Durchsuchen Sie unsere Bücherdatenbank nach Themen, Ländern, Epochen, Erscheinungsjahren oder Stichwörtern.
Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.
All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.
Aus dem Archiv
Links
Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Essay

Wieviele Divisionen hat Garri Kasparow?

Von Andre Glucksmann
03.05.2007. Putin, sein Öl, sein Gas. Gerhard Schröder steckt sich seine Dividenden ein. Anna Poltikowskaja ist schon vergessen. Die neuen Dissidenten um Garri Kasparow lassen unsere moralischen Autoritäten kalt. Habt Ihr nichts gelernt, Ihr Großen Europas? Von Andre Glucksmann
Als die Panzer des Ostblocks den Prager Frühling niederwalzten, waren sie zu neunt auf dem roten Platz. Neun Dissidenten, neun mutige Männer und Frauen, die die sowjetische Diktatur herausforderten. Nur einige wenige europäische Intellektuelle zeigten sich von ihnen berührt und schafften es, die Befreiung dieser einsamen Helden aus den psychiatrischen Anstalten zu erwirken, in die die politische Polizei sie gesperrt hatte.

Und doch mussten die europäischen Kanzleien und Generalstäbe 21 Jahre danach zu ihrer Verblüffung feststellen, dass diese Federgewichte - Solschenizyn, Sacharow, Bukowski und die neun vom Roten Platz das sowjetische Reich besiegt hatten.

Alle Großen dieser Welt sind Opfer des Stalin-Syndroms: "Wieviele Divisionen hat der Papst?" Unglücklicherweise korrigieren allerdings die Despoten ihre Rechenfehler früher als die Demokraten. Jene Geheimdienste, in denen Putin seine Grundausbildung absolviert hatte (bevor er an die Spitze des KGB und des russischen Staates gelangte), versuchten, Johannes Paul II. zu liquidieren, bevor die westlichen Regierungen den immensen antitotalitären Freiheitsdrang, den Karol Woytila symbolisierte, auch nur begriffen hatten.

Die neue Dissidenz, die jüngst in Moskau demonstrierte, ließ die moralischen und politischen Autoritäten kalt. Paris, Rom, London, Berlin wenden den Blick ab und ziehen Bilanz: Putin, sein Öl, sein Gas, seine Vernichtungswaffen und die Waffen, die er auf dem ganzen Planeten verkauft, wiegen schwerer als ein paar tausend Demonstranten, die von zehn mal stärkeren Ordnungskräften, geschlagen, zerstreut und festgenommen werden. Schröder steckt sich seine Gasprom-Dividenden ein, Jacques Chirac geht ohne das geringste Bedauern für das Großkreuz der Ehrenlegion, das er Putin ans Revers heftete, in Rente. Und Romani Prodi scheint Putin mit Puschkin zu verwechseln.

Anna Poltikowskaja wurde ermordet und ist schon vergessen, zusammen mit Dutzenden anderer Journalisten, die Opfer tödlicher Kontrakte wurden. Die Journalisten, die über die Auftraggeber der in Moskau in die Luft gejagten Häuser recherchierten, sind liquidiert. Bei den Explosionen starben 300 Menschen. Sie dienten als Vorwand für den Tschetschenienkrieg. Und Litwinenko wurde mit Polonium vergiftet.

Chodorkowski und Trepaschkin sind im tiefsten Sibirien eingekerkert. Jeder vierte oder fünfte Tschetschene ist ums Leben gekommen. Garri Kasparow und seine Freunde werden bedroht und daran gehindert, mit einer Rose in der einen und der russischen Verfassung in der anderen Hand zu demonstrieren. Wieviele Köpfe müssen abgeschnitten und Hoffnungen zerstört werden, damit die Europäer, diese Freunde der Menschenrechte, reagieren?

"Für die Europäer bedeuten 5.000 Menschen auf der Straße nicht sehr viel. Aber in einem Land, in dem die Beteiligung an einer Demonstration ernste Folgen haben kann, sind selbst tausend Menschen ein Erfolg", erklärt der ehemalige Schachweltmeister zurecht. Liebe Leser, begreifen Sie den Euphemismus, der in diesem Satz steckt: Denn diese Demonstranten leben in einer Gegend, in der "eine Kugel im Kopf immer noch der schnellste Weg der Konfliktlösung ist" (so eine seherische Anna Poltikowskaja im Jahr 2003).

Vorsicht! Glauben Sie nicht, dass es hier allein um Idealismus, Moral und Werte geht. Stellen Sie nicht Gutmenschentum in Gegensatz zu Realismus, Überzeugungsethik in Gegensatz zu Verantwortungsethik.

Seit wann ist es realistisch und verantwortungsvoll, vor den Pforten der Europäischen Union, auf einem Sechstel der Erdoberfläche, eine autokratische Macht heranwachsen zu lasssen, die niemand kontrollieren kann - außer dem Herrn des Kremls, seinen Geheimdiensten, seiner Polizei und Armee. Haben wir vergessen, dass Russland über das zweitgrößte Atomwaffenarsenal und eine unglaubliche Macht der Erpressung (Öl, Gas) verfügt?

