Essay

Handkes Serbien

Von Vahidin Preljevic
07.11.2019. Peter Handke war schon vor dem Nobelpreis ein vielfach ausgezeichneter Schriftsteller. Aber ein Tag im Leben Handkes war doch besonders: Am 8. April 2013 erhielt er in Belgrad gleich drei Auszeichnungen. Die Preise, seine Laudatoren und die Autoren und Politiker, die ihn auszeichneten, erlauben einen unheimlichen Blick auf Handkes Serbien.
Der 8. April 2013 ist ein besonderer Tag in der literarischen Biografie Peter Handkes. Selbst ihm, Träger vielfacher literarischer Auszeichnungen, ist sicher bis dahin noch nicht oft passiert, dass er an einem Tag gleich drei Ehrungen entgegennehmen muss. An diesem denkwürdigen Tag ist Handke also in Belgrad und hat einen anstrengenden, wenn auch bereichernden Tag vor sich.

Die Szene spielt ungefähr sieben Jahre nach seinem Libération- und SZ-Artikel, geschrieben im Zuge des Streits um den Heinrich-Heine-Preis, wo er den Srebrenica-Völkermord zwar als das schlimmste Verbrechen nach dem Zweiten Weltkrieg bezeichnet, es aber gleich danach zum Rachemassaker erklärt, und in einem geschickten Manöver Genozidtäter zu Genozidopfern macht. Und zwei Jahre nach dem Ketzerbriefe-Interview, in dem er noch einmal zum Thema richtig loslegt, die Ermordung von 8.000 Menschen "nicht verurteilen", würde, diese aber auch "nicht uneingeschränkt gutheißen" kann, und dann noch ein wenig über die Opfer von Srebrenica herzieht. Aber das sollte inzwischen bekannt sein (mehr in Alida Bremers Perlentaucher-Essay).

Im Übrigen schreibt er in dieser Zeit noch die "Morawische Nacht", das große Versöhnungsepos, das die Literaturkritik erleichtert feiert, und den gewichtigen "Großen Fall". Und selbst "Die Kuckucke von Velika Hoča" haben nicht viel von jener Aggressivität der früheren Jugoslawien-Texte. Und dennoch, er erinnert seine deutschsprachigen Leser hier und da daran, dass er immer noch voll bei der Sache ist, in seinem Gerechtigkeits-Dauerkreuzzug für mutmaßliche und verurteilte Verbrecher: Er schreibt einen wenig beachteten aber äußerst bemerkenswerten Essay über Dragoljub Milanović ("Die Geschichte des Dragoljub Milanović". Verlag Jung und Jung, Salzburg / Wien 2011), den ehemaligen Direktor des Serbischen Staatsfernsehens, der von einem serbischen Gericht wegen der Mitschuld am Tod von 16 Fernsehangestellten während eines Nato-Luftangriffs zu einer hohen Freiheitsstrafe verurteilt wurde. Das Gericht befand, er habe trotz mehrfacher Vorwarnung, das Gebäude zu evakuieren, dies absichtlich nicht getan, und sich somit einer schweren und fatalen Dienstpflichtverletzung schuldig gemacht. Wieder wusste Handke mehr als alle Juristen, Experten, Historiker zusammen. Er hat einen neuen Novislav Đajić, einen "schuldlos Schuldigen" gefunden

Aber zurück zu jenem 8. April 2013.

Den ersten Termin hat er gleich beim serbischen Präsidenten, Tomislav Nikolić, der ein Jahr zuvor ins höchste Staatsamt gewählt worden ist. Nikolić und Handke kennen sich, denn schon Anfang 2008 hatte der österreichische Schriftsteller Nikolić, der damals noch Präsidentschaftskandidat war, in der Zentrale seiner Serbischen Radikalen Partei (SRS) besucht, und bei dieser Gelegenheit öffentlich gesagt: Obwohl er weder in Österreich noch in Frankreich je wählen gegangen sei, würde er jetzt, wäre er serbischer Staatsbürger, sich bei bevorstehenden Wahlen in Serbien beteiligen und eben Nikolić wählen, wie die Politika am Tag danach berichtete.

Handke im Jahr 2008 mit Tomislav Nikolić vor den Büchern von Vojislav Šešelj

Zwei relativ unbekannte Fotos, die diese Begegnung von 2008 festhalten, und die in dem Parteiorgan Velika Srbija ("Großserbien") veröffentlicht sind, zeigen Handke mit Nikolić vor einer Bücherwand mit Werken des berüchtigten großserbischen Ideologen und Führers der SRS Vojislav Šešelj, der sich zu diesem Zeitpunkt wegen Kriegsverbrechen in Den Haag verantworten musste und inzwischen auch letztinstanzlich als Kriegsverbrecher verurteilt wurde.

