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Ulrich Sieg

Deutschlands Prophet

Paul de Lagarde und die Ursprünge des modernen Antisemitismus
Cover: Deutschlands Prophet
Carl Hanser Verlag, München 2007
ISBN 9783446208421
Pappband, 416 Seiten, 25,90 EUR

Klappentext

Paul de Lagarde (1827-1891) war Professor für orientalische Sprachen - und ein Besessener. Parallel zu seinem wissenschaftlichen Werk verfolgte er den Versuch, eine bizarre deutsche Nationalreligion zu gründen, die auf aggressivem Antisemitismus fußte. Nietzsche und Wagner zählten zu de Lagardes ersten Lesern, im 20. Jahrhundert studierten Thomas Mann, Theodor Heuss und nicht zuletzt Adolf Hitler seine Schriften. Ulrich Sieg stellt in seiner Biografie den Gründervater des nationalsozialistischen Antisemitismus vor und führt ein in die geistige Ambivalenz des 19. Jahrhunderts. In den Abgründen dieser Epoche ahnt der Leser die Katastrophen des 20. Jahrhunderts voraus.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.12.2008

Was genau Ulrich Sieg anhand dieser Lagarde-Biografie über die "Ursprünge des modernen Antisemitismus" zutage fördert, lässt sich Patrick Bahners' zugleich voraussetzungsreicher und  eigenen Gedanken nachhängender Kritik nicht wirklich entnehmen. Der Rezensent nutzt das Buch, um selbst über diese halb vergessene und doch wohl zentrale Figur der deutschen Geistesgeschichte zu extemporieren. Er erwähnt die Faszination an sich liberaler Zeitgenossen für den großen Gelehrten und populären Autor Lagarde, dessen Antisemitismus man wohl selbst in aufgeklärten Kreisen um 1900 noch nicht als Ursünde ansah, und kommt dann zu einem Schluss, den man wohl als Bahners' - aber auch als Siegs? - Moral von der Geschichte ansehen kann: Lagarde komme ja von der Bibelkritik, also aus einem "radikalen Liberalismus". Und sein Antisemitismus, der sich aus einem Widerwillen gegen eine angebliche Buchstabengläubigkeit der Juden speise, erinnere an die Kritik heutiger sich liberal wähnender Geister am Islam. Wen Bahners da wohl meint?
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 25.07.2007

Sehr verdienstvoll findet der hier rezensierende Christoph Jahr Ulrich Siegs Biografie des furchtbaren deutschen Gelehrten Paul de Lagarde. Denn obwohl dieser "eingefleischte Menschenhasser" mit seinem Antisemitismus und seiner "sektiererischen Besserwisserei" einen kaum nachvollziehbaren, aber ungeheuren Einfluss auf das deutsche Geistesleben nahm, gab es bisher keine umfassende wissenschaftliche Arbeit zum Leben dieses Mannes. Jahr erklärt die Brisanz dieses Gelehrten damit, dass es seine wissenschaftliche Autorität als Orientalist und Bibelkenner war, die auch seinem schroffen Antisemitismus zur Respektabilität in bürgerlich-intellektuellen Kreisen verhalf. Nicht ganz überzeugt ist der Rezensent von Siegs Versuch, den Antisemitismus - nicht nur von de Lagarde - als Folge einer "verletzten Seele" zu erklären. Aber das hält ihn nicht davon ab, dieser Arbeit das Prädikat "herausragend" zu verleihen.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 19.04.2007

Als "gründlichst recherchiert und spannend geschrieben" lobt Rezensent Michael Brenner diese "erste umfassende" Biografie des Wegbereiters des modernen Antisemitismus. Denn hiermit sieht Brenner nun zum ersten Mal den Blick auf diesen schillernden Göttinger Orientalisten freigelegt, der Figuren wie Thomas Mann, Alfred Rosenberg, Christian Morgenstern und Adolf Hitler gleichermaßen faszinierte. Ulrich Sieg zeichne das Bild eines "Misanthropen der unangenehmsten Sorte" und eigentlich hätte diese Biografie für Brenner sogar das Zeug zur Komödie, hätte der als Paul Bötticher geborene de Lagarde bloß den Antisemitismus und das Deutschtum nicht so schrecklich ernst genommen und die Juden im Zuge dessen als "wertlose Schlacke" ohne Existenzberechtigung verachtet und diese Verachtung auch noch pseudowissenschaftlich zu untermauern versucht. Am Ende fragt sich der Rezensent, wie es nur kommen konnte, dass so ein schrulliger, menschenfeindlicher Charakter wie de Lagarde einer ganzen Generation zum deutschtümelnden Vorbild werden konnte.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 20.03.2007

Rezensent Thomas Meyer entdeckt in Ulrich Siegs Biografie über Paul de Lagardes (1827-1891) eine instruktive Neueinschätzung dieses Urvaters des nationalsozialistischen Antisemitismus. Er bescheinigt dem Autor, erstmals ein überzeugendes Bild Lagardes zu zeichnen, das dessen Selbststilisierungen nicht auf den Leim geht. Als Fundament der Studie nennt Meyer den umfangreichen Nachlass des ebenso intelligenten wie elitebewussten Orientalistik-Professors. Deutlich wird für Meyer, dass Lagarde weder ein Außenseiter noch ein naiver Handlanger der antisemitischen Bewegung war, sondern sich als deren Prophet verstand. Sieg kann seines Erachtens auch zeigen, dass Lagarde neben grober antisemitischer Rhetorik einen sich "wissenschaftlich gebenden Antisemitismus" etablieren wollte. Zudem führe der Autor überzeugend die Irrwege und Obsessionen Langardes vor Augen. Aufschlussreich findet Meyer schließlich die umfangreiche Darstellung der Rezeption Lagardes unter anderem durch Hitler.
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