Nicolas Werth

Die Insel der Kannibalen

Stalins vergessener Gulag
Cover: Die Insel der Kannibalen
Siedler Verlag, München 2006
ISBN 9783886808533
Gebunden, 224 Seiten, 19,95 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Enrico Heinemann und Norbert Juraschitz. Nicolas Werth erzählt ein Kapitel der Geschichte des Stalinismus, das bislang sowohl der Öffentlichkeit als auch der Forschung unbekannt war. Anfang der 30er Jahre befahl Stalin die massenhaften Deportationen von so genannten "sozial schädlichen Elementen" auf die Insel Nasino in Sibirien. Am Rande der Zivilisation kam es zu Gewaltexzessen und zu Fällen von Kannibalismus. Frühsommer 1933. Während in Deutschland die Nationalsozialisten an die Macht kommen, befiehlt Stalin die "Säuberung der Städte". Im Klartext bedeutete das die massenhafte Deportation von - tatsächlichen und vermeintlichen - Regimegegnern der Sowjetunion. Sie wurden vor allem aus den russischen Großstädten in die unwirtlichen Regionen Sibiriens gebracht und dort ihrem Schicksal überlassen. Nicolas Werth hat eine besonders grausame Episode dieser "Säuberungswelle " erforscht und erzählt erstmals die Vorkommnisse auf der "Insel der Kannibalen". Stalin ließ Tausende von Menschen auf Nasino aussetzen - einer Insel inmitten eines sibirischen Flusses. Moskau nahm bewusst in Kauf, dass viele Menschen dabei verhungerten. Es kam zu Menschenjagden und einigen dutzend Fällen von Kannibalismus unter den Deportierten.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 23.07.2007

Als überaus verdienstvoll schätzt Rezensent Jürgen Zarusky diese Studie des Historikers Nicolas Werth über ein bislang weitgehend unbekanntes Kapitel der Geschichte der stalinistischen Schreckensherrschaft: die Deportation von 6000 Menschen aus Moskau, Leningrad und anderen sowjetischen Großstädten 1933 auf die westsibrische Insel Nasino, die auf ein schreckliches Massensterben hinauslief und in einigen Fällen sogar zu Kannibalismus führte. Eine große Stärke des Buchs sieht Zarusky in der nüchternen Einordnung dieser entsetzlichen Szenen in den Kontext einer detaillierten Analyse der stalinistischen Deportationspolitik. Gerade die "minutiöse Nachzeichnung der Entscheidungswege" veranschaulicht für ihn die "erbarmungslose, kafkaeske Mechanik", die hier am Werk war. Er attestiert dem Autor, den er als einen der bedeutendsten Sowjetunion-Historiker Europas würdigt, einen eindringlich Blick auf das System der Sondersiedlungen zu werfen und zudem einen bedeutenden Beitrag zum stalinistischen Terror der Jahre 1937/38 zu leisten.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 09.12.2006

Bestnoten vergibt Rezensent Rudolf Walther an dieses Buch des französischen Historikers, den er als einen der fundiertesten Kenner des Stalinismus hoch schätzt. An dem "monströsen? Fall des Jahres 1933, der Deportation der "Kulaken? nach Sibirien zu Kolonisierungszwecken, zeige Nicolas Werth einmal exemplarisch, wozu die "gnadenlos gewaltbereite? sowjetische Bürokratie in der Lage gewesen sei. Werth werte neben historischen Quellen auch 20 Briefe an Stalin aus, in denen ein Journalist ihn direkt über die Aktion informierte. Insgesamt halte sich Werth nur an das, was er einwandfrei dokumentieren könne, und für den Rezensenten spielt keine Rolle, dass sich nicht mehr genau feststellen lässt, wie viele der Millionen deportierter Bauern verhungert oder auf andere Weise umgekommen sind. Allein schon die Art, wie Werth die bürokratische Kälte und Brutalität dokumentiert, mit der der Plan umgesetzt worden sei, macht das Buch für ihn zur ebenso überzeugenden wie erschütternden Lektüre.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.12.2006

Helmut Altrichter hebt hervor, dass Nicolas Werth auf seine Recherchen für das "Schwarzbuch des Kommunismus" aufbauen und in den Beständen des russischen Präsidentenarchivs und des Zentralarchivs des SFB, zurückgreifen konnte, was nur wenigen Autoren erlaubt wird. Das Ergebnis sei eine "eindringliche Darstellung", die an Details "paradigmatische Züge der Zeit" deutlich macht. Diese sei geprägt worden durch ein Regime, das von "utopischem Denken, bürokratischem Handeln, Widerstand und Verfolgungswahn beherrscht" wurde, und einer Gesellschaft, die gleichzeitig an Gewalt litt und selbst gewalttätig war. Das Buch lese sich im Übrigen wie eine Vorgeschichte zu den Erschießungen und Massendeportationen während der großen Säuberungen in den Jahren 1937 und 1938.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 09.11.2006

Schier unglaublich findet Rezensent Klaus Bednarz, was Nicolas Werth aus Akten der sibirischen Gulag-Verwaltung rekonstruiert. Hunderttausende von Häftlingen und willkürlich Verurteilten wurden in den frühen Dreißigerjahren als 'Arbeitssiedler' in die abgelegenen Gebiete Sibiriens verfrachtet und sich nahezu selbst überlassen. Kälte, Hunger und Gewalt hätten ungefähr ein Drittel der Deportierten das Leben gekostet, berichtet er mit merklicher Beklemmung. Dieses bisher kaum bekannte Kapitel von Stalins Vernichtungspolitik stelle Werths Buch zum ersten Mal umfassend dar. Der Rezensent hat lässt keinen Zweifel daran zu, dass dies verdienstvoll ist.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 10.10.2006

"Nüchtern" und zugleich "beklemmend" sei Nicolas Werths Studie über die systematischen Deportationen hunderttausender zum Teil willkürlich zusammen getriebener Menschen in der Sowjetunion. Als Motiv, so Rezensent Gerd Koenen, gebe der Autor eine Mischung von Paranoia und Ohnmacht an, die mit grotesken Planspielen der Menschenverschickung in ohnehin unter Hungersnöten leidende Regionen einhergingen. An die Oberfläche bzw. in die Städte zurück sei nur das Gerücht vom Kannibalismus in den sibirischen Lagern gelangt. Der Rezensent liest das als "Metapher" für den sowjetischen Propagandastaat. Noch irrwitziger würden die voraus- und nacheilenden Ermordungspläne aber dadurch, dass Stalin sogar zur Mäßigung des bürokratischen Eifers aufgerufen habe. Der Titel des Buches beziehe sich auf eine "Säuberungsaktion" aus dem Jahr 1933, die der Autor anhand eines erhaltenen Berichtes an Stalin bis ins kleinste Detail nacherzählen könne. An diesem Beispiel der Deportation von ungewünschten Bürgern, so der Rezensent, gelinge Nicolas Werth eine "modellhafte" Analyse der Mechanismen des Terrors.