Zvi Kolitz

Jossel Rakovers Wendung zu Gott

Jiddisch - Deutsch
Cover: Jossel Rakovers Wendung zu Gott
Diogenes Verlag, Zürich 2004
ISBN 9783257064483
Gebunden, 185 Seiten, 22,90 EUR

Klappentext

Mit Faksimile des Erstdrucks in hebräischer Schrift. Aus dem Jiddischen übertragen, herausgegeben und kommentiert von Paul Badde. Mit Zeichnungen von Tomi Ungerer. Das Warschauer Ghetto steht in Flammen, nur noch wenige Juden sind am Leben. Einer der letzten Aufständischen, Jossel Rakover, hält sich in einem brennenden Haus versteckt. Neben seinen gefallenen Kameraden, den nahen Tod vor Augen, schreibt er nieder, was einer von Millionen Juden fühlt, dessen Familie im Holocaust ermordet, dessen Volk vernichtet werden sollte. Neben allem Schmerz, den er erleiden mußte, schildert er aber auch das Verlangen nach Rache und dessen süße Befriedigung angesichts der sterbenden Feinde.
Ursprünglich eine Auftragsarbeit für die "Jiddische Zeitung" in Buenos Aires, verselbständigt sich "Jossel Rakovers Wendung zu Gott" nach seiner Erstveröffentlichung im Jahr 1946 auf merkwürdige Weise. Der Text erscheint über Jahre als authentisches Dokument aus dem Holocaust, in unzählige Sprachen übersetzt, in Anthologien, Zeitungen und dem Rundfunk. Emmanuel Levinas widmet ihm 1962 eine eigene Studie, in Amerika fügt man die Schrift in jüdische Gebetbücher ein, in Deutschland hat sie Aufnahme in Schulbücher gefunden. Der Entstehungsmythos des Textes treibt immer weitere Blüten. Mal wird von einem anonymen Autor gesprochen, mal heißt es, der Text sei fiktiv, aber ein Jossel Rakover habe tatsächlich gelebt.
Die Versuche Kolitz', seine Autorschaft, die er nie verleugnet hatte, in Erinnerung zu rufen, fruchten kaum, der Mythos ist unerschütterlich wie ein Fels. Als die Bibliothek in Buenos Aires, in der das Original wiederentdeckt wurde, 1994 nach einem Bombenattentat abbrennt, hat der fiktive Werdegang des Testaments von Jossel Rakover seine Entsprechung in der Wirklichkeit gefunden.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 16.03.2005

Jossel Rakover, der jüdische Widerstandskämpfer aus dem Warschauer Ghetto, der wie ein moderner Hiob mit Gott hadert und ihm doch vertraut, ist eine mythische Figur der Weltliteratur, hinter der ihr Erfinder Zvi Kolitz völlig verschwunden war, stellt Christoph Haas fest. "Jossel Rakovers Wendung zu Gott" sei stets als authentisches Zeugnis gelesen worden, verkündet er, obwohl Zvi Kolitz nie im Warschauer Ghetto war und seine Erzählung, 1946 entstanden, fiktional war. Paul Badde, dem Übersetzer und Herausgeber der neuen - als definitiv zu betrachtenden - Ausgabe, so Haas, sei es 1993 gelungen, den Verfasser in New York aufzuspüren. Er hat für die Neuausgabe, mit "dezenten" Illustrationen Tomi Ungerers versehen, auch einen ausführlichen und sehr persönlichen Kommentar beigesteuert. Badde hat außerdem den Text neu übersetzt: eine nüchterne Linearübersetzung, die die poetische Kraft des Originals um so mehr betont, findet Haas. Seine eindringliche Wirkung entfalte die Erzählung ohnehin erst im Wechsel zwischen dem Jiddischen und der deutschen Übersetzung - für Haas ist . "Jossel Rakovers Wendung zu Gott" ein "Jahrhunderttext".
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 15.01.2005

Glänzende Augen bekommt Stefana Sabin bei der "aufwendig-schönen" Ausgabe von Zvi Kolitz' Geschichte der letzten Stunden von Jossel Rakover im belagerten Warschauer Ghetto, die Paul Badde herausgegeben hat. Die zweisprachige Ausgabe basiert auf Baddes revidierter Übersetzung des vollständigen Originals und enthält auch das Faksimile des jiddischen Manuskripts, das mittlerweile bei einem Bombenattentat auf das jüdische Kulturzentrum in Buenos Aires in Flammen aufgegangen ist. Lobend erwähnt Stefana Sabin auch das "ausführliche" Nachwort, in dem die Erscheinungs- und Rezeptionsgeschichte rekapituliert und die letzte Begegnung mit Kolitz geschildert wird. Die mit "einfachen Bildmetaphern" arbeitenden Illustrationen von Tomi Ungerer vervollständigen den positiven Eindruck, indem sie die Dramatik der Erzählung veranschaulichen und "pointieren".

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