Klappentext

Aus dem Russischen von Franziska Zwerg. Russland im August 1991: ein Putsch bringt das Land zum Beben, Gorbatschow wird abgesetzt, Jelzin übernimmt die Macht und Putin kann kaum erwarten, der Nächste zu sein. Das Land zerfällt. Nichts ist mehr, wie es Jahrzehnte lang war. Die einen verscherbeln Bodenschätze und Panzer und werden Multimillionäre, die anderen versinken in bitterer Armut. In dieser Zeit des totalen Umbruchs entdeckt der Ich-Erzähler das Tagebuch seiner Großmutter und erkennt, dass das Schweigen über die Vergangenheit gebrochen werden muss, wenn Russland eine Zukunft haben will. Ein hochaktueller, ein spannender Roman über ein Land, das schon lange keine Weltmacht mehr ist.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.03.2016

Rezensentin Wiebke Porombka entdeckt in Sergej Lebedews Erkundung der offenen Wunden Russlands das archäologische Talent des Autors. Wie der Erzähler im Text auf Grundlage des lückenhaften Tagebuchs der Großmutter das fragwürdige Leben und Wirken des Großvaters rekonstruiert und zugleich die Zwischenzeit der 90er Jahre in seinem Land porträtiert, bis er sich schließlich selbst in den Fallstricken aus Schuld und Misstrauen verfängt, scheint Porombka bemerkenswert. Die Einsicht der Lektüre, dass totalitäre System an der Menschlichkeit nagen und an der Liebe, macht sie betroffen. Wie das Buch, das erst jetzt einen russischen Verlag gefunden hat, in Russland aufgenommen werden wird, darauf ist die Rezensentin gespannt.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 22.03.2016

Ilma Rakusa liest Sergei Lebedews in Russland nicht zu habendem Roman mit Schaudern. So viel Düsternis ist sie selten begegnet. Die Vorstellung, dass die grausame Geschichte der Sowjetunion des 20. Jahrhunderts mit Terror, Gulag, Verfolgung und Misswirtschaft sich mit Jelzin, dem Tschetschenienkrieg und schließlich mit Putin immer weiter fortsetzt, wie der Autor in seiner zwischen 1991 und 1999 spielenden Geschichte nahelegt, scheint Rakusa ungeheuerlich. Was Lebedews Held auf den Spuren eines dunklen Familiengeheimnisses in Polen, in der Ukraine und in der kasachischen Steppe an Elend, Tod und Zerstörung erlebt, begreift Rakusa als Sinnbild für ganz Russland. Dafür sorgen die suggestiven Beschreibungen des Autors, der sich nur beim Ende allzu sehr ins Thrillerhaft-Drastische versteigt, wie Rakusa kritisiert.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 07.01.2016

Rezensent Stephan Speicher findet es ein wenig schade, wie wenig Sergej Lebedew seiner eigenen Erzählung vertraut. Die Neigung des Autors in "Menschen im August" sein eigener Exeget zu sein verkleinert die politische Dimension des Buches eher als sie zu betonen, findet der Rezensent. Das Überbetonen der politischen Bezüge zeigt aber auf jeden Fall, worum es Lebedew ging: die beinahe totgeschwiegenen Überreste der russischen Vergangenheit wieder ins Leben zu holen, "die Toten suchen uns", heißt es im Buch, erklärt Speicher. Zu diesem Zweck hat der Autor sich einen Erzähler erdacht, der es sich zum Beruf gemacht hat, die zu Stalins Zeiten verschwundenen Väter wiederzufinden und dem Vergessen zu entziehen, fasst der Rezensent zusammen. Das hinterlässt zweifellos einen berückenden Eindruck, der ohne die politischen Stützräder noch berückender hätte sein können, so Speicher.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 19.12.2015

Katharina Granzin bedauert das auf sie etwas konstruiert wirkende Ende von Sergej Lebedews drittem Roman. Abgesehen davon aber fasziniert sie Lebedews Spurensuche um das Jahr 1991 herum. Indem der Autor seinen Protagonisten erst seiner Familienvergangenheit und dann verlorenen menschlichen Schicksalen in der zerfallenden Sowjetunion nachspüren lässt, breitet er Seelenlandschaften vor ihr aus. Im Ton lyrisch, bildstark, eröffnet der Text für Grazin ein großartiges Geschichts- und Geschichtenpanorama, eine episch ausgreifende "träumerisch-surreale" Reiselandschaft.