Aus freien Stücken - oder doch nicht? 15 Geschichten über Macht, Gewalt und Selbstbestimmung
Wie kann man sich bei einer Anhörung im Asylverfahren einen Rest Selbstbestimmung bewahren, wenn man sogar aufs Klo nur in Begleitung darf? Kann man sich den Ekel vor "hässlichen" Körpern durch puren guten Willen abgewöhnen? Wem gehört meine Brust? Wie gefährlich kann ein Coming Out für syrische Ministerialbeamte werden? Und wie kann ich mir sicher sein, dass jemand wirklich Tee mit mir trinken will?
Ein klarer weiblicher Blick auf komplizierte sexuelle und Machtdynamiken ruft noch immer heftige Abwehrreaktionen hervor - doch eine neue Generation schüttelt jetzt die bleierne Decke auf. Herausgegeben von Redakteurinnen des "Missy Magazine" schreiben 15 namhafte Autor*innen über Selbstbestimmung und Sex in allen Lebensbereichen. Sie ergründen, wie erfüllende, gleichberechtigte menschliche Beziehungen im 21. Jahrhundert gehen - oder eben auch scheitern. Das gerät persönlich, analytisch oder kritisch, provokant oder brüllend komisch, aber in jedem Fall überraschend.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 06.06.2019
2018 bot die Me-Too-Debatte Opfern von sexueller Gewalt die Möglichkeit, im Schutz der Menge einen ersten Schritt aus der Passivität des Schweigens hinaus zu tun. Die im Zuge dieser Debatte erschienenen Publikationen befassten sich notwendigerweise vor allem mit der Angst und Hilflosigkeit des Opfers, erklärt Rezensentin Lea Schneider. Mit "Freie Stücke" liest sie nun jedoch eine Anthologie, die weiter geht, indem sie nach Handlungsoptionen fragt. Alle 15 Beiträge handeln von Selbstbestimmung sowie von dem Verhältnis zwischen Konsens und Gewalt, lesen wir. Trotzdem erkennt Schneider eine große Vielfalt in den verschiedenen Texten. Sibel Schick etwa erzählt von dem "Leidensweg", der für Frauen mit der ersten Schambehaarung beginnt, während Joey Juschka sich mit der PayGap und ihren Folgen auseinandersetzt, so die Rezensentin. Besonders hebt sie zwei Beiträge hervor: den Essay von Christian Schmacht über verschiedene Formen der Passivität, erzwungener, freiwilliger und schuldhafter, sowie Jacinta Nandis Familiengeschichte, in der die Figuren sich als genauso unperfekt erweisen wie "die gesellschaftliche Realität".
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