Volker Reinhardt

De Sade oder Die Vermessung des Bösen

Eine Biografie
Cover: De Sade oder Die Vermessung des Bösen
C. H. Beck Verlag, München 2014
ISBN 9783406665158
Gebunden, 464 Seiten, 26,95 EUR

Klappentext

War der Marquis de Sade (1740-1814) ein Sadist, Verbrecher und Geisteskranker oder ein Aufklärer, ja ein Vorkämpfer gegen Triebunterdrückung und scheinheilige Moral? Der Historiker Volker Reinhardt legt in dieser De-Sade-Biografie das wahre Leben des südfranzösischen Adeligen hinter den zahlreichen Mythen und Bildern frei. Er beschreibt auf der Grundlage zahlreicher Quellen aus dem 18. und 19. Jahrhundert die freigeistige, ausschweifende Jugend des schönen Marquis, seine ersten Experimente mit unschuldigen Opfern, die lange Zeit der Flucht und Gefangenschaft, sein Engagement in der Französischen Revolution und schließlich seine letzten Jahre in einem Irrenhaus.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 04.10.2014

Thomas Macho ist sich der Schwierigkeit einer solchen Biografie voll bewusst. Dass Volker Reinhardt ein routinierter Biograf ist, scheint den Rezensenten darum regelrecht zu erleichtern. Vor allem die Unterscheidung zwischen Realität und Fiktion in de Sades Leben und Wirken stellt für Macho ein Problem dar. Der Autor löst es laut Macho mit Besonnenheit, Gründlichkeit und Distanz. Die Warnung an den Leser, lieber keine erotischen Geschichten zu erwarten, hält Macho allerdings für überflüssig. Alle Anstößigkeit findet er im Band "angemessen" dargestellt, was wohl heißt, in all ihrer Ambivalenz kommensurabel gemacht.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 22.09.2014

Rezensentin Christine Tauber schaudert angesichts dieser Gestalt und ihrer hier vom Biografen als Illustration der menschlichen Triebe und einer negativen Anthropologie erläuterten Grausamkeitsexzesse. Wer dieser de Sade war, was ihn umtrieb und wie die (literarische) Welt das verstand, lernt Tauber in Volker Reinhardts Darstellung von Leben und Werk de Sades. Auch wenn der Autor versucht, zwischen beidem strikt zu trennen und Kurzschlüsse zu vermeiden - Tauber entgeht doch nicht die Kunsthaftigkeit dieses Lebens. Seine Skandalträchtigkeit stellt Reinhardt laut Tauber extra heraus, indem er die verharmlosende Rezeption de Sades in den letzten 200 Jahren kritisch beleuchtet und auch das Schwarzhumorige und Zeitkritische der Texte unterstreicht. Einen Mangel erkennt Tauber in einer der Argumentation schadenden Extensität des Buches, im Fehlen von Originalzitaten sowie in der eher laxen Umgangsweise des Autors mit Quellennachweisen.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.09.2014

Kann sich sehen lassen, befindet Helmut Meyer zu dieser Biografie des Historikers Volker Reinhardt, der de Sade hier nicht nur als obsessiven Libertin zeigt, sondern auch dessen literarische Ergüsse würdigt. Wie er das macht, "routiniert" auf den Spuren seiner Vorgänger nämlich, nüchtern in der Beurteilung, hat Meyer gefallen, wenn er auch Maurice Levers Arbeit diesem Buch vorzieht. Das liegt womöglich am Fehlen großartiger Interpretationen bei Reinhardt. Doch selbst darin kann der Rezensent einen Vorteil erkennen: Der Autor beschränkt den Blick nicht und hält die Fragen offen, meint Meyer wohlwollend.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 16.08.2014

Wie aktuell de Sade als Aufklärer ist, kann Tim Caspar Boehme anhand dieser Biografie von Volker Reinhardt ermessen, aber auch, dass der Moralnegierer nicht unbedingt zu den sympathischsten Zeitgenossen gehörte. Was de Sade dazu veranlasst haben könnte, außer arrogant und empathiefrei auch möglichst unmoralisch aufzutreten, lernt der Rezensent gleichfalls bei Reinhardt. Dass der Autor de Sades Fortleben bei Lacan und Deleuze nicht erwähnt, sehr wohl aber die begeisterte Aufnahme seiner Schriften durch die Surrealisten oder auch Feministinnen, wie Susan Sontag, hält Boehme für "partielle" Voreingenommenheit.