Julian Barnes: Abschied(e)Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Julian Barnes wird im Januar 2026 achtzig Jahre alt. Er weiß, dass die längste Zeit seines Lebens hinter ihm liegt, und er möchte…

Auf die Feier zu Ehren des Suhrkamp-Verlegers Siegfried Unseld, der Ende September hundert Jahre alt geworden wäre, folgte der Paukenschlag: Der Bauunternehmer Dirk Möhrle würde den alleinigen Besitz des Traditionsverlages übernehmen, verkündete man - die Feuilletons waren entgeistert. Begeistert aufgenommen wurden hingegen die "Hundert Briefe" (bestellen), die Suhrkamp in einer kommentierten Edition zu Unselds Geburtstag herausgab: Gespannt verfolgen die Kritiker dessen Korrespondenz mit Ingeborg Bachmann, Samuel Beckett, Ignatz Bubis, Hans Magnus Enzensberger, Max Frisch, Henry Kissinger, Verlegern und Journalistinnen und vielen mehr: Tilman Spreckelsen kann hier Unselds Talent nicht nur als Briefeschreiber, sondern auch als Verleger herauslesen, wie er in der FAZ betont, denn wie dieser die Balance halte zwischen einer ernsthaften Zugewandtheit zu seinem Gegenüber, aber eben auch einem pragmatischen Geschäftssinn, findet er höchst faszinierend. Glänzend editiert ist das außerdem! SZ-Kritiker Thomas Steinfeld blättert ebenfalls angeregt in diesem Band, der auch die schwierigen Seiten des Mannes nicht verschweige und so ein authentisches Bild zeichne. Sympathisch und lesenswert, lautet Nico Bleutges Urteil bei Dlf. Unbedingt zu empfehlen ist in diesem Kontext auch der von Dirk Knipphals in der taz empfohlene Band "Unternehmen Unseld" (bestellen) der Zeitschrift für Ideengeschichte über die "Suhrkamp Culture" .
Gäbe es einen Wettbewerb in posthumem Jungbleiben, dann wäre Ingeborg Bachmann in der Kohorte Grass-Frisch-Enzensbergers klar die Taufrischeste (gefolgt von Enzensberger). Erscheint ein Buch von ihr, etwas Nachgelassenes, wie jetzt "Senza casa" (bestellen) ist die Kritk wie ein Mann und wie eine Frau zur Stelle. Hier sind nun also autobiografische Versuche, "Kriegstagebuch", bislang unveröffentlichte Selbstzeugnisse sowie das "Neapolitanische Tagebuch" aus Bachmanns früher Zeit als freie Schriftstellerin versammelt. Es ist eine fragmentarische Sammlung, die Bachmann auf verstreuten Zetteln zwischen ihren literarischen Werken hinterlassen hat, merkt Helmut Böttigerin der taz an, sie hat Tagebuch geführt, wenn es ihr schlecht ging, ergänzt Andrea Köhler in der NZZ. Sigrid Löffler vergleicht in der SZ die beiden "Kernstücke" miteinander, die Journale von 1945 und 1953 und stellt fest: Erst die Vorfreude eines "Jungmädchen-Journals" und dann: Enttäuschung, Gefühlskrise. Was die Herausgeber aus dem Nachlass gefiltert haben, zeigt laut Löffler eindringlich, wie sehr die Mesalliance mit Hans Werner Henze, die in einem gemeinsamen Aufenthalt auf Ischia kulminierte, die Autorin erschütterte und bei ihr Existenzängste auslöste. Auch Christiane Albiez geht in der NZZ ausführlich auf die Beziehung Henze-Bachmann ein, die Bachmann, die noch am Anfang ihrer Karriere stand, tief traumatisierte. Der Band dürfte eine der wichtigsten Bachmann-Neuerscheinungen der letzten Jahre sein.
Christine de Pizan ist irgendwie ein Wunder, eine der frühesten überlieferten Schriftstellerinnen überhaupt. Geschrieben hat sie noch vor der Erfindung des Buchdrucks - die Medienrevolution des Papiers dürfte ihrem Schreiben geholfen haben. In "Ich, Christine" (bestellen) sind autobiografische Texte von ihr versammelt. Sie hat im Umfeld des Königs Charles V. gelebt. Sie ist in Armut abgestürzt. Sie hat also etwas zu erzählen. Sie ist auch eine Feministin, erzählt Katharina Teutsch in der FAZ und entwirft eine utopische Frauenstadt, in der "Gerechtigkeit, Rechtmäßigkeit und Vernunft" herrschen, ein allegorien- und kenntnisreiches Buch, wie Teutsch bekräftigt. So eloquent und scharf wie treffend ist ihr Schreiben, resümiert die Rezensentin, die hofft, dass Pizan nun auch in Deutschland nicht länger als Geheimtipp gelten mag. Arno Widmann lobt in der FR die kundigen Erläuterungen und die hervorragende Einführung der Herausgeberin Margarete Zimmermann.
Außerdem: In der Rubrik "Erinnerungen" sei nochmal auf Neige Sinnos "Trauriger Tiger" (bestellen) verwiesen. Es ist ein Roman, aber ein autobiografischer, es ist vor allem ein Buch über sexuellen Missbrauch durch den Stiefvater - aber alles andere als die übliche Anklage, die Literarisierung ist essenziell für das Buch. Die Kritik war äußerst beeindruckt, wir hatten bereits im Bücherbrief darauf aufmerksam gemacht. Ganz neu ist auch Emmanuelle Guattaris "New York, Little Poland" (bestellen) nicht. Sie ist die Tocher von Félix Guattari, dem Co-Autor von Gilles Deleuze und Psychiater. In "New York, Little Poland", schildert sie das New York der Achtziger. Peter Urban-Halle, der das Buch für Dlf Kultur und NZZ besprochen hat, schätzt den präzisen Impressionismus dieses Stadtbilds - und kann die Autorin generell nur dringend empfehlen.