Aus dem Slowenischen von Alexandra Natalie Zaleznik. Als am 24. Mai 1900 ein Kind in der Familie Knap geboren wird, ahnt noch niemand, dass der kleine Matija sein Leben lang blind bleiben wird. Und doch, so stellt es sich später heraus, ist er der Einzige, der den Herausforderungen, die der Familie bevorstehen, wirklich ins Auge blickt. Das Unwetter, das bei Matijas Geburt in Podgorje getobt hat, scheint ein böses Omen zu sein. Der Grundbesitz der Familie wird fast vollständig zerstört und die Knaps sind bald gezwungen, sich in der neu entstandenen Bergbausiedlung als Arbeiter zu verdingen. Während die Industrialisierung den sozialistischen Arbeiterkampf immer stärker befördert und die Emanzipationsbewegung Familienstrukturen über den Haufen wirft, rufen die Kriege des 20. Jahhrunderts die Soldaten wie böse Geister auf den Plan.
Eine Chronik der slowenischen Gesellschaft im Verlauf des 20. Jahrhundert entwirft Roman Rozinas Buch, so Rezensent Terry Albrecht. Und zwar entlang der Geschichte der Familie Knap, die in einer vom Bergbau geprägten slowenisch-kroatischen Grenzregion lebt, und in die im Jahr 1900 der blinde Matija geboren wird, der paradoxerweise zum idealen Beobachter eines Jahrhunderts wird. Die Familie wird, ist zu lesen, von diversen historischen Umbrüchen gebeutelt, auch soziale Spannungen zum Beispiel hinsichtlich des Geschlechterverhältnisses kommen zur Sprache. Etwas holzschnittartig wirkt es manchmal, wie Rozina seine Figuren als historische Akteure auftreten lässt, urteilt Albrecht, insbesondere in den Passagen, die sich der jüngeren Geschichte widmen. Matija allerdings hält der Rezensent für eine tolle Hauptfigur: ein vielschichtiger Zeitzeuge, der in wehmütiger Manier Geschichte bündelt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.11.2023
Familien- und Landesgeschichte zugleich darf Rezensent Tilman Spreckelsen bei diesem großartigen Buch von Roman Rozina lesen: Es geht um Slowenien zwischen den Jahren 1900 und 2000 und um die Familie Knap, deren verschiedene Generationen intrikat mit den Entwicklungen der Moderne, des Kapitalismus und des sozialen Zusammenlebens verwoben sind. Vor allem das letzte der fünf Kinder, der blinde Matija, steht im Zentrum, erfahren wir. Matija wird sehr alt und kann alle "ökonomischen Verwerfungen" und wechselnden Kräfteverhältnisse der slowenischen Gesellschaft miterleben. Für den Kritiker zeigt sich das besondere Talent des Autors vor allem darin, wie er die verschiedenen Handlungsstränge zu einer großen Erzählung zusammensetzt, die ihre Schwerpunkte vor allem auch in der (durch den Staat gestörten) Erinnerungsweitergabe und dem Zusammenhang von Familie und Gesellschaft setzt - "ein prächtiges Geschenk" an die LeserInnen, schließt Spreckelsen.
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