In seinem Pamphlet-Reiseessay "Gerechtigkeit für Serbien" von 1996 hatte Handke noch gefragt: "Wie verhält sich das wirklich mit jenem Gewalttraum von 'Groß-Serbien'? Oder ist es nicht auch möglich, daß da die Legendensandkörner in unseren Dunkelkammern vergrößert wurden zu Anstoßsteinen?" Sollte er noch 2008 daran gezweifelt haben, hätte er nur den Titel des Parteiorgans, in dem auch seine Unterstützung für dieses ideologische Projekt dokumentiert ist, zur Kenntnis nehmen müssen. Oder sich nur kurz umschauen müssen: dort gleich hinter ihm prangten die Titel der Bücher von Šešelj, der während des größten Teils von Miloševićs Regierungszeit  sein enger Verbündeter war, Schriften mit Titel wie: "Ideologie des serbischen Nationalismus" (2002), "Das kriminelle katholische Projekt der Bildung einer künstlichen kroatischen Nation" (2007), oder "Die Affäre Hrtkovci und die Ustascha-Hure Nataša Kandić" (2007) (gemeint ist die berühmte Belgrader Menschenrechtsaktivistin und Vorsitzende des Fonds für humanitäres Recht).

Was hatte  er im Januar 2008 bei einem Präsidentschaftskandidaten gesucht, der damals noch ganz auf der Linie seines in Den Haag inhaftierten Chefs agierte? Und dann erinnert man sich: ist es nicht so, dass viele Aussagen Handkes durchaus zu Titeln der Šešelj-Bücher passen: etwa, wenn er über den Katholizismus in Slowenien und Kroatien fabuliert, oder Biljana Srbljanović, eine bekannte Belgrader Dramatikerin und Oppositionelle in den neunziger Jahren, als "Westhure" beschimpft (Weltwoche Nr. 35 vom 30.08.2007). Und sein Gastgeber Nikolić, wie auf YouTube-Videos zu sehen, begleitete Šešelj bei seinen militärischen Eskapaden während der Kriege in Kroatien und Bosnien-Herzegowina, und und leistete auch einen Beitrag zur Belagerung Sarajevos, wie übrigens auch der gegenwärtige Präsident Serbiens Aleksandar Vučić, eben jener längsten Belagerung einer Stadt in Europa nach 1945, bei der 11.000 Menschen, darunter 1.600 Kinder getötet wurden, und von der Handke mehrfach relativierend schreibt und deren mediale Bilder ihn nerven. Man könnte rätseln, ob Handke Nikolić 2008, oder bei einigen späteren Begegnungen, danach gefragt hat, was er im kroatischen Slawonien 1991/1992 oder auf den Hügeln um Sarajevo 1995 zu suchen hatte.

Handke hätte ihn fragen können, auch an jenem 8. April 2013, als Nikolić, nun Staatspräsident, Handke die Goldene Verdienstmedaille verleiht, und zwar mit der Begründung, wie die staatliche Agentur Tanjug an dem Tag meldet, dass wie vormals christliche Märtyrer für den Glauben, auch Handke für und wegen Serbien gelitten habe. Handke korrigiert selbstlos den Präsidenten, er sei kein Opfer gewesen, das Opfer sei das serbische Volk.

Handke verlässt den Präsidentenpalast und eilt zum zweiten Termin dieses 8. April 2013, zum Stadtparlament. Dort soll er den Momo-Kapor-Preis empfangen. Der Vorsitzende der Jury ist Rajko Petrov Nogo, der Preis wird überreicht von Matija Bećković. Alle vier, der Schriftsteller und Maler Kapor, Namensgeber des Preises, der Dichter Bećković und Nogo, sowie der Laureat, sind verbunden in der  Sympathie für Slobodan Milošević. Bećković unterstütze das Milošević-Regime lautstark seit 1989, setzte seine Literatur für die ethnische Mobilisierung ein, und äußerte einmal, "jeder Gläubige eines Stammes spricht nicht seine Gedanken, sondern Gedanken seines Stammes" (siehe die serbische Zeitschrift  Republika, Nr. 572-573 / 01.05-31.05.2014, S.23).

