Bis Ende der 1970er-Jahre standen die Fühlungnahmen zwischen dem DGB und den Gewerkschaften in der Sowjetunion und Polen im Mittelpunkt des Interesses. In den 1980er-Jahren setzten die Kontakte vor allem auf deutschlandpolitische Ziele, denn der "Wandel durch Annäherung" wirkte durch unerwartete Zugeständnisse der DDR-Gewerkschaften fort. Am weitreichendsten waren jedoch - das arbeitet Müller heraus - die Kontaktinitiativen mit der polnischen Solidarność. Die Gewerkschaften haben aber nicht nur die Brandt'sche Ostpolitik begleitet, sondern kooperierten auch nach 1982 mit der Bundesregierung unter Kohl. Der Blick auf den Systemkonflikt wirft damit ein neues Licht auf die Beziehungen der Gewerkschaften zur westdeutschen Außenpolitik.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.12.2020
Rezensent Frank Bösch erfährt aus Stefan Müllers Dissertation, wie bundesdeutsche Gewerkschaften die Entspannungspolitik während des Kalten Krieges unterstützten, etwa der ÖTV-Vorsitzende Heinz Kluncker oder die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Materialreich zeigt Müller laut Rezensent die Begegnungen zwischen Funktionären West und Ost auf, erörtert die Kooperation mit Brandts Ostpolitik und den Verzicht auf Treffen mit Dissidenten. Was genau die Gewerkschafter in der Sowjetunion oder in Polen so trieben, bleibt in der Studie leider eher im Dunkeln, bedauert Bösch. Zeitzeugeninterviews und Fotos wären hier hilfreich gewesen, so Bösch. Sprachlich verleugnet das Buch seine akademische Herkunft leider nicht, stellt er fest. Dass nur deutsche Quellen ausgwertet wurden, empfindet Bösch durchaus als Mangel.
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