Vikram Seth

Zwei Leben

Porträt einer Liebe
Cover: Zwei Leben
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2006
ISBN 9783100725219
Gebunden, 532 Seiten, 22,90 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Anette Gruber. In "Zwei Leben" erzählt Vikram Seth von einer wahren Liebe, die ein Jahrhundert umspannt. Mit zurückschauender Sehnsucht berichtet er von zwei Menschen, seinem Onkel Shanti und Tante Henny, die sich an der Wegkreuzung von indischer Diaspora und jüdischem Exil trafen: ein bewegendes Denkmal und erzählerisches Kunststück zugleich."Nimm den Schwarzen nicht", sagt Henny zu ihrer Mutter und meint den jungen Inder an der Tür. Doch Shanti, der im Berlin der dreißiger Jahre Zahnarzt werden will, bekommt das Zimmer in der Bleibtreustraße - und das wird Hennys Glück. Shanti, von den Nazis verdrängt, kann erst in London praktizieren, und dort steht 1939 plötzlich Henny an der Victoria Station - als einziger Jüdin aus dem Freundeskreis ist ihr die Flucht gelungen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.09.2006

Es wäre ein leichtes gewesen für den Epiker Vikram Seth, mutmaßt Rezensentin Sabine Löhr, aus dieser wahren Geschichte einen Riesenroman zu machen. Darauf aber hat Seth diesmal verzichtet - und zwar, so Löhr, aus den allerbesten Gründen. So nämlich entstehe aus der Lebensgeschichte von Seths Onkel Shanti Seth und seiner deutschen Ehefrau Henny ein sehr privates Buch, das nach ausführlichen Interviews mit dem Onkel entworfen wurde und auch aus dem Briefwechsel der beiden zitiert. Es ist eine - von ihrer Seite übrigens wohl nicht sehr leidenschaftliche - Liebe unter finsteren Umständen. Shanti kommt zur Zahnarzt-Ausbildung nach Deutschland, wirbt zunächst vergeblich. Hennys Mutter und Schwester sterben in den Konzentrationslagern, sie entkommt nach England, wird von ihrem deutschen Verlobten als Jüdin im Stich gelassen, und trifft dort wieder auf Shanti. Vikram Seth lässt in seine Rekonstruktion der Vergangenheit auch die Geschichte seiner eigenen Schriftstellerwerdung einfließen, dies aber, wie die Rezensentin findet, auf gelungene Weise. Befremdlich findet sie einzig einen Exkurs über die Rolle Deutschlands im 20. Jahrhundert sowie einen bösen Schluss über den Onkel, der alle enterbte. Diese kleinen Fehler änderten aber nichts daran, resümiert sie, dass dies ein überaus lesenswertes Buch ist.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 03.06.2006

Ein wenig voreilig findet die Rezensentin Angela Schader den deutschen Untertitel "Porträt einer Liebe". Schließlich beziehe diese "dokumentarische Textcollage" ihren Reiz nicht zuletzt aus der rätselhaften Natur jener außergewöhnlichen Beziehung, der Vikram Seth versucht sich zu nähern, jener nämlich zwischen seinem Onkel Shanti Seth und der deutschen Jüdin Henny Caro. Shanti, erklärt der Rezensent, sei 1931 zum Zahnmedizinstudium aus Indien nach Berlin gekommen und habe als Untermieter bei Familie Caro gewohnt. Wie daraus zwanzig Jahre später eine Ehe werden würde, und welche Art von Ehe, versuche Seth aus den Erinnerungen des Onkels und einer Kiste mit Briefen, die Henny aus dem Exil ins Nachkriegsdeutschland schickte, zu rekonstruieren. Aus dieser spannendes Korrespondenz, so die Rezensentin, eröffnet sich freilich ein breiteres zeitgeschichtliches Panorama. Die Reflexion über Deutschlands Rolle in der Geschichte, die Seth daraus entwickelt, gerät nach Ansicht der Rezensentin ein wenig zum "Fremdkörper" und verlangt dem deutschsprachigen Publikum, weil sie bietet, was es nicht schon kennen würde, die Geduld des Wissenden ab - eine Geduld jedoch, die sich in jedem Fall lohnt.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 03.06.2006

