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Essay 23.12.2022 Wenn aber die Welt immer düsterer wird, ändert sich die Bedeutung der dunklen Tage. Dann ist es nachmittags um vier dunkel, weil Krieg ist, weil es nicht genügend Gas gibt, und weil ein religiöses Terrorregime junge Männer erhängt. Der Schnee könnte dann ein Trost sein, aber er erinnert nur daran, dass es ihn bald nicht mehr geben wird. Nachdenken über das Nichtdenken. Von Ulf Erdmann Ziegler
Essay 05.12.2022 Der Klimawandel mit all seinen Folgen lässt uns wieder auf den harten Boden der Realität aufprallen. Das Leitmotiv kultureller Selbstverständigung lautet nun nicht mehr "Wie wirklich ist die Wirklichkeit?" sondern: wieviel Infragestellung von Wirklichkeit können sich die Gesellschaften des 21. Jahrhunderts noch leisten, ohne ihr Überleben zu gefährden? Dabei wird die Rückkehr des Ernstfalls sich nicht in einer Re-Essentialisierung sinnverwaister philosophischer Disziplinen erschöpfen. In der von allen Lebewesen geteilten Atmosphäre gibt es nämlich nur Eine gemeinsame Welt. Von Daniele Dell'Agli
Essay 07.10.2022 Vor hundert Jahren wurde die Vielvölkerstadt Smyrna in Brand gesteckt. Heute feiert die Türkei diese Tragödie als Befreiung von Izmir, ein fast vergessene Katastrophe in dem an Katastrophen so reichen 20. Jahrhundert. Giles Milton erzählt in "Das Inferno von Smyrna", wie diese Stadt, dieses Inbild der Levante, ausgelöscht wurde. Dass die Türkei diese Geschichte aufgearbeitet hätte, lässt sich nicht behaupten. Von Peter Mathews
Essay 06.10.2022 " Essays gleichen Erkundungsgängen, sprich: sie geben unserem ganzen nicht getrosten Dasein und dem Nicht-ganz-bei-Trost-Sein-darin Raum", so Marie Luise Knott am 23. September 2022, als sie für ihren Langessay "370 Riverside-drive, 730 Riverside Drive" mit dem Tractatus-Preis für philosophische Essayistik ausgezeichnet wurde. Wie eigentlich dankt man, wenn man für etwas ausgezeichnet wird? Von Marie Luise Knott
Essay 13.09.2022 Ein hysterischer Zug, ein Hang zum lauten Symbol mit Echo, durchzieht das Werk dieses Fotografen und Filmemachers. Von seinem frühesten Fotobuch, "Life is Good & Good for You in New York" über seine Filme "Who are you, Polly Maggoo?" und "The French" bis zum Spätwerk. Dabei mischte er unter anderem sogar die japanische Fotografie auf. Zum Tod des Fotografen und Filmemachers William Klein. Von Ulf Erdmann Ziegler
Essay 30.08.2022 Seit zehn Jahren läuft der Hamburger Staatsvertrag mit den Islamverbänden, und er wird wohl weiterlaufen. Der Vertrag bringt diesen Verbänden Einfluss und Status, obwohl überhaupt nicht klar ist, wen sie - außer Staaten, die Einfluss nehmen wollen - überhaupt repräsentieren. Die versprochene Evaluierung des Vertrags entpuppt sich als Wohlfühlveranstaltung. Richtig wäre eigentlich, die Sinnhaftigkeit von Staatsverträgen mit Religionsgemeinschaften grundsätzlich zu überprüfen. Von Necla Kelek, Peter Mathews
Essay 19.08.2022 Denis Newiak erzählt in "Blackout" vom Nutzen und Nachteil der Fiktion fürs Überleben: Er überprüft Filme und Serien auf Szenarien, die jederzeit real eintreten können, etwa die eines totalen Stromausfalls und seiner Auswirkungen auf das Funktionieren unserer Gesellschaft. Damit leitet er womöglich einen Paradigmenwechsel der Medientheorie ein. Aber andererseits können auch dytopische Serien und Filme einen Paradgmenwechsel gebrauchen: hin zu zukunftskritischen Realfiktionen. Von Daniele Dell'Agli
Essay 18.06.2022 Global betrachtet durchlebt die Demokratie eine Schwächephase. Von innen wird sie durch Populismus angegriffen. Von außen durch Krieg. Die Zahl der demokratischen Länder sinkt. Das eben noch umworbene China zeigt in der Coronakrise sein wahres Gesicht. Wie können wir die Demokratie wieder fit machen? Eine Idee wären Bürgerräte. Rede der Bundestagspräsidentin zum 75. Geburtstag der Evangelischen Akademie in Tutzing. Von Bärbel Bas
Essay 12.05.2022 Es gibt nicht ein "Nie wieder", es gibt zwei. Es gibt ein "Nie wieder Krieg" und ein "Nie wieder Auschwitz". Sie sind alles andere als miteinander identisch. Die Emma-Brief-Autoren ziehen auch aus dem jüngsten Krieg noch die Lehren aus den fünfziger Jahren: Es zeigt sich, dass wir den Schock des Krieges viel tiefer verinnerlicht haben als den des Holocaust. Habermas, Kluge, Schwarzer und Co. haben die antitotalitären Lehren aus der Geschichte nie gezogen. Von Thierry Chervel
Essay 02.05.2022 Männerbünde sind Heimstätten der Homosexualität - und pflegen in aller Regel zugleich homophobe Rhetoriken. Dass das Priesteramt für Homosexuelle attraktiv ist, versteht sich gewissermaßen von selbst. Wenn die Katholische Kirche sich nicht zum Abschied vom Zölibat durchringt und einen neuen Priestertypus zulässt, wird sie ihre Missbrauchs-Pathologien nicht überwinden können. Von Jochen Hörisch
Essay 26.04.2022 Übermorgen vor 250 Jahren wurde der Altonaer Arzt und Aufklärer Johann Friedrich Struensee in Kopenhagen hingerichtet. Zunächst wurde ihm die Hand abgehackt. Drei Beilhiebe brauchte der Henker anschließend, um ihm den Kopf abzutrennen. Struensee hatte in Dänemark als Regent unter Christian VII. die erste totale Pressefreiheit der Welt erlassen. Er reformierte Dänemark in vielen Bereichen und revolutionierte die Öffentlichkeit und das Privatleben. Was hat ihn aufs Schafott gebracht? Von Frederik Stjernfelt
Essay 08.02.2022 Arte zeigte neulich den Splatter-Klassiker "Day of the Dead", aber dann auch ganz schnell wieder nicht. Aus der Mediathek wurde sogar der Programmhinweis gestrichen. Dem Sender war wohl nicht bekannt, dass der Film in Deutschland nicht nur indiziert, sondern regelrecht verboten ist. Wie ein ganzes Genre, das in Deutschland dadurch marginalisiert wurde. Um das verstehen, bedarf es einer Rückblende ins Zeitalter der Videotheken und der frommen Moralapostel. Und um es zu beenden, bedarf es einer Gesetzesänderung. Von Thomas Groh