Kapor, der, wie Miljenko Jergović schreibt, im Hass auf Sarajevo, seine Geburtsstadt, deren Bombardierung er gefeiert hat, seine Seele verloren habe, trat ebenfalls seit Ende der achziger Jahre kontinuierlich als intellektueller Brandstifter auf. Ein enger Freund von Kriegsverbrecher Radovan Karadžić, ebenfalls einem Poeten, den Kapor noch 2010 in einem Interview für die Zeitschrift Pečat eine "Mischung aus James Joyce und Sigmund Freud" nannte; Handke war da bescheidener: er bescheinigte Karadžićs Gedichten in einem Interview, sie könnten von Alfred Kolleritsch und Ilse Aichinger stammen (Profil , am 10. März 1996). Und da wäre noch der dritte Mann in dieser illustren Runde, Rajko Petrov Nogo, der eine begeisterte Jurybegründung zugunsten Handkes geschrieben hat. Auch er ist ein unerschütterlicher Karadžić-Freund und entspricht fast idealtypisch der Vorstellung von einem Blut-und-Boden-Dichter. In seinen Gedichten schwimmt alles in Blut, das nach barbarischer Aktion schreit. Groteske Berühmtheit erlangte er durch eine Aussage aus einem Interview für die Fernsehsendung "TV Politika" in Belgrad vom 27. Juli 1994. Der spätere Handke-Laudator fragte zuerst rhetorisch: "Fürchten sich unsere Brüder Moslems nicht vor unserem ungesühnten Blut?", um dann in einem vampirischen Gestus hinzuzufügen: "Auch wir wollen unsere Portion Blut kosten!"

Wusste Handke von all dem? Oder war es ihm gleichgültig? Oder passt vielmehr Nogos Bild vom ungesühnten Blut nicht sehr gut zu Handkes oft wiederholter These von Rachemassakern in Srebrenica? Und auch zu seinem Bild von Geschichte, das von Rache und Hass als Naturgewalten geprägt ist, aber auch von der Versöhnung der Subjekte mit Erde und Landschaft und Dingen träumt? Hat er sich nur wieder verrannt, und diese Blut-und-Boden-Literaten nur versehentlich durch seinen Namen geadelt, wie einige vielleicht gutwillig meinen würden? Oder ist es nicht viel logischer zu denken, auf Grund der Kontinuität der letzten zweieinhalb Jahrzehnte, in denen er sich fast ausschließlich in diesem Milieu bewegt, wenn er in Belgrad ist, und auf Grund der Fülle seiner ähnlichen Äußerungen und Aktionen, dass dies programmatisch ist, eine geistige Verwandtschaft gar?

Aber da ist noch ein dritter Termin an diesem 8. April 2013. Am Abend im Belgrader Hotel Moskau, das wir aus seinen Reiseberichten kennen, wird er noch zum Mitglied der Akademie der Republika Srpska gekürt. Einer der Laudatoren ist Aleksa Buha, Philosoph und Karadžićs ehemaliger Außenminister, den Handke ebenfalls von früher kennt, und von dem er in einem Interview sagt, er wollte für ihn irgendwie erwirken, dass er den Herder-Preis oder ein Stipendium bekommt. Aber Buha ist ein feiner Herr im Vergleich zum zweiten Redner des Abends, der die eigentliche literarische Einführung zu Handke hält. Sein Name ist Gojko Đogo, ein Dichter, der Ende der siebziger Jahre eine Tito-kritische Gedichtsammlung veröffentlicht hatte und zum nationalistischen Dissidenten aufgestiegen war.

Wer dieser Mann ist, davon zeugt am besten ein Telefongespräch, das er Ende 1991 mit Radovan Karadžić (irgendwie die heimliche Schlüsselfigur dieses Tages) geführt hat (siehe unter anderem NIN, 20.02.2003, das Gespräch kann man auch auf YouTube finden). Der Krieg in Kroatien war schon ausgebrochen, der in Bosnien-Herzegowina wurde gerade vorbereitet. Da klagen die beiden darüber, dass die serbische Armee Dubrovnik noch nicht zerstört und die Umgebung gesäubert hat , und an die imaginäre Grenze Großserbiens (Karlovac-Karlobag-Virovitica in Kroatien) vorgestoßen ist, sie stellen Überlegungen an, wie viele Bosniaken noch am Leben bleiben sollen nach dem kommenden Krieg. Es ist ein angekündigter Genozid unter Vertrauten. Sie fühlen sich mächtig, und das sind sie. Đogo hat Einfluss, Karadžić schon eine Armee in Wartestellung und direkten Draht zu Milošević. Man wüsste gerne, ob Handke dieses Gespräch, das in Den Haag auch als Beweismittel dokumentiert ist, gekannt hat. Vielleicht kannte er dieses Dokument nicht.

Vielleicht hätte er die Ehrungen nicht akzeptiert und wäre an diesem Tag überhaupt nicht nach Belgrad gekommen. Zugleich befürchtet man, das sei bloßes Wunschdenken.

