Tobias Dürr, Franz Walter

Die Heimatlosigkeit der Macht

Wie die Politik in Deutschland ihren Boden verlor
Cover: Die Heimatlosigkeit der Macht
Alexander Fest Verlag, Berlin 2000
ISBN 9783828601116
Gebunden, 17,38 EUR

Klappentext

Erstaunlich stabil sind die deutschen Parteien viele Jahre lang gewesen. Diese Stabilität verdanken sie ihren Milieus. Damit ist es vorbei. Die sozialen Ressourcen der Parteien sind versiegt, ihre Grundlagen und ihr gesellschaftlicher Halt verloren. Durch die Auflösung der angestammten Milieus, so zeigen Franz Walter und Tobias Dürr, haben sich die an die Politiker gerichteten Erwartungen erhöht. Schnell, energisch und zielstrebig sollen sie handeln - sonst zappt sich das ungeduldige Publikum zur Konkurrenz. Auf Nachsicht oder gar Treue darf niemand mehr zählen. Die Ansprüche der Wähler und die Möglichkeiten der Politik driften immer weiter auseinander. Viel spricht deshalb dafür, dass sich die Entkopplung von Parteien und Gesellschaft zu einer dramatischen Krise auswächst. Andererseits haben sich die in den modernen Demokratien maßgeblichen Kräfte immer als in hohem Grade lern- und anpassungsfähig erwiesen. Wohin steuert also unser Parteisystem: in die stabilisierende Reform oder in den endgültigen Zusammenbruch?

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 12.10.2000

Kersten Knipp hat sich überzeugen lassen von diesem Band, der sich mit bundesrepublikanischer Nachkriegs- und Parteiengeschichte beschäftigt. Zunächst einmal stellt der Rezensent mit den Autoren fest: die Berliner Republik bedient sich einer flotten, Dynamik verheißenden und an der Wirtschaft orientierten Sprache, die nicht hält, was sie verspricht. Ein Paradox, so Knipp, denn ausgerechnet die auf Werte und Beständigkeit setzende Politik der Bonner Jahre hätte einen durchschlagenden Wirtschaftserfolg bedeutet, während die Berliner Republik bei allen flotten Sprüchen nicht aus dem Reformstau herauskommt. Die Politik sei handlungsunfähig geworden, führt der Rezensent die Autoren an. Den bundesdeutschen Parteien - einschließlich PDS - seien scharfsinnige Portraits gewidmet, die ein besonderes Gespür für deutsche Mentalitätsgeschichte bewiesen. Politik kommt nicht ohne Mythen aus, heißt es bei Knipp; wie die aber beschaffen sein müssten, darüber könnten und wollten die Autoren keine Auskunft geben. Stoff zum Nachdenken bietet das Buch Knipp zufolge ausreichend.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.08.2000

"Amüsant" nennt Karl-Rudolf Korte die Lektüre dieses Bandes, ohne genau zu begründen, inwiefern ein Buch über die deutsche Parteienkrise amüsant sein soll. Korte zeichnet die Analyse der Autoren nach, die ein Verschwinden der traditionellen Wählerschaften, vor allem bei CDU und SPD, aber auch bei der FDP und den Grünen konstatieren. Nur CSU und PDS könnten sich auf eine eindeutige Klientel berufen - was eine moderne Politik im übrigen überhaupt nicht ausschließe. Glaubt man Kortes Besprechung, so entwickeln die Autoren auch so etwas wie Strategien, wie die Parteien auf den Verfall ihrer klassischen Milieus reagieren können.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 18.04.2000

Daniel Haufler zeichnet in seiner Kritik ausführlich den Inhalt des Buches nach, dass die Geschichte der deutschen Parteien zum Teil bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolge, um dann deren Zukunftsaussichten zu analysieren. Die Autoren kommen dabei zu dem Schluß, wie Haufler kommentarlos referiert, dass CSU und PDS am erfolgreichsten dastehen werden, weil sie "unbedrängte Repräsentanten" ihres Milieus sind. Haufler findet das alles "klug und kundig" geschrieben, vermutet aber, dass die "fröhliche Darstellung" einige Historiker erschüttern könnte. Gelegentlich fehlt dem Rezensenten "methodische Trennschärfe", etwa wenn die Autoren "übergangslos" von der Intentionsgeschichte zur Rezeption springen. Auch Vokabeln wie `Sinndepots` oder `teleplebiszitäre Publikumsgesellschaft` kann er nicht viel abgewinnen. Am Ende überwiegt aber das Lob: Das Buch mache den Leser durchaus "schlau", versichert Haufler.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 22.03.2000

Die unterschwellige "Begeisterung für die originäre Kraft" der beiden Parteien CSU und PDS findet Roderich Reifenrath zwar "gewöhnungsbedürftig", das Buch insgesamt hat aber doch seine Zustimmung gefunden, auch wegen der ansonsten herrschenden "abwägenden Distanz" bei der Analyse von politischen Parteien und ihren inneren Strukturen. Den Beschreibungen, warum den Parteien ihre politische Basis abhanden kam, hat Reifenrath eigentlich nichts hinzuzufügen. Manchmal deutet er aber zwischen den Zeilen deren Verfallsdatum an.
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