Wissenschaftsfreiheit und Moral
Beste philosophische Aufklärung zum Streitthema "Cancel Culture"

Suhrkamp Verlag, Berlin 2024
ISBN
9783518588109
Gebunden, 319 Seiten, 30,00
EUR
Klappentext
Die Wissenschaftsfreiheit gilt vielerorts als bedroht von Moralismus, Denkverboten und Cancel Culture. Aber ist moralische Empörung angesichts bestimmter wissenschaftlicher Positionen - etwa zu Genetik und IQ, zu Geschlecht und Biologie oder zu Behinderung und Infantizid - immer ein ideologischer, sachfremder Versuch der Bevormundung? Oder gibt es legitime moralische Kritik an wissenschaftlichen Thesen? Der Philosoph Tim Henning geht diesen Fragen in seinem Buch auf den Grund. Einerseits verteidigt er eine strenge Auffassung von Wissenschaftsfreiheit: Die Wissenschaft ist ein autonomer Bereich und sollte als solcher auch respektiert werden. Sie sollte sich allein an den Kriterien orientieren, die sich aus der immanenten Natur einer systematischen Wahrheitssuche ergeben - an Daten und Belegen, an wahr oder falsch. Andererseits betont er die Möglichkeit einer nichtmoralistischen moralischen Kritik. Ansatzpunkte hierfür finden sich im Inneren des vermeintlich reinen Bereichs wissenschaftlicher Kriterien, wie neuere Analysen aus Erkenntnistheorie und Sprachphilosophie zeigen. Es sind die praktischen Kosten eines Irrtums, die sich als erkenntnistheoretisch und als moralisch relevant erweisen. Ob eine These wissenschaftlich haltbar ist, kann daher durchaus eine moralische Frage sein.
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Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 10.10.2024
Rezensent Lars Weisbrod langweilt sich ein bisschen bei der Lektüre dieses Buchs von Tim Hennings, das abstrakt daherkommt und möglicherweise etwas arg schnell ins Deutsche übersetzt wurde. Aber gleichzeitig hält Weisbrod es für ungemein wichtig, weil es eine Frage ernst nimmt, die ansonsten von Kulturkämpfern mit falschen Gewissheiten beantwortet werde. Es handelt sich, erfahren wir, um die Frage danach, ob Wissenschaft alles darf, insbesondere dann, wenn sie sich moralischer Kritik zu stellen hat. Der analytische Philosoph Henning argumentiert laut Weisbrod, dass Wissenschaft von moralischer Kritik zunächst tatsächlich nicht tangiert wird, da moralische Kritik mit kontingenten Kausalfolgen hantiert, die die wissenschaftlichen Fragen selbst nicht berühren. Als Beispiel führt Weisbrod mit Henning die These an, dass Intelligenz eine erbliche Komponente hat und schwarze Menschen gegenüber Weißen benachteiligt seien. Forschern, die so etwas behaupten, zu unterstellen, sie schürten Rassismus, führt nicht weit, meint Henning, eben weil eine solche Kausalfolge mit der wissenschaftlichen Fragestellung nichts zu tun hat. Daraus folgt jedoch nicht, dass Moral die Wissenschaft gar nicht tangiert, denn tatsächlich hat die Wissenschaft in den Augen des Autors die Pflicht, in politisch heiklen Fragen die eigene Argumentation besonders genau zu prüfen, eben weil die Forschung gesellschaftliche Auswirkungen hat, referiert der Kritiker. Diese These, die im Allgemeinen auf den Begriff "pragmatic encroachment" gebracht wird, ist nicht unumstritten, weiß Weisbrod, insgesamt jedoch ist die Konstellation von Wissenschaft und Moral, die in diesem Buch erörtert wird, seiner Meinung nach geeignet, kulturkämpferischen Verkürzungen heilsam entgegen zu wirken.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 27.08.2024
Rezensent Daniel-Pascal Zorn macht sich mit Tim Henning auf, zu belegen, dass sich eine wissenschaftliche These moralisch ablehnen lässt, ohne unwissenschaftlich zu sein. Zorn betrachtet die Beispiele, mit denen sich der Autor seiner Fragestellung nähert, sowie Hennings Argumentation und stellt fest, es ist bedeutsam zu wissen, dass der Autor aus der analytischen Philosophie kommt und er beeinflusst ist von "angelsächsischen Versionen des Werturteilsstreits". Schlüssig begründen kann der Autor seine These aber nicht, stattdessen legt er einen Zirkelschluss vor, meint Zorn. Als Fehlschlag möchte Zorn das Buch trotzdem nicht bezeichnen. Schließlich zeigt es "wichtige Sackgassen der erkenntnistheoretischen Diskussion" auf, erklärt Zorn.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.08.2024
Uwe Justus Wenzel hört sich an, was der Philosoph Tim Henning über die Berührungspunkte von Wissenschaftsfreiheit und Moral zu sagen hat, und stellt fest, dass Hennings analytischer Scharfsinn durchaus die Entpolarisierung befördern kann. Etwa indem der Autor an die einschränkenden Spielregeln in der Wissenschaft erinnert, ohne Denkverbote gutzuheißen. Oder indem er feststellt, dass eine moralische Kritik an wissenschaftlicher Erkenntnis durchaus möglich ist. Lohnende Lektüre, findet Wenzel, auch oder gerade weil sie mitunter abstrakt ist.