Eine Analyse der modernen Debatten über das Verhältnis von moderner jüdischer Kultur und der Lebenswelt Großstadt - ausgelöst durch die Idee von Moritz Goldstein, 1938 eine "Stadt Israel" zu gründen. 1938 plant der Berliner Journalist Moritz Goldstein im Exil die Rettung der Juden Europas. Weil die Not groß ist und die Errichtung eines Staates "lange, lange Zeit" erfordert, schlägt er die Gründung einer "Stadt Israel" vor - ein utopisches, ein chancenloses Projekt. Um Moritz Goldstein zu verstehen, analysiert Schlör Debatten über Judentum und Urbanität. Er untersucht die Geschichte modernen jüdischen Lebens in der Stadt, namentlich in Berlin, sowie die Geschichte einer Imagination: der des jüdischen "Stadtbewohners par excellence".
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 31.05.2006
Daniel Jütte hat den Band, der den Diskurs über das Verhältnis von Juden zur Stadt untersucht, wie es sich zwischen 1822 und 1933 darstellt, mit größtem Interesse gelesen. Der Autor sei sich in seiner Analyse durchaus bewusst, dass dieser Diskurs durch antisemitische Polemik belastet ist. Schlör stellt in seiner Studie dar, dass sowohl die Nationalsozialisten als auch die zionistische Bewegung eine ambivalente Haltung gegenüber der Stadt einnahmen, so der Rezensent, der allerdings meint, dass dies soweit unter Historikern bekannt ist. Neu dagegen sind die Ausführungen des Autors zur "Eruw", der Erweiterung des privaten Raums in das Stadtgebiet durch "symbolische Mauern", die es gläubigen Juden ermöglichten, am Sabbat ausschließlich im häuslichen Bereich erlaubte Aktivitäten auch außerhalb der eigenen vier Wände auszuüben, so Jütte fasziniert. Er findet Schlörs daran anknüpfende Ausführungen äußerst überzeugend und gerade diese in der Geschichtswissenschaft erst zögerlich aufgegriffene Forschungsrichtung notwendig und lobenswert. Allerdings hätte sich der Rezensent kürzere Zitate und ein sorgsameres Lektorat gewünscht.
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