Siegfried Unseld

Hundert Briefe

Mitteilungen eines Verlegers 1947-2002
Cover: Hundert Briefe
Suhrkamp Verlag, Berlin 2024
ISBN 9783518225608
Gebunden, 468 Seiten, 26,00 EUR

Klappentext

Zum 100. Geburtstag von Siegfried Unseld. Für Siegfried Unseld waren Briefe nicht nur eine Arbeits-, sondern auch eine Lebensform. In ihnen ordnet er seine Gedanken. Sie begleiten und festigen Freundschaften. Sie helfen auf seinem beispiellosen Weg. Wichtige Förderer wie Hermann Hesse oder Peter Suhrkamp lernen ihn zunächst schriftlich kennen. Auch später, als das Reisen und Telefonieren leichter, üblich wird, legt der berühmte Verleger größten Wert auf seine Korrespondenz.Über ein halbes Jahrhundert hinweg verschickte Siegfried Unseld täglich zahlreiche Briefe. So finden sich in den Archiven heute über 50.000 eigenhändig geschriebene oder auch diktierte Schreiben. Aus dieser Fülle haben die Herausgeber 100 exemplarische Briefe ausgewählt und kenntnisreich kommentiert. In dem, was Siegfried Unseld Ingeborg Bachmann, Samuel Beckett, Ignatz Bubis, Hans Magnus Enzensberger, Max Frisch, Henry Kissinger, Autorinnen wie Autoren, Verlegern, Journalistinnen mitteilte, spiegelt sich nicht nur Unselds Denken. Diese Briefe dokumentieren eindrucksvoll und vielfältig die intellektuelle Geschichte der Bundesrepublik.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.09.2024

Rezensent Tilman Spreckelsen ist begeistert von der Auswahl an Briefen von Siegfried Unseld, die zum hundertsten Geburtstag des langjährigen Suhrkamp-Verlegers erschienen ist. Denn für Spreckelsen geht schon aus dieser verhältnismäßig kleinen Anzahl an Briefen - 100 von ungefähr 50.000, die Unseld zwischen 1947 und 2002 schrieb - dessen großes Talent nicht nur als Briefeschreiber, sondern auch als Verleger hervor: Wie Unseld die Balance halte zwischen einer ernsthaften Zugewandtheit zu seinem Gegenüber, aufrichtigem Interesse und Hilfsangeboten einerseits und aber eben auch einem pragmatischen Geschäftssinn mit klaren Forderungen und Grenzen andererseits, fasziniert den Kritiker, auch wenn er dem Verleger stellenweise eine leichte Tendenz zur "Schmeichelei" ankreiden muss, gerade wenn es um intellektuelle "Autoritäten" geht - so etwa in den Briefen an Hermann Hesse oder Wilhelm Weischedel. Wie selbstbewusst er hingegen seinen Doktorvater an eine nicht eingehaltene Frist erinnert, imponiert Spreckelsen wiederum. Eine höchst aufschlussreiche Briefsammlung, die außerdem "hervorragend editiert" ist, schwärmt der Kritiker.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 28.09.2024

Rezensent Thomas Steinfeld kann den zum 100. Geburtstag von Siegfried Unseld erschienenen hundert Briefen vieles entnehmen: Dass die Briefform dem berühmten Verleger des Suhrkamp Verlags ein wichtiges Mittel nicht nur zur Kommunikation war, sondern auch um das eigene Verhältnis zur Welt zu ordnen und zu verstehen; dass sein Talent im Briefeschreiben auch sein Talent als Verleger spiegelte, der ebenso Ahnung vom Schreiben wie von Herstellung, Verkauf und Zwischenmenschlichem hatte; dass Unseld das Ideal anstrebte, mit seinem Verlag die gesamte Bundesrepublik abzubilden und alles dabei abzudecken - Dichtung und die Wissenschaft, Avantgarde und Klassik, Revolte und Tradition, so Steinfeld -, was im Kontext der 60er Jahre irgendwie gelingen konnte, auch wenn Unseld nicht unfehlbar war, wie die Briefe dem Kritiker ebenfalls verdeutlichen. Von Technik verstand er nichts, sein intellektuelles Interesse galt meist Männern, und manchmal führte die Unkenntnis in einem speziellen Bereich zu vorschnellen Urteilen, etwa über Peter Szondis "Versuch über das Tragische", von dessen Veröffentlichung er abriet. Genau in dieser Zweiseitigkeit jedoch scheint Steinfeld den Wert dieser Auswahl zu sehen, die ein echtes Bild dieses Mannes zeichne und dabei die "Linien deutlich hervortreten" lasse.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 28.09.2024

Rezensent Nico Bleutge zieht den Hut vor den beiden Herausgebern Ulrike Anders und Jan Bürger, die aus über 50.000 Unseld-Briefen Hundert zusammengestellt haben, die die wichtigsten Stationen in Unselds Geschichte als Verleger beleuchten, ihn gewissermaßen als verlegerisches Gesamtkunstwerk würdigen, das persönliche, politische und ökonomische Überlegungen zu verknüpfen wusste. Einverstanden ist Bleutge auch damit, dass altbekannte Streitigkeiten mit bestimmten Autoren bei der Briefauswahl kaum eine Rolle spielen, dafür auch mal verlegerische Flops. Dass das "Phänomen Unseld" auch kritisch reflektiert wird - Bleutge nennt vor allem Unselds Machtbewusstsein und seinen patriarchalen Machismo - gefällt ihm umso mehr, als die Herausgeber darauf verzichten, den großen Mann deshalb herunterzustutzen. Sympathisch und lesenswert, findet Bleutge.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 28.09.2024

"Es gab keinen Privatmann Siegfried Unseld", hält Rezensent Helmut Böttiger nach der Lektüre der hundert Briefe fest, die anlässlich des hundertsten Geburtstags des Verlegers von Suhrkamp herausgegeben wurden. Sie erstrecken sich über einen Zeitraum von mehr als fünfzig Jahren und zeigen Böttiger, wie sehr Unseld der Verlag war, welche intensiven Beziehungen er auch zu so schwierigen Autoren wie Thomas Bernhard geführt hat und wie er den von George Steiner geprägten Begriff der "Suhrkamp-Kultur" geprägt hat. Verlagskrisen wie der Aufstand der Lektoren 1968 werden eher "schemenhaft" behandelt, aber dennoch liefert diese Auswahl aus insgesamt mehr als 50 000 Briefen einen spannenden Einblick in ein wichtiges Stück bundesdeutsche Literaturgeschichte, resümiert der Kritiker.