Am 1. Mai 1992 demonstrieren 4000 streikende Arbeiter an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze und errichten einen Zaun mit der Aufschrift: "Kein Kolonialgebiet". Der Protest nimmt immer größere Dimensionen an, man marschiert gen Berlin, debattiert die Belagerung von Erfurt, kurz: es kommt zum großen Arbeiterkrieg. Zwar streift ein Heerhaufen Entlassener und Arbeitsloser durch Mitteldeutschland, dass sie aber nicht kämpfen ist der bittere, süße Faden der Erzählung. Sie sammeln sich auf einem Schlackeberg, dem Schutt ihrer Existenz, die nicht zu verteidigen ist, eines Besitzes, den sie nicht besessen haben, eines Lebens, für das man das seine nicht in die Schanze schlägt.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 08.12.2011
Dies ist ein Was-hätte-sein-können-Buch, meint Rezensentin Angelika Overath. Volker Braun erzählt hier von einem Hungerstreik von Bergleuten 1993 im thüringischen Bischofferode, der in der Realität scheiterte: das Bergwerk wurde geschlossen. Nicht für Braun, so die Rezensentin. Seine Bergarbeiter marschieren nach Berlin, Hunderttausende schließen sich an, bis der Aufstand blutig niedergeschlagen wird. In die Geschichte eingewoben sind Figuren des Bauernaufstandes im 16. Jahrhundert (Thomas Müntzer) und der Arbeiterbewegung der 1920er Jahre, lesen wir. Das Ergebnis ist eine "spannende" Geschichte, die Overath geradezu romantisch findet in ihrem "bitter-schönen Abgesang auf Zeiten klarer Kampfzonen".
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.12.2011
Sabine Brandt tut sich schwer mit Volker Brauns jüngster Erzählung, die den Aufstand der Arbeiter in den ostdeutschen Salz- und Kohlegruben nach der Wende imaginiert und dafür in der Geschichte der Revolten bis ins 16. Jahrhundert zurückgreift. Nicht nur hat sie ihre liebe "Mühe" mit dem Gemisch deutscher Geschichte, mit dem die Leser hier konfrontiert sind. Es stört sie außerdem enorm, dass sie sich mit so vielen Personen auseinandersetzen muss, denen der Autor dann doch kaum Kontur verleiht, wie sie beklagt. Wer sich nicht von Anfang an Notizen macht, wird Schwierigkeiten haben, warnt sie. Und so will Brandt ihm zwar nicht das Recht auf eine eigene Meinung absprechen - Braun hält am Traum einer sozialistischen Gesellschaft fest und sieht in der Bundesrepublik die Gegnerin dieses Traum. Dieser im Prophetenton der "politischen Weisheiten" vorgetragenen Erzählung ist sie aber nicht bereit, "Hirn und Herz" zu öffnen, wie sie deutlich macht.
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