Selten schillert der
Verfall in derart schönen Farben,
stellt Jens Hinrichsen (
Monopol) in der Ausstellung "Ferne Spiegel" mit Werken von
Sibylle Springer in der
Kunsthalle Bremen fest. Wichtiger aber noch erscheint ihm, wie Springer in ihren von
barocken Blumenstillleben inspirierten Bildern eine "Kunstgeschichte der Frauen" zu schreiben versucht: "In dem großformatigen Gemälde 'Reframing' hat Springer die Porträts von zwanzig Künstlerinnen zusammengestellt, darunter
Hilma af Klint,
Artemisia Gentileschi,
Frida Kahlo oder
Paula Modersohn-
Becker. Die historischen Malerinnen verbindet sie mit zeitgenössischen Kolleginnen, etwa
Katharina Grosse,
Karin Kneffel,
Kara Walker oder
Rosemarie Trockel. Mit Ranken, Windungen und Verästelungen verbindet Springer Persönlichkeiten über Jahrhunderte hinweg - nach dem Vorbild des
Stammbaums der Dominikaner, den Mönche des Ordens um 1500 bei Hans Holbein d. Ä. in Auftrag gaben und der heute im Frankfurter Städel Museum hängt. In beiden Fällen spielen biologische Verwandtschaften keine Rolle."
Jüdische Kunst spiele in der Kunstgeschichte keine Rolle, meint im
Welt-Interview die Kunsthistorikerin
Anna Wienert, die am
Deutschen Historischen Institut Warschau über den Holocaust forscht und die AG
"Kunst und Antisemitismus" im Ulmer Verein gegründet hat: "In der Kunstgeschichte fehlt es an einem
fundierten Antisemitismus-
Begriff. Das zeigte sich etwa bei der documenta 15, wo eine
externe Kommission eingesetzt wurde, um Antisemitismus zu identifizieren." Das erkläre auch, warum heutzutage so viele Künstler nicht verstehen, an welchem Punkt ihre Israel-Kritik antisemitisch wird, meint sie. Außerdem kritisiert sie frühe künstlerische Auseinandersetzungen mit dem Nationalsozialismus in der BRD, etwa von
Gerhard Richter oder
Anselm Kiefer. Diese beschränken "sich auf Kriegsleiden, was sie
ins Universelle hebt", die Opfer jedoch weitestgehend ignoriert, meint sie: "Richter malt Fotos ab, die der jüdische Widerstand in Auschwitz-Birkenau aufgenommen hat, kleistert sie dann wieder mit Farbe zu" und Anselm Kiefer habe "seine gesamte Karriere auf einer Privatmythologie von Materialien wie Stroh und Blei gebaut, die raunend auf den Holocaust anspielt. ... Würden weiße deutsche Künstler die Unterdrückung von People of Color zu ihrem Thema machen, ohne sie dabei einzubeziehen?"
Weitere Artikel: Die Britin
Henrietta Lidchi soll ab Mai 2026 das Ethnologische Museum, das Museum für Asiatische Kunst und die Sammlungen im Humboldt-Forum als Nachfolgerin von
Lars-
Christian Koch leiten,
meldet Birgit Rieger im
Tagesspiegel. In der
FR schreibt Ingeborg Ruthe zum Tod des Berliner Malers und Bildhauers
Wolfgang Petrick. Saskia Trebing
erinnert bei
Monopol an die im Alter von nur 56 Jahren verstorbene britische Konzeptkünstlerin
Ceal Floyer. Im
NZZ-Gespräch erinnert sich der österreichische Fotograf
Sepp Dreissinger an seine Begegnungen unter anderem mit
Thomas Bernhard, dessen Halbschwester Hilda Zuckerstätter er zufällig entdeckte: "Sie hat in Frankfurt an der Oder gelebt und wusste auch nichts vom berühmten Bruder. Als die Sache endlich aufgeklärt war, hat sie ihm einen Brief geschrieben. Kurz vor seinem Tod. Er hat ihn nicht mehr geöffnet." Ebenfalls in der
NZZ fragt sich Birgit Schmid, weshalb die Turnerpreis-Jury die
Neurodivergenz der ausgezeichneten Künstlerin
Nnena Kalu besonders hervorhebt.
Besprochen werden außerdem die Ausstellung "
Thomas Scheibitz: A Tribute to Hermann Glöckner" in der Staatlichen Graphischen Sammlung in der
Pinakothek der Moderne in München (
FAZ, mehr
hier) und die Orobie Biennale "Thinking like a Mountain" in der GAMeC -
Galleria d'Arte Moderna e Contemporanea di Bergamo in Bergamo (
monopol).