Theodor W. Adorno

Aspekte des neuen Rechtsradikalismus

Ein Vortrag
Cover: Aspekte des neuen Rechtsradikalismus
Suhrkamp Verlag, Berlin 2019
ISBN 9783518587379
Kartoniert, 86 Seiten, 10,00 EUR

Klappentext

Mit einem Nachwort von Volker Weiß. Am 6. April 1967 hielt Theodor W. Adorno auf Einladung des Verbands Sozialistischer Studenten Österreichs an der Wiener Universität einen Vortrag, der aus heutiger Sicht nicht nur von historischem Interesse ist. Vor dem Hintergrund des Aufstiegs der NPD, die bereits in den ersten beiden Jahren nach ihrer Gründung im November 1964 erstaunliche Wahlerfolge einfahren konnte, analysiert Adorno Ziele, Mittel und Taktiken des neuen Rechtsradikalismus dieser Zeit, kontrastiert ihn mit dem "alten" Nazi-Faschismus und fragt insbesondere nach den Gründen für den Zuspruch, den rechtsextreme Bewegungen damals - 20 Jahre nach Kriegsende - bei Teilen der bundesdeutschen Bevölkerung fanden.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 03.09.2019

Rezensent Raphael Smarzoch klopft Theodor W. Adornos fünfzig Jahre alten Vortrag zum Rechtsradikalismus auf seine Übertragbarkeit ins Heute ab. Die Propaganda ist die Substanz rechtsradikaler Politik? Check! Agitatoren protzen mit Kenntnissen, die nicht überprüft werden können? Check! Sie loten permanent die Grenzen des Sagbaren aus? Check! Sie bringen ihre Zuhörer zum Kochen, indem sie sich über die Humanität mokieren? Check! Über Abweichungen oder Unstimmigkeiten sagt Smarzoch nichts, aber er entnimmt dem Text auch noch den Rat, in der Auseinandersetzung mit Rechtsradikalen oder ihren Mitläufern nicht zu moralisieren, sondern klarzumachen, dass sie selbst am wenigsten von ihrer Ideologie profitierten.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 03.08.2019

Rezensent Marc Reichwein reibt sich die Augen: Adorno schreibt über Trump und die AfD? Wohl kaum. Doch was Adorno 1967 angesichts der NPD-Erfolge vorträgt, was er über Propaganda, Lüge und den Faschismus durch alle Bevölkerungsschichten zu sagen hat, den Gegensatz Stadt und Land, das Lechzen nach Unheil und Katastrophe, all das scheint dem Rezensenten relevant. Die erstmalige Publikation des Vortrags dient Reichwein übrigens als willkommene Ergänzung zu Cornelia Koppetschs aktueller Analyse des Rechtspopulismus.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.07.2019

Rezensent Helmut Mayer liest Theodor W. Adornos erstmals veröffentlichten Vortrag von 1967, in dem der Autor den Aufstieg der NPD erklären versucht, nicht so sehr mit Blick auf seine Aktualität, sondern, für ihn interessanter, indem er die Unterschiede zwischen der damaligen und der heutigen Situation im Blick behält. So erkennt er etwa in Adornos Ratschlag, die Jugend mit den realen Konsequenzen rechtsextremer Ideologie für ihre eigene Freiheit zu konfrontieren, eine überholte Vorstellung. Der Rechtsextremismus sei "diffuser" geworden, hält er dagegen. Andere Fokussierungen Adornos, etwa auf die Technik der Propaganda, scheinen Mayer durchaus erkenntnisträchtig für die Gegenwart.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 25.07.2019

Am interessantesten findet Rezensent Thomas Assheuer an Adornos Ausführungen das sozialpsychologische Element. Viel freier, als es heutige Soziologen wagten, schließe Adorno das "kollektive Imaginäre" in seine Reflexion ein. Es ist nicht die Deklassierung, sondern bereits die Angst vor der Deklassierung, so Assheuer mit Adorno, die anfällig mache für Einflüsterungen der Rechtsextremen. Es ist die "innere Vorwegnahme", die das Befürchtete dann als "erlösendes Unheil" (so Adornos Vokabel) erscheinen lasse. Etwas verschmockter klingt, was Adorno über die nach wie vor bestehenden Voraussetzungen des Faschismus in der Gesellschaft schreibt, die Adorno in den "herrschenden Konzentrationstendenzen des Kapitals" erkennt - aber auch damit ist Assheuer völlig einverstanden. Am Ende erklärt Assheuer dann noch den "rechten Affekt gegen Linksintellektuelle" zu Antisemitismus und weiß sich hier ebenfalls mit Adorno einig.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 20.07.2019

Jens-Christian Rabe kann die Veröffentlichung von Theodor W. Adornos Vortrag von 1967 gar nicht genug loben. Die Aktualität dessen, was Adorno angesichts der Erfolge der NPD zu sagen hat, verblüfft und erschreckt Rabe, auch wenn er erkennt: Die AfD ist nicht die NPD. Adornos Ausführungen über das Gefühl der Deklassierung, die ideologische Macht des Nationalsozialismus und die Natur der Propaganda sind laut Rabe jedenfalls unbedingt lesenwert. Ganz nebenbei lernt der Rezensent die Produktivität von Adornos Dialektik auf einfache Weise kennen und schätzen.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 15.07.2019

Arno Widmann kann nicht fassen, wie aktuell der fast fünfzig Jahre alte Vortrag Theodor W. Adornos dem Leser vorkommt. Als hätte sich nichts geändert. Etwa, wenn Adorno über das Gefühl der Deklassierung bei Rechtsradikalen spricht und dass es sich um eine vernünftige Reaktion handelt. Adornos Kenntnis der gesellschaftlichen Strömungen seiner Zeit und seine Vertrautheit mit der rechten Propaganda findet Widmann verblüffend. Sein erstaunlicher Schluss: Die Mitte war schon damals nicht nazifrei, war es niemals. Überrascht zeigt sich der Rezensent auch von Adornos Pragmatismus. Den Lügen von rechts ist entschieden zu widersprechen, lernt Widmann.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 15.07.2019

Einen unveröffentlichten Vortrag von Theodor W. Adorno zu neuem Rechtsradikalismus liest Rudolf Walther sofort. Adorno hatte 1967 vor Studenten der Wiener Universität zum Thema gesprochen, und als soziale Voraussetzung von neuem oder altem Faschismus die Existenz von Deklassierten gesehen, die die Schuld an ihrem sozialen Abstieg nicht dem kapitalistischem System geben, sondern dessen Gegnern. Das findet Walther interessant, auch dass Adorno die Verwendung rationaler Mittel zu irrationalen Zielen zur "zivilisatorischen Gesamttendenz" erklärt. Dennoch muss er aber einräumen, dass ihn die Lektüre eher enttäuscht. Zu ungeordnet und widersprüchlich erscheinen ihm Adornos Gedanken, nicht ohne Grund habe dieser der nachträglichen Veröffentlichung mitgeschnittener Vorträge misstraut.