All diese mit Handke bekannten Dichter sind engagiert in einem dubiosen "Internationalen Komitee für die Wahrheit über Radovan Karadžić", das auch Bücher von Karadžić während seiner Flucht publiziert hat, und zu dem zwei gute Bekannte Handkes aus Paris gehören, der Maler Miloš Šobajić und der 2012 verstorbene Dichter Dimitri Analis: für Šobajić, der sich in serbischen Medien als sein Freund ausgibt, schrieb Handke einen Beitrag für die Bildmonografie, für den zweiten engagierte er sich stark auch als Übersetzer seiner Lyrik (s. Vreme 07.03.2002.)

Handke sagt dann an diesem Abend in die Fernsehkameras etwas wie: nur in Serbien und in der Republika Srpska lebe noch Europa. Und er wiederholt es noch einmal am nächsten Tag im Interview für das Belgrader Blatt Večernje Novosti (vom 9. Aril 2013) und begründet das mit einer brisanten Formulierung: "Hier gibt es noch eine Tradition seit Platon, Sokrates, Sophokles, Homer, und diese Tradition wird geliebt. Nicht nur in Serbien sondern auch in der Republika Srpska existiert eine Reinheit, die zweitausend Jahre alt ist. Solche Reinheit existiert weder in Frankreich noch in Deutschland. Es gibt sie zwar, aber sie lebt nicht, sie atmet nicht."

Und dann noch eine letzte Belgrader Szene, die sich sechs Jahre später abspielt: Handke tritt im März 2019 bei einer Gedenkfeier zu zwanzig Jahren Nato-Bombardierung als Redner auf. Dagegen ist zunächst nichts einzuwenden, auch auf den ersten Blick nichts gegen das, was er da sagt. Es gibt Probleme mit Dolmetschern (wie so oft bei seinen Auftritten in Serbien), er versucht es mit Englisch, und am Ende spricht er doch auf Deutsch, über die Freundschaft mit Serbien, über Opfer der Bombardierung, über ein berühmtes serbisches Volkslied. Alles wäre durchaus rührend, wäre da nicht hinter ihm das Wappen eines Klubs der Admiräle der serbischen Armee, und würde man davon absehen, dass diese Veranstaltung von einem Belgrader "Forum für eine Welt der Gleichberechtigten" organisiert ist. Hinter diesem zahmen Namen verbirgt sich ein Verein, der ausschließlich von alten Milošević-Kadern, sowie radikalen Nationalisten und Putinisten geführt wird, geschichtsrevisionistisch (auch in Bezug auf Srebrenica) und extrem antiwestlich eingestellt ist. Mit ihm nehmen noch Verschwörungstheoretiker, radikale AfD-Vertreter, russische Militärs und Geheimdienstler an dieser Konferenz teil. Einer von ihnen gratuliert in diesen Tagen begeistert zum Nobelpreis und rühmt sich eines herzlichen Treffens mit dem großen Literaten im März.

Handkes Serbien, das wird von einigen Fürsprechern übersehen, ist zunächst natürlich kein reales Land, dem er in der Not seiner Isolation beispringt. Es ist das beunruhigende Konstrukt eines Raumes der Gegenmoderne, der verschlossen, antizivilisatorisch, homogen ist, und dessen Spuren vielleicht schon Ende der achziger Jahre in Visionen geschichtsloser Augenblicke sichtbar sind. Maria Todorova hat in ihren Studien gezeigt, wie solche Projektionen vom wilden aber authentischen Balkan als kompensatorische Wunschbilder für die eigene Identität funktionieren. Es ist also zunächst eine ästhetische Utopie, die aber eine entscheidende Diskursgrenze überschreitet, in die Geschichte eingreift und somit die oft beschworene Trennung von Werk und Autor unmöglich macht. Und sie macht die Realreferenz, den ganzen Balkan, insbesondere Serbien, zur Geisel seiner poetischen Obsession. Es ist letztlich ein identitärer, Diskurs der Eigentlichkeit, der sich wörtlich auf Kosten von Tatsachen auslebt, und den die oben beschriebenen völkischen Figuren wie naturgegeben bevölkern. Die Moderne ist hier unerwünscht. Der serbische Essayist Teofil Pančić hat Handke einmal, anlässlich seiner Teilnahme an der Milošević-Beerdigung, einen Star "unter den Parasiten des serbischen Unglücks" (Vreme, 23.03.2006) genannt, und entschieden die Meinung zurückgeweisen, sein Engagement sei "proserbisch". Der Nobelpreis zementiert leider diese unheilvolle Konstellation und legitimiert, weit über den Balkan hinaus, eine zutiefst verstörende Vision.

Vahidin Preljević
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