Thomas Mann gilt als Vorbild für Disziplin, als fleißiger, unbeirrbarer Arbeiter im täglichen Homeoffice. Seine Tagebücher aber zeigen ein anderes Bild: Zwischen Morgenmüdigkeit und Magenverstimmung muss das selbst geforderte Schreibpensum jeden Tag dem eigenen Körper abgerungen werden - mal mit Erfolg, viel öfter ohne. Felix Lindner, bekannt geworden durch seinen Twitter-Account "Thomas Mann Daily", versammelt in diesem humorvollen Buch 365 Kurzzitate aus den Tagebüchern, die den Alltag des Nobelpreisträgers mit all seinen Krisen und Hindernissen zeigen. Ja, Thomas Mann hatte Menschen, hatte Frauen um sich herum, die ihm die Hausarbeit abnahmen und ihn vor der Unruhe der Außenwelt schützten. Trotzdem war Thomas Mann kein in sich ruhender "Zauberer", dem die Sätze nur so aus der Feder flossen. Wie wir alle war auch er müde und genervt, von Zweifeln geplagt und immer wieder abgelenkt vom Leben jenseits der Bücher.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 21.05.2025
Rezensent Michael Hesse hat in jedem Fall mehr Freude an den Tagebüchern Thomas Manns als dessen Kinder. Erfuhren diese, allen voran Monika und Michael doch hier, was der Vater wirklich von ihnen hielt. Die vorliegenenden, von dem an der Humboldt-Universität promovierenden Felix Lindner herausgegebenen Notate scheinen aber heiterer, freut sich der Kritiker, der hier neben Intimitäten auch allerhand über Freundschaften, Bekanntschaften und körperliche Befindlichkeiten Manns liest. Weltpolitik, besonders die Machtergreifung der Nazis, spielt ebenfalls eine Rolle; insbesondere aber erscheint Thomas Mann dem Rezensenten hier als "von neurotischer Selbstbeobachtung getriebener Mensch", der auch vor der Niederschrift von Peinlichkeiten und sexuellen Fantasien nicht haltmacht: "Sehr heftige Reizung der Rectalphäre", heißt es etwa am 6. Oktober 1946. Für Hesse ist das Buch in jedem Fall "große Unterhaltung".
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