Intervention

Disput am Tisch

Von Lacy Kornitzer
18.03.2026. Zwischen dem Land des Despoten und allen anderen Ländern müsste eine Wüste liegen. Zu spät. Vor hundert Jahren wäre es noch möglich gewesen, den Despoten zu isolieren. Stattdessen wurde er umschmeichelt, man ließ sich auf Geschäfte ein mit ihm im Glauben, das stimme ihn mild. Doch ewig wird es nicht so bleiben, die Abnutzung kommt...
DISPUT AM TISCH

Als Sulla den Römern die Freiheit wiedergeben wollte, waren sie nicht mehr fähig, sie zu ertragen.

Dem Perfidesten hängt der Nimbus an, der Geschickteste zu sein. Unter dem Druck der Barbarei helfen nur allgemeine Wahrheiten gegen das Übel. Die Gewalt galt damals und sie gilt heute, das Recht hingegen nicht. Das weiß inzwischen jeder. Unklar ist nur, was diese reißenden Tiere, die man Menschen nennt, zusammenhält.

Was schlagen Sie vor?

Keine falsche Humanität walten lassen. Wir befinden uns im Verteidigungszustand. Nur äußerste Härte und größte Grausamkeit werden künftiges Blutvergießen verhindern. Es muss erreicht werden, dass die Herzen der Menschen ein für allemal vor Schreck erstarren und dass die Angst sie erweicht. Man muss nur Politik zu machen verstehen.

Von Interesse aber ist nicht der physische Aspekt, sondern dessen Bedeutung. Nicht die Fakten zählen, sondern das, was sie bedeuten. Mir geht es um das Recht heute, und nicht um versprochene künftige Ordnungen. Zwischen dem Land des Despoten und allen anderen Ländern müsste eine Wüste liegen.

Zu spät. Vor hundert Jahren wäre es noch möglich gewesen, den Despoten zu isolieren. Stattdessen wurde er umschmeichelt, man ließ sich auf Geschäfte ein mit ihm im Glauben, das stimme ihn mild. Resultat: hundert Millionen Tote. Das ist Fakt. Und das soll nicht zählen? Ein Fakt mit der Bedeutung, dass eine Wiederholung mit allen Mitteln zu verhindern ist.

Wir sind in Europa.

Das den Tod vor Augen schlappe Orgien feiert. Während die anderen morden, der impotente Russe und der impotente Amerikaner, lasst uns darüber nicht philosophieren, irgendwelche faulen Abhandlungen abliefern, keine kurzlebigen Erklärungen, nichts Symbolisches; versucht es nicht mit Logik. Kommt uns nicht mit Lenin und James William Forsyth, auch Sitting Bull lebt nicht mehr, führt jetzt nicht Becketts Endspiel auf oder das Dunkel von Maeterlinck, Kein Mysterium, keine Schmiere, kein Gebet und Hohn, kein metaphysisches Auskunftsbüro jetzt, einfach konkret sein, genau sein, die Situation als das sehen, was sie ist: beide, der gegenwärtige Russe und der gegenwärtige Amerikaner mit dem Rücken zu einander, dann wieder Hand in Hand, beweisen der Welt, dass sie doch noch potent sind, diese in einer anzunehmenden letzten Anschwellung ihrer Potenz zeigen sie uns spektakulär mittels bildkräftiger Gewalt, Mordlust, Hinrichtung, Deportation, Ausrottung. Sie wollen, als Auskunft über sich selbst, die Erde brennen sehen, in einer Nacht, die schon fünf Jahre andauert. Kein Zweifel, eine andere Möglichkeit gibt es für die beiden nicht. Das ist so, das wird so weitergehen, doch ewig wird es nicht so bleiben, die Abnutzung kommt, alles wird ganz schäbig, ist auch schon, sie werden verrecken, und einmal wird es enden, vielleicht. Erkennt einfach den Befund, er liegt geöffnet auf dem Tisch.

Lacy Kornitzer