte. Und der Berg von Fakten, der in jahrzehntelanger Arbeit mühsam gesichert wurde, ist nicht eine von mehreren möglichen Versionen.

Michaels nennt es bezeichnend, dass die Mbembe-Debatte mit dem Historikerstreit verbunden wird (mehr in meinem ersten Essay und bei Hans Ulrich Gumbrecht in der Welt), "als bestünde kein Unterschied zwischen dem Versuch des Deutschen Ernst Nolte, die deutsche Verantwortung zu relativieren, und dem Versuch des Afrikaners Mbembe, den Holocaust in eine umfassendere Verantwortung einzuordnen". Aber sowohl bei Nolte wie bei Mbembe fällt der Wunsch auf, ein Ereignis, das im Innersten keinen Sinn hat und dessen einzige Botschaft es ist, dass es niemals hätte stattfinden dürfen, in eine Kontinuität einzuordnen. Und auffällig ist, dass Autoren wie Michaels und offenbar eine große Phalanx deutscher und europäischer Akademiker den Sinn des Postkolonialismus darin sehen, wieder eine solche Kontinuität herzustellen, die einst bei Nolte vehement bekämpft wurde. Michaels drückt es so aus: Das Besondere des Holocaust sei nur, "dass der Genozid nach Europa heimkehrt; die Singularisierung des Holocausts bedeutet dann, europäischen Erfahrungen gegenüber nichteuropäischen den Vorzug zu geben". So sehe es jedenfalls der Postkolonialismus, und das müsse man ihm gönnen.

Michaels treibt den Relativismus (das Wort lässt sich nicht vermeiden, auch wenn es Aleida Assmann und Jan Assmann, hier, nicht mögen) dann ins Extrem: "Diese Perspektive muss man nicht objektiv richtig finden - sie entstammt ja ihrerseits einem bestimmten Horizont."

Aber wenn die Sicht Michaels' in den europäischen Geisteswissenschaften verbindlich wird, dann bedeutet das einen geradezu grundstürzenden Paradigmenwechsel für die Geschichtsschreibung der letzten hundert Jahre. Der Holocaust wird weniger als ein Ereignis wahrgenommen und mehr als ein Kapitel unter vielen in einer Universalgeschichte, die als die Eroberung der übrigen Welt durch den weißen Mann zu resümieren ist. Das ist es ja gerade, was mit Relativierung gemeint ist: Nicht nur Nolte versucht, die deutsche Verantwortung für den Holocaust zu mindern - auch in einer Geschichtsschreibung, in der der Holocaust nur noch darauf hinausläuft, "dass der Genozid nach Europa heimkehrt", verschiebt die Akzente in der Schuldfrage. Die Verantwortung liegt nun nicht mehr bei den Deutschen, sondern ganz allgemein beim Westen und seiner Welteroberung. Michaels nennt das "umfassendere Verantwortung".

Michaels schreibt, dass die angebliche "Singularisierung des Holocaust" im deutschen Diskurs für Mbembe eine Bevorzugung "europäischer Erfahrungen gegenüber nichteuropäischen" bedeute.

Aber wer singularisiert hier? Mbembe versucht eine Täter-Opfer-Umkehr (mehr hier). Was Israel tut, ist demnach so schlimm, wie das, was den Juden angetan wurde. Implizit ist das einerseits eine Behauptung von Singularität: Denn ausgerechnet Israels Skandal ist der größte Skandal seit dem größten Skandal. Gerade das führt andererseits zur Relativierung: Der Holocaust ist ein Skandal in einer Reihe anderer Skandale, dessen Muster - so auch Michaels - zuerst von Kolonialmächten in den Kolonien entwickelt wurde. Gerade die Empfindung des Skandals führt wie bei Nolte zur tiefen Sehnsucht, ihn in eine historische Folgerichtigkeit einzuordnen, die der eigentliche Verrat an der Bodenlosigkeit eines solchen Ereignisses ist. Das Problem und das Charakteristische ist gerade Mbembes Fixierung auf den "größten Skandal" Israel. Unabhängig von der Frage, ob der Holocaust nun singulär ist oder nicht, macht es ihn blind für all die Skandale, die er in seiner Aufzählung der "größten Skandale" vergisst: Maos Kulturrevolution, den Genozid in Kambodscha, den Genozid in Ruanda, wo Frankreich zwar eine trübe Rolle spielte, aber nicht selbst mit der Machete zuhieb.

Oder zählen für die postkolonialen Diskurse nur die Ereignisse, die ins Muster passen?

Thierry Chervel