Hannah Arendt
Ein Leben

Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2025
ISBN
9783737101097
Gebunden, 512 Seiten, 32,00
EUR
Klappentext
Hannah Arendt hat die ganze Geschichte des 20. Jahrhunderts am eigenen Leib erlebt. Als Tochter aus einem großbürgerlichen Haus wächst sie in der Kant-Stadt Königsberg auf, studiert an der Universität Marburg, jenem Ort, an dem sich die geistige Produktivität der zwanziger Jahre auf einzigartige Weise verdichtet, und verliebt sich dort in den charismatischen Philosophen Martin Heidegger. Hitlers Machtergreifung treibt sie ins Exil, sie wird in Frankreich interniert, entkommt nach New York, wo sie wieder ganz von vorn anfängt. Sie entwickelt sich zu einer politischen Theoretikerin, die englisch schreibt, weiter deutsch denkt und sich dabei immer als Jüdin versteht. Mit ihrem Bericht vom Eichmann-Prozess erregt sie weltweit Aufsehen.Anschaulich und packend erzählt Willi Winkler das Leben Hannah Arendts als die Geschichte einer Frau voller Widersprüche, einer Frau, die sich nach Verfolgung und Vertreibung in Amerika eine neue Identität aufbaut, mit ihrem messerscharfen Verstand alle Männer ihrer Umgebung überstrahlt, dabei aber immer das "Mädchen aus der Fremde" bleibt, als das sie sich selbst bezeichnet. - Die faszinierende Biographie einer der populärsten intellektuellen Ikonen und brillanten Beobachterin ihrer Zeit.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 20.12.2025
Rezensent Michael Hesse schätzt den lebendigen Ansatz von Willi Winklers Arendt-Biografie und die überraschenden Perspektiven und Schwerpunktsetzungen. Neues hat Winkler eher nicht zu bieten, so Hesse, dafür schaut er episodisch auf Arendts Leben, die Stationen Studium, Flucht, Amerika, auf ihre Beziehungen und Bindungen, vor allem zu Heidegger. Der kommt im Buch auf fast jeder Seite vor, warnt Hesse. Stilistisch brillant werden laut Kritiker auch die Linien Arendt-Benjamin und Arendt-Blücher beleuchtet und Arendts Argwohn gegenüber Adorno und natürlich der Eichmann-Prozess. Hier urteilt der Autor für Hesse überraschend kritisch und nennt Arendt eine "schlechte Reporterin".
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.12.2025
Wohltuend hebt sich Willi Winklers Arendt-Buch von den vielen anderen Arendt-Büchern ab, findet Rezensent Wolfgang Matz. Denn Winkler gehört zu den wenigen Arendt-Biografen ohne Doktortitel und so ist sein Tonfall nicht akademisch, sondern lässig journalistisch, freut sich Matz. Winkler kümmert sich dabei kaum um die jungen Jahre der Philosophin, sondern setzt erst mit Marburg und Heidegger ein, später geht es vor allem um Arendts amerikanische Jahre. Neue Erkenntnisse sollte man zwar nicht erwarten von diesem Buch, meint Matz, aber Winklers pointiertes Schreiben stellt vieles klarer als bisherige Veröffentlichungen. Zudem spartder Autor nicht mit kritischen Anmerkungen, etwa wenn es um Arendts berüchtigte Verteidigungsschrift der Rassentrennung im Little Rock-Fall geht. Besonders hebt der Rezensent Passagen hervor, die sich mit Arendts Verhältnis zu Heidegger beschäftigen - anders als viele andere Arendt-Biografen nennt der Autor hier Ross und Reiter und weist unter anderem auf die Inkonsequenz ihrer Haltung hin, wenn sie einerseits moralische Verantwortung im Allgemeinen einfordert, ihren Lehrer Heidegger aber von seiner eigenen freispricht. Matz' Fazit fällt klar positiv aus.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 04.12.2025
Hannah Arendts Denken "elekrisiert" die Menschen bis heute, stellt Rezensent Peter Neumann fest. Warum das so ist, kann er in gleich drei neuen Büchern über die Philosophin nachlesen, die ihm allesamt eine "faszinierende Fülle neuer Denkanstöße" bieten. Willi Winkler beschäftigt sich in seinem Buch mit Arendts Verhältnis zu Martin Heidegger, das ihren Biografen bis heute Rätsel aufgibt. Warum setzte sich Arendt Zeit ihres Lebens für Werk und Person Heideggers ein, einem Mann, der nicht nur Antisemit war, sondern sich seinerseits für ihr Werk "Vita Activa" nicht interessierte. Ab der ersten Begegnung 1925 in Marburg bis zu ihrem letzten Treffen 1975 zeichne Winkler das ewige "Ringen" mit dem Philosophen nach. Arendts dezidierte Wendung zur politischen Theorie versteht Winkler auch als Folge ihrer weitgehend unpolitischen Weimarer Zeit und der Desillusionierung durch "Heideggers Sündenfall" während der Nazi-Zeit, so Neumann abschließend.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 28.11.2025
Rezensent Guido Kalberer liest Willi Winklers Buch über Hannah Arendt mit gemischten Gefühlen. Einerseits schätzt er die Expertise in Sachen Nationalsozialismus, die Winkler aus seiner Arbeit am Buch "Das braune Netz" mitbringt und in das Eichmann-Kapitel im Buch einfließen lässt, andererseits scheint ihm der Autor mitunter zu kurz zu greifen. So erklärt Winkler Arendts Zuneigung zu Heidegger mit einem Vaterkomplex. Für Kalberer eine psychoanalytische Auslegung, die Heideggers "Brillanz seines Denkens" unberücksichtigt lässt. Dass der Autor dem Eichmann-Prozess und Arendts Beschäftigung damit mehr Platz einräumt als Arendts Hauptwerk "The Origins of Totalitarism" findet Kalberer ebenfalls fragwürdig.