Warlam Schalamow

Wischera

Antiroman
Cover: Wischera
Matthes und Seitz, Berlin 2016
ISBN 9783957572561
Gebunden, 270 Seiten, 22,90 EUR

Klappentext

Aus dem Russischen von Gabriele Leupold. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Franziska Thun-Hohenstein. "Am 19. Februar 1929 wurde ich verhaftet. In diesem Tag und dieser Stunde sehe ich den Beginn meines gesellschaftlichen Lebens - die erste wahre Prüfung unter harten Bedingungen." Warlam Schalamow ist noch keine 22 Jahre alt, entschlossen, sein Leben in den Dienst seiner politischen Ideale zu stellen, als er verhaftet wird und im Butyrka-Gefängnis anderthalb Monate in einer Einzelzelle verbringen muss. Wischera sind die von Schalamow als "Antiroman" bezeichneten Erinnerungen an seine erste Verhaftung und an das Zwangsarbeitslager am Fluss Wischera im Nordural, in dem er drei Jahre verbrachte. Es sind die "Lehrjahre" eines Schriftstellers, der wie kein anderer das stalinistische Lagersystem mit literarischen Mitteln darstellte. Neben den Erzählungen aus Kolyma belegt vor allem dieses unvollendet gebliebene autobiografische Buch seine prinzipielle Zurückweisung der Romanform nach den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts und seine Suche nach neuen Möglichkeiten des Prosaschreibens.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 29.07.2016

Warlam Schalamow war Teil der leninistischen Opposition unter Stalin, erklärt Jürgen Verdofsky. Während zunächst nur aktiver politischer Widerstand Haft oder Verbannung bedeuteten, reichte schnell die bekanntlich abweichende Meinung aus, um im Lager zu landen; während die Lager zunächst noch tatsächlich der Arbeit dienten, wurden sie bald ein Mittel der Vernichtung, beschreibt der Rezensent. Schalamow hat die Lager überlebt und darüber geschrieben, wie es kaum jemand konnte, nicht umsonst ist "Wischera", der sechste Band der Werkausgabe, mit dem Zusatz "Antiroman" versehen, so Verdofsky, obwohl unvollendet und weniger geschliffen als die vorigen Bücher der Reihe, wirkt die Prosa dokumentarisch und soll es auch, erklärt der Rezensent, der dem Matthes & Seitz Verlag für seinen Verdienst um diesen Autor dankt.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 16.07.2016

Als Abdruck der sozialistischen Gesellschaft erkennt Jörg Plath den Gulag in den Schilderungen von Warlam Schalamow. Einsichtig wird ihm durch Schalamows scharfe rechtstheoretische und moralphilosophische Argumentation auch, dass der Schuldbegriff hier nicht greift, denn im Lager bewachen Häftlinge andere Häftlinge. Andererseits beschreibt der Autor laut Plath das Lagerleben als Raubbau an der Seele. Dennoch, Schalamow fällt kein Urteil über seine Mitgefangenen, stellt Plath fest, deren teils "aberwitzige" Schicksale der Autor dokumentiert. Auch wenn manches in dem Band auf den Rezensenten unfertig und skizzenhaft wirkt, die Wucht des Erzählten stellt den Autor für ihn als Chronist des Gulag an die Seite von Imre Kertész, Tadeusz Borowski und Primo Levi.

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