Die Aufnahme Tausender "Fremder" im Sommer 2015 wurde medial euphorisiert als "deutsches Wunder" beschrieben. Die Geflüchteten selbst tauchten in dieser Perspektive kaum auf. Dem Narrativ der "Willkommenskultur" folgte ein Wechselbad der Diskurse hin zum drohenden Staatsversagen, der Belastungsgrenze oder sexueller Übergriffe. Dabei ging es primär um die Befindlichkeit der Nation und der "Flüchtling" wurde zum Verursacher nationaler Bedrängnisse. Uwe Becker analysiert diese Diskurse und zeichnet nach, welche Narrative sich im "langen Sommer der Flucht" aufgebaut haben. Dabei zeigt er auf, wie sie im kollektiven Gedächtnis ruhen, jederzeit aktivierbar sind und bis heute eine restriktive Flüchtlingspolitik legitimieren.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.12.2022
Rezensent Lukas Fuhr liest die Analyse zum deutschen Flüchtlingsdiskurs des Sozialethikers Uwe Becker mit Aufmerksamkeit. Er folgt dem Autor bei seiner genauen Untersuchung von rund zweihundert Texten aus der "Zeit". Lehrreich scheint ihm, dass der Autor aufzeigt, was und nicht zuletzt wie berichtet wird, welche Verwandlung der Begriff "Flüchtlingskrise" durchmacht, und wie sich der Diskurs 2015 chronologisch entfaltet. Wenn sich Becker der Gleichzeitigkeit von Willkommenskultur und Brandanschlägen widmet, lernt der Rezensent, dass zwischen beiden Ereignissen eine strukturelle Ähnlichkeit besteht. Medienkritisch bietet der Autor laut Fuhr eine grundsätzliche Betrachtung des "wahrheitsorientierten Darstellungsjournalismus".
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