Die Umfrageforschung belegt, dass vor allem männliche Arbeiter bei den Sympathisierenden rechtsradikaler Parteien und Bewegungen weit überdurchschnittlich präsent sind. Über die Ursachen wird in den Sozialwissenschaften wie auch in den politischen Öffentlichkeiten heftig gestritten. Viele dieser Kontroversen blieben jedoch ohne empirische Fundierung. Gegen luftige Konstruktionen setzt Klaus Dörre Forschungen, denen er über vier Jahrzehnte hinweg in - teilweise gewerkschaftsnahen - Arbeitermilieus nachgegangen ist. Dokumentiert wird eine rechte Tiefengeschichte, die sich im Zeitverlauf radikalisiert. In der Gesamtschau der Texte zeigt sich, dass eine starre Entgegensetzung von sozioökonomischen und kulturellen Ursachen der Wirklichkeit des Arbeiterlebens nicht gerecht wird. Rechte Orientierungen in der Arbeiterschaft sind kein bloßes Ergebnis einer Spaltung in kulturelle Metaklassen, in Anywheres und Somewheres. Sympathie für die radikale Rechte entsteht, weil sich erhebliche Teile der Arbeiterschaft von den Mitte-Links-Parteien im Stich gelassen fühlen. Sie entsteht, weil Arbeiter*innen in der Öffentlichkeit unsichtbar gemacht wurden. Und sie entsteht, weil ein Denken in Klassenkategorien wissenschaftlich wie politisch aus der Mode gekommen ist. Eine demobilisierte Klassengesellschaft bildet den Nährboden, den die radikale Rechte für eine Umdefinition sozioökonomischer und kultureller Spaltungen nutzt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 10.12.2020
Ein wenig unterkühlt bespricht Rezensent Thomas Gesterkamp diesen "Forschungsband" des deutschen Soziologen Klaus Dörre. Der habe seinen analytischen Begriff der "Tiefengeschichte" von der amerikanischen Soziologin A. R. Hochschild übernommen, schreibt er, der es ihr ermöglicht hatte, schon vor der Wahl Trumps das Ohnmachtsgefühl der amerikanischen Arbeiterklasse als Grundlage für einen dramatischen Rechtsruck zu beschreiben. Dörre erkläre nun mit einer ähnlichen Methode den Erfolg des politischen Rechtspopulismus in Deutschland und seine Basis in der Arbeiterklasse, schreibt der kundige Kritiker. Er hebt hervor, dass in der vorliegenden Studie, die in einer "Zeitachse angelegt" ist, ebenso deutlich hervortritt, dass deutsche Gewerkschaftsfunktionäre die Rechtstendenz schon lange in der Arbeiterschaft beobachten; sie hätten es aber seit vielen Jahrzehnten vorgezogen, wie auch Dörre hier wieder zeige, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit ihrer Klientel unter den Teppich zu kehren. Dieses Buch legt nach Auskunft des Kritikers "den Finger in eine offene Wunde". Verantwortlich sei, so zitiert er den Autor, die Aufgabe des Begriffs der "Klasse" als analytische und politische Kategorie, aber hierin scheint Gesterkamp dem Autor nicht ganz folgen zu wollen.
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