Wolfgang Sofsky

Verteidigung des Privaten

Eine Streitschrift
Cover: Verteidigung des Privaten
C. H. Beck Verlag, München 2007
ISBN 9783406562983
Gebunden, 158 Seiten, 14,90 EUR

Klappentext

Nicht erst seit den letzten Terroranschlägen ist die Freiheit der Bürger durch patriotische Sicherheitsgesetze gefährdet. Die Abgrenzung einer privaten Eigensphäre ist eine Aufgabe, vor die sich das menschliche Gattungswesen in jeder Zivilisation gestellt sieht. Denn Privatheit ist der Kern persönlicher Freiheit. Sie markiert eine strikte Barriere gegen jedwede soziale und politische Macht. Die Selbstbehauptung des Individuums beginnt mit dem Schutz vor unerbetener Berührung und Belästigung, vor Glaubens- und Gefühlskontrollen und reicht über intime Geheimnisse bis zur Verteidigung eigener Handlungsräume. Wolfgang Sofsky untersucht die wichtigsten Aspekte der privaten Existenz: Körper und Raum, Information und Eigentum, Religion und Gedankenfreiheit. Dem Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, Sicherheit und Wohlstand, so die These, wird das Recht auf Privatheit heute leichtfertig geopfert. Der moderne Staat sucht das Denken zu formieren, Unterschiede einzuebnen und die "gläsernen Untertanen" an eine öffentliche "Anstaltsordnung" anzupassen. Für vermeintlich höhere Zwecke und Pflichten sollen sie auf ihre Privatsphäre sogar freiwillig verzichten. So reichen mittlerweile die Ansprüche von Staat und Gesellschaft, daß das Beharren auf Eigensinn als sozialer Verrat erscheint. Doch Privatheit gewährt jedem das Recht, in der Öffentlichkeit unerkannt zu bleiben und sein eigenes Wohl zu erstreben, und zwar auf die ihm eigene Weise.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 16.01.2008

In seiner "Verteidigung des Privaten" zieht Wolfgang Sofsky nicht nur gegen den Staat, sondern offenbar gegen fast "alles und jedes" unserer Gegenwart zu Felde, konstatiert Andreas Anter. Der Soziologe beklage in seiner Polemik die Ausweitung der staatlichen Kontrolle und die Schrumpfung des privaten Raums, erklärt der Rezensent, der hierbei allerdings eine Unterscheidung zwischen demokratischen und totalitären Staaten vermisst. Das Loblied auf das Private als machtfreie Sphäre findet Anter überhaupt ziemlich naiv und er wundert sich, dass der Autor eine nichtstaatliche Machtausübung überhaupt nicht mitreflektiert. Mit einem "aufgeklärten Machtverständnis" hat das nichts zu tun, so der Rezensent kopfschüttelnd, dem auch aufgefallen ist, dass Sofskys Behauptung, die Staatsmacht gewinne immer mehr an Einfluss, sich empirisch kaum halten lässt. Wenn der Autor dann noch über die Gesellschaft als Ganzes herzieht und überall nur schrille Überspanntheit und apokalyptischen Niedergang entdeckt, so fällt es dem Rezensenten offenbar schwer, ihn überhaupt ernst zu nehmen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.10.2007

Dies ist eine Polemik, daraus macht der Soziologe Wolfgang Sofsky kein Geheimnis. In kurzen Skizzen entwirft er eine düstere Version der Totalüberwachung, die mehr oder weniger schon der Alltag unserer Gesellschaft ist. Und nicht nur die staatliche Kontrolle im Dienst der Terrorismusabwehr nimmt ständig zu, auch die Bürger selbst finden offenbar zusehends Gefallen am ständigen Beobachten und Beobachtetwerden noch im Privatesten. Sofskys harscher Ablehnung dieser Auflösung der Privatsphäre liegt theoretisch, erläutert der Rezensent Milos Vec, die scharfe Trennung von Staat und Gesellschaft zugrunde und damit die Forderung nach "vorstaatlichen Freiheitsräumen". Zwar will Vec der Tendenz von Sofskys Streitschrift gar nicht widersprechen, findet aber doch, dass er mit seiner Ablehnung jedweder staatlicher Überwachung gelegentlich deutlich übers Ziel hinausschießt.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 10.10.2007

"Keine Freiheit ohne Privatheit" lässt sich der stilbewusste Essay des Soziologen Wolfgang Sofsky auf den Punkt bringen, so Rezensent Harry Nutt. Sofskys philosophisch-anthropologische Streitschrift lote das Verhältnis von "Privatheit, Freiheit und Macht" angesichts zunehmend neuer Formen staatlicher Datenüberwachung, aber auch willfähriger bürgerlicher Aufgabe des Datenschutzes in der alltäglichen hochtechnologisierten Welt aus. Auch wenn der Rezensent Sofsky in seinen originellen Schlussfolgerungen und überraschenden Verknüpfungen gerne zustimmen möchte, findet er viele Begründungen zu kurz gedacht und vermutet den Grund dafür im ausgeprägten Stilwillen des Autors. Dessen "kurze, apodiktische Sätze" wollen eben nicht mit Argumenten und Empirie überzeugen, sie fordern den gläubigen Leser, meint Nutt, der sich mit dieser Rolle nicht anfreunden kann.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 09.10.2007

Johan Schloemann empfiehlt die Lektüre Wolfgang Sofskys, aber nur deshalb, um sich vor Augen zu führen, was schief läuft in Deutschland beim Verhältnis von Bürger und Staat. Letzterer werde von ersteren nämlich nur als Bedrohung wahrgenommen, und nicht ein einziges Mal daran gedacht, dass in einer Demokratie zumindest Bürger und Staat ja durchaus etwas miteinander zu tun haben. Und der Sozialstaat sei ohne das Wissen darüber, wer empfangsberechtigt ist, überhaupt nicht machbar. Der "Reaktionär" Sofsky ist Schloemann da ein mustergültiges Beispiel für übertriebenes Staatsmisstrauen. Mit seinem durch den massiven Einsatz "unerbittlicher Fakten" fabrizierten "Bedrohungs-Sound" würde Sofksy Warnung nach Warnung ausstoßen. Den mit der Ablehnung beinahe jeglicher staatlichen Handlung propagierten "Eigenbrötler-Liberalismus", der gegen Steuern, Videoüberwachung, politische Korrektheit und vieles mehr angeht, kann Schloemann nicht ernst nehmen. Die von Sofsky geforderte "Revolution der Individuen" auch nicht: "Bei einer solchen Privatgelehrtenrevolution wäre man doch gerne mal dabei."
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