Ich geh jetzt los und bring mich um
Roman

Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2026
ISBN
9783455021165
Gebunden, 160 Seiten, 24,00
EUR
Klappentext
Aus dem Chinesischen von Karin Betz. He Hanqing ist eine unsichtbare Frau. Seit der Hochzeit lebt sie im Haushalt der Schwiegereltern, wo sie kocht, putzt, wäscht, Einkäufe erledigt und als Mädchen für alles stets zu Diensten ist. Ihre eigenen Bedürfnisse interessieren niemanden, selbst den Gang zur Toilette muss sie unterbrechen, wenn jemand anderes muss. Die vielen Aufgaben sind das eine, die fehlende Wertschätzung sind das andere. Bin ich denn für niemanden mehr als eine kostenlose Haushaltshilfe? Die Wucht, mit der Hanqing diese Frage ins Bewusstsein drängt, lässt sie einen folgenschweren Entschluss treffen, der überraschende Folgen hat.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 05.10.2026
Die chinesische Schriftstellerin Fang Fang wurde im Westen bekannt durch ihr "Wuhan Tagebuch", einem Blog, in dem sie die Corona-Pandemie in ihrer Heimatstadt dokumentierte und die Politik der Lokalregierung scharf kritisierte. In China dagegen wurde sie dafür zur persona non grata. Ihre Novelle "Ich geh jetzt los und bring mich um" erschien im chinesischen Original bereits 2004, berichtet Rezensent Jens Mühling, in der Zeitschrift "Volksliteratur". Der Text hat es in sich, verspricht Mühling: Fang Fang erzählt darin von einer Frau, die es nicht länger erträgt, von ihrer Familie wie eine Haussklavin behandelt zu werden: vom eigenen Mann wie eine Putzfrau behandelt, vom Sohn ausgenutzt, von der Schwiegermutter schikaniert. Die emotionale Kälte in chinesischen Familien findet der Rezensent bedrückend geschildert, allerdings räumt er ein, dass der volkstümliche Tonfall nicht ganz zu diesem tragischen Schicksal passt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.08.2026
Packend findet Rezensentin Lerke von Saalfeld diesen Roman der chinesischen Schriftstellerin Fang Fang. In knallhartem Realismus schildere die Autorin, die seit der Veröffentlichung ihrer "Wuhan Diaries" während der Corona-Zeit als Dissidentin gilt, ein Lebensgefühl in China zu Beginn der Zweitausender Jahre. Die Hauptfigur Hanqing lebt in Wuhan und hat genug von ihrem Leben. Seit der Kulturrevolution hat sie, bedingt durch die damalige Mangelernährung, Darmprobleme, was in ihrer Familie, wo sie für die Führung des Haushalts verantwortlich ist, immer wieder für Verstimmungen sorgt. Deshalb, eben, beschließt sie, sich umzubringen, was von ihrer Familie nicht ernst genommen wird. Sie verlässt die eigene Wohnung, driftet durch die Stadt und erlebt dort Schönes und Schreckliches, verrät Saalfeld. In "deftigen und zarten Bildern" erzählt Fang Fang vom alltäglichen Überlebenskampf, von Erniedrigung und Ungerechtigkeit, bitter ist ihr Ton schon, aber niemals weinerlich, meint die beeindruckte Kritikerin. Ein starkes, provokantes und letzendlich dann doch lebensbejahendes "Sittenbild", schließt sie.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 31.07.2026
Mit ihrem Tagebuch "Wuhan Diary" wurde Fang Fang international berühmt, ruft uns Rezensentin Liane von Billerbeck in Erinnerung. In ihren Aufzeichnungen aus dem Jahr 2020 schilderte die chinesische Autorin den Alltag der Menschen in der abgeschotteten Stadt Wuhan. Ihr nun auf Deutsch erscheinender, in China jedoch bereits Anfang der 2000er Jahre publizierter Roman "Ich geh jetzt los und bring mich um" widmet sich ebenfalls einem "städtischen Mikrokosmos", stellt die Rezensentin fest, fokussiert dabei jedoch auf das Leben einer Frau und ihr soziales Umfeld. Genauer gesagt: einer Frau, die von jenem sozialen Umfeld völlig erdrückt, ja im eigentlichen Wortsinne "verstopft" wird. He Hanquing heißt diese Frau, ihr Leben lang schon hat sie mit dieser Verstopfung zu kämpfen, dieser "fast nie gelingenden Entleerung", schreibt die Rezensentin, überall und ständig wird von ihr erwartet, präsent und verfügbar zu sein, Privatsphäre scheint für sie nicht vorgesehen - bis sie irgendwann beschließt, diesem elenden Leben ein Ende zu bereiten. Wie aufhaltsam selbst dieser Weg zum Ende noch ist, das schildert Fang Fang auf eindrückliche Weise in einer packenden Roadnovel. Angesichts dieser literarischen Qualität fällt der etwas "matte" Schluss für die Rezensentin kaum noch ins Gewicht.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 09.07.2026
Schon 2004 ist dieser Roman von Fang Fang im chinesischen Original erschienen, weiß Rezensentin Gisa Funck. "Parabelhaft" geht es um eine Frau, die aus den familiären Strukturen der Ausnutzung und Unterdrückung ausbrechen will. Dass etwas in Hanqings Leben "im Wortsinn unverdaulich" ist, zeigt sich Funck früh im Text, als die chronische Verstopfung der Protagonistin eingeführt wird, die sie die Schulbildung kostet. Stattdessen heiratet sie einen Automechaniker, dessen Familie sie als Hausmädchen ausnutzt, wie wir lesen. Keiner beachtet Hanqing, die den ganzen Haushalt alleine schmeißt, obwohl ansonsten auch keiner der vier anderen mehr arbeitet. Die Kritikerin liest die Wutrede einer Frau, die nicht einmal dann Aufmerksamkeit bekommt, wenn sie ihren Suizid ankündigt. Funck bekommt in diesem Roman aber auch eine Menge Witz serviert, was an der "sitcom-mäßigen" Erzählweise liegt, dem Thema aber nicht den Ernst nimmt. Auch wenn die Auflösung für sie etwas simpel gestrickt ist, findet sie die zugrundeliegenden Fragen nach dem Wert des eigenen Lebens und des allgemeinen Glücks bedeutend.