"Durch alle Kapitel hindurch spannend" fand Rezensentin Susanne Messmer diese deutsch-jüdisch-indische Liebesgeschichte, mit der Messmer zufolge Vikram Seth die Geschichte seines Onkels Shanti und dessen deutsch-jüdischen Frau Henny erzählt. Dass Seth nicht versucht, das Rätsel ihrer Beziehung zu lösen, macht aus Sicht der Rezensentin einen besonderen Reiz des Buches aus. Als Vorteil empfindet sie auch, dass Seth eine große Distanz zum deutsch-jüdischen Hintergrund seiner Tante und dem Deutschland der dreißiger Jahre hat und nicht alles in bekannte Schubladen einsortiert. Hoch rechnet die Rezensentin dem Autor auch an, dass sein Buch nie " ins Voyeuristische kippt". Er verstecke sich stattdessen über lange Passagen hinter unzähligen Dokumenten, Briefen und Interviews, wodurch viel Raum für Gedanken und Spekulationen zu den Rätseln des Buches entsteht.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 19.05.2006

Bewegt zeigt sich Rezensent Gustav Seibt von diesem "Porträt einer Liebe", das Vikram Seth vorgelegt hat. Was als schöne Geschichte beginnt, nimmt schnell schreckliche Züge an: der Autor dokumentiert die Geschichte seines Onkels Shanti, der Anfang der dreißiger Jahre zum Studium der Zahnmedizin nach Berlin kommt, Freunde, darunter viele Juden, findet, seine zukünftige Frau kennen lernt, dann aber Naziherrschaft, Krieg und, Deportation und die Ermordung zahlreicher Freunde miterleben muss. Seibt betrachtet das Buch als berührende Darstellung der Unmenschlichkeit und Absurdität des Rassenwahns des 20. Jahrhunderts. Beeindruckt haben ihn vor allem die von Seth versammelten Briefe und Erinnerungen der beiden Protagonisten. Hier bescheinigt er dem Text die gleiche Eindringlichkeit, wie sie die Tagebücher Victor Klemperers oder gar W. G. Sebalds Erzählungen aufweisen. Aber auch die autobiografischen Passagen, in denen der Autor über sein Verhältnis zu Deutschland berichtet, bedenkt Seibt mit Lob.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 17.05.2006

Hilal Sezgin zeigt sich von diesem Doppelporträt Shanti Seths, der 1933 zum Studium aus Indien nach Deutschland kam, und seiner späteren jüdischen Frau Henny sehr berührt. Sie und die schreckliche Geschichte ihrer Familie bilden nämlich das "Herzstück" dieser Doppelbiografie, meint die Rezensentin. Der Autor, Neffe der Porträtierten, hat auf dem Dachboden einen Koffer mit Briefen und Dokumenten gefunden und daraus das Schicksal der Schwester und der Mutter Hennys rekonstruiert, die beide im KZ ermordet wurden, so Sezgin erschüttert. Ist der Ton, in dem Seth an dieser Stelle knapp die Geschichte des Holocaust zusammenfasst für "deutsche Augen und Ohren" auch reichlich gewöhnungsbedürftig, so erreicht der Autor, indem er sie anhand von Seth und Henny und ihrer Familie erzählt, dass die Leser die Ereignisse in einer Weise berühren, als hörten sie dergleichen "zum ersten Mal", staunt die Rezensentin. Wenn schließlich näher auf den Onkel und seinen Werdegang im London der Nachkriegszeit eingegangen wird, lässt das Interesse der Rezensentin deutlich nach. Doch ist sie bereit, das zu "verzeihen" und ist dankbar vor allem dafür, ein Stück deutscher Geschichte aus der Perspektive von Henny, einer zur "Freundschaft übermäßig begabten" Frau, gezeigt bekommen zu haben.