Wolfgang Hilbig

Der Schlaf der Gerechten

Erzählungen
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2003
ISBN 9783100336248
Gebunden, 160 Seiten, 16,90 EUR

Klappentext

Ein Mann geht zum Briefkasten und gerät in seiner Erinnerung auf den täglichen Weg zur Arbeit im unheimlichen Heizkraftwerk einer Fabrik. Ein anderer entdeckt eine abgelegene Insel in einem See, auf der die Natur ein wucherndes, magisches Regiment entfaltet, und betritt noch einmal die Wildnis einer Nachkriegskindheit. Ein dritter kehrt in seine Heimatstadt zurück und fühlt sich verfolgt ­ nicht nur der Stadt, auch sich selbst entkommt er nicht. Wolfgang Hilbigs Figuren folgen einer verwischten Spur ins Unbewusste und Vergangene, die sich durch dunkle Erinnerungslandschaften zieht. Den Leser führt diese Prosa in die unausgeloteten Tiefen der 50er und 60erJahre.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 20.03.2003

Gabriele Killert hat sich von diesen "schönen, traum-analogen" Erzählungen sichtlich bezaubern lassen, in denen Wolfgang Hilbig vom Weh und Wunder der Selbstwerdung erzählt. Die Protagonisten kämpfen mit Schattengespenstern, symbiotischen Doppelgängern, Verfolgerspitzeln - und mit den Erinnerungen an "alte Finsternisse", erzählt Killert. So ist ihr der Erzählband fortlaufende Arbeit am Mythos, aber auch ein "Abschreiben von Schul- und Vergeltungsfantasien, von perennierenden Ängsten vor Spaltung und Selbstverlust". Keiner ist dafür besser geeignet als Hilbig, meint Killert, für die spätestens seit Hilbigs Ausbürgerung aus der DDR außer Frage steht, dass der Autor nicht nur eine Begabung für ein Pathos besitzt, das sich an der Realität geschult hat, sondern auch für das allgegenwärtige Grauen, das aus der Seele kommt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 19.03.2003

Sibylle Cramer traut Wolfgang Hilbig nach der Lektüre seiner autobiografischen Erzählungen so einiges zu, sogar die literarische Rettung der Welt, denn bliebe eines Tages von der Welt nichts übrig als Schutt und Asche, Hilbig würde auch das noch in "erzählerisches Geschmeide" verwandeln. Die sieben Erinnerungsbilder von der Kindheit im DDR-Kohlerevier sind ortsgebunden, der Autor rekonstruiert die Spiel- und Vorstellungsräume des Kindes in den dunklen Tönen der Umgebung, schreibt Cramer. Die trüben Baggerseen, schmutzigen Hauswände und dichten Staubwolken bildeten den Hintergrund für das Heranwachsen eines Kindes, das Geld klaut, um sich ein neues Notizbuch kaufen zu können. Die Geschichten muten wegen der vorherrschenden Farbgebung aber nicht düster an, beruhigt Cramer, sondern eher sehr intensiv. Hilbig ist ein "Meister nächtlicher Koloristik", dessen Stil die Rezensentin hoffnungslos verfallen ist. Seine "Prosa macht aus Rinnsteinen, Asphalt und schmutzigen Tapeten herrliche Malerei", rühmt sie.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 17.03.2003

Obwohl die Geschichten aus verschiedenen Jahren, gar Zeiten stammen, kann man sie als fortlaufenden Text lesen, charakterisiert Jens Bisky die Textsammlung von Wolfgang Hilbig, die von der unmittelbaren Nachkriegsära bis in die Nachwendezeit reicht. Man begegnet sogar bekannten Figuren aus Hilbigs Romanen oder anderen Prosastücken, verrät der Rezensent. Für ihn kennzeichnet Hilbig auf der einen Seite eine "einzigartige Begabung", Gerüche, Stimmungen, Orte zu beschreiben, während ihm auf der anderen Seite der Sinn für die Konstruktion einer Geschichte vollkommen abgehe. In einer einzigen Erzählung mit dem Titel "Kommen" entfalle diese Unterscheidung, hier fänden mustergültig Worte, Motive, Handlung zusammen. Doch auch in den anderen Erzählungen, von denen manche hart an den männlichen Klischees von Einsamkeit, Frauenlosigkeit, Verderbtheit und Versenkung in die Natur vorbeischrammten, wird man für die mangelhafte Konstruktion der Geschichte vom "selten so reinen und rundum gelungenen Hilbig-Sound" entschädigt, bekräftigt Bisky seine kritisch-wohlwollende Haltung.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 20.02.2003

Roman Bucheli stellt fest, dass Wolfgang Hilbig auch in diesen Texten "wie unter Zwang" zu den Schauplätzen seiner Kindheit zurückkehrt. Das sind vor allem die durch den Braunkohleabbau zerstörten Landschaften bei Leipzig und der kleine Ort Meuselwitz, in dem Hilbig geboren wurde, erzählt der Rezensent. In den Erzählungen geht es um "Verhängnisse der Kindheit" und um "Versäumnisse des Erwachsenen", resümiert Bucheli, dem es vorkommt, als gingen die Erzählungen aus einem einzigen großen "Strom der Erinnerung" hervor. Insgesamt macht der Band auf den Rezensenten einen eher düsteren Eindruck, aber er hat wohl auch nichts anderes erwartet. Einziger Rückzugsort ist der Küchentisch der Mutter des Erzählers, wobei das, wie der Rezensent betont, keine "Regression" darstellt, sondern zum Zeichen einer gegenseitigen "Fürsorglichkeit" wird.
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