Boris Jelzin

Mitternachtstagebuch

Meine Jahre im Kreml
Cover: Mitternachtstagebuch
Propyläen Verlag, Berlin 2000
ISBN 9783549071205
Gebunden, 384 Seiten, 20,40 EUR

Klappentext

Aus dem Russischen von Alfred Frank, Sergej Gladkich und Franziska Seppeler. Zehn Jahre stand Boris Jelzin als erster frei gewählter Präsident an der Spitze Russlands. Nun zieht er Bilanz. Freimütig äußert er sich über die großen Themen dieser Jahre: seine Rivalität mit Gorbatschow und die Niederschlagungen des Putsches 1991; den Zerfall es Sowjetimperiums und sein Bestreben, Moskaus Weltmachtposition zu halten; den wirtschaftlichen Niedergang und sein Bemühen um Reformen; die Auseinandersetzungen mit der Duma und sein Taktieren mit den neuen innenpolitischen Kräften; die Qualitäten seiner fünf Ministerpräsidenten und die Machtübergaben an Putin; die Kriege in Tschetschenien und im Kosovo und die Krise der Armee; die Osterweiterung von NATO und EU und sein Bemühen um Aufnahmen in die politischen und wirtschaftlichen Institutionen des Westens. Nicht minder offen spricht Jelzin über sein Verhältnis zu den westlichen Führern von Clinton über Kohl bis Schröder und über seine gesundheitlichen Probleme, die ihn immer wieder in der Ausübung seines Amtes behinderten.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.12.2000

Eine wirkliche Neuigkeit hat Werner Adam in Jelzins Tagebuch entdeckt: dessen Bereitschaft, Mitte der neunziger Jahre das demokratische Experiment zugunsten einer Diktatur des Präsidenten zu beenden. Davon abgehalten, so Jelzin, hat ihn nur seine Tochter, die offenbar auch sonst häufig und heftig gelobt und mehr oder weniger deutlich für weitere politische Aufgaben empfohlen wird (worüber sich, wie Jelzin hinzufügt, die "militanten Feministinnen" aber bitte nicht zu früh freuen mögen). Ansonsten geht es teils um Rechtfertigung, teils um "Legendenbildung", um - rührend bis plump - Persönliches und Politisches. Gegen den Vorwurf der Korruption verwahrt sich Jelzin entschieden - und liefert eine recht kurze Liste seiner Besitztümer (ein Ausschnitt: "Tennisschläger; eine Waage; Jagdgewehre; Bücher; eine Stereoanlage; ein Diktiergerät", aber natürlich keine Auslandskonten, Aktien etc.). Dass es mit dem Alkohol ein kleines Problem gibt, lässt er durchblicken. Der Rezensent hält sich mit einem Urteil zu dem Buch weitgehend zurück, betont aber die Ambivalenz von Jelzins Regentschaft.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 09.11.2000

"Blutleer, belanglos und sterbenslangweilig" lautet Florian Hassels vernichtendes Urteil über dieses Buch. Ghostwriter Jumaschew habe zwar Jelzins "schnörkellosen Redestil so gut imitiert", dass man wirklich glauben könnte, es mit Jelzin zu tun zu haben". Aber mehr Positives hat der Rezensent dann nicht mehr zu sagen. Im Gegenteil, nicht mal echte Memoiren wären das, sondern "eine polierte Propagandaschrift". Die Klippen der "spektakulären Skandale" würden elegant umschifft. Ansonsten hätten einige Leute offensichtlich Einfluss auf das Manuskript genommen und es inhaltlich geglättet. Tochter Tatjana beispielsweise und wohl auch Nachfolger Putin. Ganze Passagen stimmten fast wortgleich mit Putin-Reden überein. Bis zum Vorwurf der Geschichtsfälschung reichen Florian Hassels Einwände gegen dieses Buch, dass er kenntnisreich kommentiert und an den Realitäten misst, die Jelzin und sein Ghostwriter verschweigen. Als "die politische Autobiografie des Herbstes" habe der Verlag das Buch angekündigt und mit 75.000 Exemplaren auf den Markt geworfen. Selten, konstatiert nun der Rezensent, mussten Verlagsleute so lügen.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 19.10.2000

Was Alexander Sambuk in seiner Rezension zu Jelzins Memoiren schreibt, ist so distanzlos und unkritisch, dass man glauben könnte, Sambuk habe den Agitprop noch bei Trotzki persönlich gelernt. Sambuk findet Jelzins Sicht auf sich selbst anscheinend überzeugend. Niemals erhebt er Einwände gegen die Selbstdarstellung des russischen Ex-Präsidenten als `unbestrittener Großmeister` der Spielkunst Politik, der es dank seiner eigener Intuition und der Herzenswärme seiner Tochter geschafft hat, seine ruchlosen (kommunistischen) Gegner schachmatt zu setzen und sein Land in die lichte Zukunft zu führen. Manchmal, wenn Jelzin selbst ihm zu hanebüchen wird, benutzt Sambuk in seiner Wiedergabe die indirekte Rede - vielleicht um sich zu distanzieren. Aber warum er dann nicht ein wenig Wirklichkeit in seine Kritik miteingebaut hat, bleibt wirklich schleierhaft.