Klappentext

Angeschoben von den Impulsen des Punk entwickelt sich in Westberlin Ende der Siebziger eine vielfältige Subkultur. Super-8-Kinos, Bands und Minilabels werden gegründet, Fanzines kopiert, illegale Bars und Punkclubs wie das Risiko werden zu Treffpunkten der "Antiberliner": Punks, Alternative, Industrial und Elektronikfans, Polit-Anarchos, Lesben, Schwule, Queers und Künstler mit oder ohne Werk. In diesem Umfeld erscheint im Merve Verlag 1982 das Manifest des subkulturellen Westberlin: "Geniale Dilletanten" - benannt nach der "Großen Untergangsshow" im Tempodrom. Herausgeber des Bändchens ist Wolfgang Müller, Mitbegründer der Band Die Tödliche Doris.
In seiner nun vorliegenden Geschichte der Westberliner Subkultur der Jahre 1979 bis 1989 treten neben vielen anderen auf: Gudrun Gut, Die Einstürzenden Neubauten und Iggy Pop in einer Telefonzelle, Christiane F., der spätere Loveparade-Gründer Dr. Motte und Ratten-Jenny, die 1978 Martin Kippenberger attackierte. Aber auch Orte werden aufgerufen - die Flohmärkte oder illegale Kulturstätten wie der Kuckuck.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 28.02.2013

Julian Weber lobt Wolfgang Müllers Verdienst, der in seinem Buch "Subkultur Westberlin 1979-1989" die kulturellen Freiräume aufzeigt, die es zu Zeiten von Punk und Neuer Deutscher Welle auch und gerade in dem umschlossenen Gebiet Westberlins gab. Allerdings findet der Rezensent problematisch, dass Müller sich hauptsächlich auf seine eigenen Erinnerungen bezieht und damit auf eine sehr selektive Wahrnehmung. Viele Gruppen und Einflüsse bleiben so von vorneherein ausgeschlossen und die Darstellung ist häufig einseitig. Weber fragt sich, warum ausschließlich östliche Einflüsse auf den Punk erwähnt werden, nicht aber die ebenso wichtigen aus den USA. Auch wundert es ihn, dass Müller dem Punk der achtziger Jahre zwar die Eingliederung in den Kapitalismus vorwirft, aber nirgendwo die noch vorhandene, radikale und eben nicht angepasste Szene dieser Jahre beschreibt. "Ätztussis, Betoncombo, Stromsperre oder Ixtoc-I" vermisst Weber im Buch, er freut sich angesichts des jüngsten Heino-Revivals aber sehr, dass Müller den "wahren Heino" auftreten lässt: einen Westberliner Punk und "Heino-Doppelgänger".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 04.01.2013

Wolfgang Müller hat mit "Subkultur Westberlin" das wahrscheinlich beste Berlin-Buch der vergangenen Jahre geschrieben, findet Jens Bisky. In zwei Teilen knöpft er sich die Nischen der gespaltenen Stadt vor, erst mit assoziativen Notizen und Gedanken, dann berichtend-erzählend. Es ist eine große Verteidigung des Lebensstils geworden, der den Alltag für viele junge Menschen bestimmt hat: etwas planlos umherflanieren, in irgendeiner Wohnung landen, dann in die wieder (oder noch) geöffneten Clubs ziehen, schlafen, manchmal Zuhause, manchmal anderswo, fasst Bisky zusammen. Müller preist die "lallende Keckheit der Berliner Lebenskünstler", die ihre überraschende Freiheit von allzu strengen zivilisatorischen Zwängen besser genutzt haben als manch ein Berlin-Kritiker ihnen zugestehen möchte, berichtet der Rezensent. Trotzdem, Bisky findet den zweiten, erzählerischen Teil stellenweise etwas redundant und er fragt sich, ob man wirklich ein weiteres Mal über die Homogenität der heutigen Kunst aufgeklärt werden möchte, oder die Spießigkeit der "Bionade-Biedermeier" erklärt bekommen muss. Aber auch diese Kritik ändert für den Rezensenten nichts daran, dass man Müllers Buch mit Gewinn lesen kann - besonders als Berliner der Gegenwart.
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