Wenn Zensur, Korruption, Schläge, Drohungen und Mord alle Kritik verhindern, alle Opposition lähmen, dann gibt es niemanden mehr in der russischen Gesellschaft, der für Demokratie, Vernunft, Verantwortung, Vorsicht und menschlichen Respekt eintreten kann.

Habt Ihr nichts gelernt, Ihr Großen Europas? Findet Ihr es weise dabei zuzusehen, wie alle internen Gegengewichte vernichtet werden, die helfen könnten, eine einsam agierende, willentlich oder unwillentlich zur Weltvernichtung fähige Macht zu bremsen?

Muss daran erinnert werden, dass Wladimir Putin vor der Duma im April 2005 seine Bilanz der Geschichte enthüllte und den Sturz der Sowjetunion als "die größte geopolitische Katastrophe des Jahrhunderts" bezeichnete. Vor den Augen unseres großen Mannes konkurrieren im 20. Jahrhundert weder Auschwitz noch Hiroshima, weder die beiden Weltkriege, noch die Millionen Toten des Gulag um den Titel des größten Unglücks in der Geschichte.

Die Schleifung Grosnys, die Abschlachtung Hunderttausender tschetschenischer Zivilisten, die Vernichtung der mageren Meinungsfreiheit in Russland bezeugen die Obsession des Kremls: die panische Angst vor jeder Art der Infragestellung.

Es ist Zeit, dass die Europäische Union ihre Leidenschaft für die Freiheit bekennt. Dieser Leidenschaft verdankt sie ihren Ursprung. Sie beseelte die antitotalitären Revolten von Berlin (1953), die Erweckung Polens (1956), den Aufstand von Budapest (1956), Prag, Warschau und schließlich den Mauerfall in Berlin. Und auch was folgte: vom Studentenaufstand gegen Milosevic in Belgrad, über die Rosen-Revolution in Tbilissi bis zum Kiewer Dezember in Orange. Es ist höchste Zeit laut auszusprechen, dass die Seele Europas nicht in ein paar Divisionen, sondern im Andern Russland und in Garri Kasparow liegt.

*

Der Artikel erschien zuerst am 25. April 2007 im Figaro.

Übersetzung: Thierry Chervel

Archiv: Essay

201612345678910111220151234567891011122014123456789101112201312345678910111220121234567891011122011123456789101112201012345678910111220091234567891011122008123456789101112200712345678910111220061234567891011122005123456789101112200412345678910111220031234567891011122002123456789101112

Archiv: Essay

Charlotte Krafft: Das Postpost oder Wege aus dem Ich

19.07.2016. Dem deutschen literarischen Nachwuchs wird immer wieder vorgeworfen, er beschäftigte sich nur mit sich selbst, habe nichts zu sagen und wage nichts. Woher kommen diese Vorwürfe, sind sie berechtigt und wenn ja, warum ist das so? Mehr lesen

Wolfgang Brauneis, Hans-Jürgen Hafner: Das Richtersche Rakel-Treatment

07.07.2016. Ein abstrakter Werkzyklus des großen Malers Gerhard Richter, der jüngst in Baden-Baden ausgestellt wurde, heißt "Birkenau". In der Ausstellung hingen auch Reprografien von vier Bildern, die von Häftlingen des Lagers unter Lebensgefahr aufgenommen und der Anlass von Richters Zyklus waren. Über Strategien, die aus einem "Bild", ein "Mahnmal" und dann ein "Hauptwerk" machen. Und über eine Öffentlichkeit, die diese Strategien flankiert und verstärkt. Mehr lesen

Martin Vogel: Anmerkung zu einem richtigen Urteil

01.07.2016. Der Streit um den Verlegeranteil an den Ausschüttungen der VG Wort ging durch alle Instanzen zum Bundesgerichtshof, der das Verfahren wegen einer vorgreiflichen Entscheidung des EuGH ausgesetzt hatte. Alle vier Gerichte haben gegen die bisherige Praxis entschieden: Die Gelder standen allein den Autoren zu. Die Verleger reagierten empört. Gegenpositionen waren in der Presse kaum zu lesen. Darum scheint mir als dem Kläger in dieser Sache eine Antwort erforderlich. Mehr lesen

Rüdiger Wischenbart: Jener tiefe Riss

27.06.2016. Ein Blick auf die jüngsten Abstimmungen in Österreich und in Britannien zeigt: Nichts ist internationaler als die neuen nationalistischen Konvulsionen. Die Tendenzen gleichen sich zum Teil bis ins Detail. Dass es nur die Abgehängten sind, die gegen die Globalisierung stimmen, ist allerdings unrichtig, denn den Rentnern geht es heute besser denn je. Es hat mehr damit zu tun, was man sich von der Zukunft erhofft. Mehr lesen

Thierry Chervel: Pauken, Zimbeln und Tschingderassassa

24.06.2016. Wie und warum in Lyon die "Entführung aus dem Serail" inszeniert wurde. Und wie es kommt, dass der Perlentaucher drüber schreibt.
Mehr lesen

Wolfgang Ullrich: Kunst und Flüchtlinge: Ausbeutung statt Einfühlung

20.06.2016. Berühmte Künstler wie Olafur Eliasson, Ai Weiwei oder das "Zentrum für Politische Schönheit" machen den Zuschauern verschiedene, nach Intensität gestaffelte Angebote, auf dem Rücken der Flüchtlinge ihre Seelen zu bereichern und ihre "Großgesinntheit" unter Beweis zu stellen. Einwand gegen eine Ästhetik des guten Gewissens. Mehr lesen

Rüdiger Wischenbart: Plötzlich die Stille

24.05.2016. Die Flüchtlingskrise war nur der Auslöser: Die messerscharfe Polarisierung zwischen "den Eliten" und "dem Rest" reicht in Österreich viel weiter zurück. Gerade durch diese Besonderheit, die das Land in zwei gleiche starke Lager spaltet, wird es zum Menetekel für den Rest Europas. Mehr lesen

Aleida Assmann: Zwei Tage im Mai

13.05.2016. Die Gründung der Montanunion am 9. Mai 1950 hat sich nicht als europäischer Gedenktag durchsetzen können. Denn das fundierende Schlüsselereignis für Europa ist der 8. Mai 1945: die Kapitulation Deutschlands und das Ende des Zweiten Weltkriegs. Ob und wie dieser Tag in den verschiedenen Ländern begangen wird, hängt jedoch von den geltenden Geschichtsnarrativen ab - und die sind noch immer umkämpft. Mehr lesen

Wolfgang Kraushaar: Die Ethnozentriker, ihre Vordenker und die Deutschen

22.04.2016. Die Auseinandersetzung mit der AfD vor dem Hintergrund der Flüchtlingsfrage wird der Lackmustest für die deutsche Demokratie. Bislang hat die deutsche Politik den Rechtsextremismus schmählich verdrängt - das Versagen im NSU-Skandal reichte bis in die Spitzen des Apparats. Auf die Fünfprozenthürde für die AfD bei den Bundestagwahlen darf keiner mehr hoffen. Wie also umgehen mit der AfD und den von ihr instrumentalisierten Themen? Mehr lesen

Wolfram Schütte: Jokoser Totschlag

11.04.2016. Weil Jan Böhmermann davon ausging, mit seinen ekligen Sottisen auf primitivster Art über den türkischen Autokraten herziehen zu können, ohne dass er juristisch dafür belangt werden könnte, hat Angela Merkel nun den Salat. Sein Schmähgedicht ist nicht Satire. Mehr lesen

Pascal Bruckner: Neokoloniale Verachtung

26.02.2016. Eine Gruppe von "Experten" nimmt ihren ganzen Mut zusammen, um kollektiv gegen die Meinungsäußerung eines für sich sprechenden Autors zu protestieren. Kamel Daoud wird durch ihre Petition zum Apostaten gestempelt. Er hat sich die Freiheit genommen, die eigene Sphäre zu kritisieren, ein Recht das ihrer Meinung nach nur westlichen Intellektuellen zusteht. Eine Antwort an die Adresse der Wachhunde der Fatwa. Mehr lesen

Daniele Giglioli: Die Willkür unseres Wohlwollens

27.01.2016. Ist es statthaft, Flüchtlinge nicht als Opfer zu sehen, ihnen nicht mit Mitgefühl zu begegnen? Absolut, meint der italienische Literaturwissenschaftler Daniele Giglioli. Denn die Adressierung als Opfer, so gut sie auch gemeint sein mag, verhindert die Auseinandersetzung auf Augenhöhe, gerade auch über unterschiedliche Kultur- und Gesellschaftsvorstellungen. Mehr lesen

Eva Quistorp: In zig Alltagssituationen

18.01.2016. Die einen missbrauchen das Ereignis. Die anderen polemisieren gegen diesen Missbrauch. Keiner kümmert sich um die, um die es wirklich geht: die Frauen zuerst. Und dann die ungeheure Integrationsarbeit. Mehr lesen

Diedrich Diederichsen, Simon Rothöhler: Der Stoff für alle

18.12.2015. Ist der Höhepunkt moderner Serienerzählung bereits überschritten? Oder treten wir in die Lelouch-Phase der Serie ein? Sind Serien immer noch der einzige Stoff, über den sich alle unterhalten können? Und was ist mit ihrem Anspruch auf Gegenwartsdeutung? Ein Gespräch über Serien. Mehr lesen

Gustav Seibt: Zur Klärung der Begriffe

25.11.2015. Wer die Menschenrechte ganz aufklärerisch für universal hält, braucht sich bei Kulturtypologien und Wertlehren oder Religionskritik nicht lange aufzuhalten. Es geht darum, diese universellen Rechte vernünftig zu vermitteln. Eine Antwort auf Thierry Chervel. Mehr lesen