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Sandra Pingel-Schliemann

Zersetzen

Strategie einer Diktatur
Cover: Zersetzen
Robert Havemann Gesellschaft, Berlin 2002
ISBN 9783980492072
Broschiert, 420 Seiten, 22,00 EUR

Klappentext

Zuerst verlor Herr J. seinen Führerschein. Einige Monate später hingen an mehreren Bäumen seines Heimatdorfes Zettel, die ihn persönlich beleidigten. Auch in der Ehe begann es zu kriseln, da im Dorf das Gerücht kursierte, dass er seine Frau betrügen würde. Herr J. hatte außerdem wiederholt Ärger auf seiner Arbeitsstelle. Als er dann auch noch für ihn völlig unerklärlich wegen Diebstahls verhaftet und verurteilt wurde, war er am Ende seiner Kräfte. Herr J. ahnte nicht, dass hinter all dem der Geheimdienst steckte. Zersetzung nannte das Ministerium für Staatssicherheit in der DDR diese Form der "geräuschlosen" Ausschaltung derjenigen, die sich gegen das SED-Regim engagierten.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.05.2003

Sandra Pingel-Schliemanns Studie über die Methoden der psychologischen "Zersetzung" führt nach Ansicht von Rezensent Jochen Staadt vor Augen, welches persönliche Risiko Regimegegner in der DDR eingingen. Staadt listet eine ganze Reihe von Pingel-Schliemann dokumentierter Maßnahmen auf, mit denen "feindlich-negative Personen" mürbe gemacht werden sollten. Das Spektrum der Verunsicherung reichte dabei von anonymen Telefonanrufen, Briefen mit Drohungen, gezielten Gerüchten, Verleitung zu Alkoholmissbrauch, sexuellen Ausschweifungen und Spielleidenschaft über falsche medizinische Betreuung bis zur "Herbeiführung nervenaufreibender kleiner Zwischenfälle". Staadt hebt hervor, dass die Autorin in Interviews mit Betroffenen herausfand, dass manche Opfer dieses "weichen totalitären Terrors" zeitlebens geschädigt blieben. Dennoch gibt es für die Zersetzungsopfer im Unterschied zu den Haftopfern keine Entschädigung.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 05.04.2003

Diese Studie, so der mit "hau" zeichnende Rezensent, offenbart mit welcher Vielfalt an Methoden die DDR-Regierung gegen Dissidenten operierte und an der "Zersetzung" des Oppositionswillens arbeitete. Sandra Pingel-Schliemann mache die Bestandsaufnahme des Repressionsinstrumentariums, das darauf abzielte "subtil" zu wirken, den Menschen "psychisch" zu "belasten", ihn "unglücklich" zu machen und von seiner Umwelt zu isolieren. Dafür habe das Regime keinen noch so großen Personalaufwand gescheut, den die Infiltration des Privatlebens bedeutete: das Auskundschaften von "persönlichen Schwächen", das In-die-Welt-Setzen von "ehrabschneidenden und kompromittierenden Falschinformationen aus anonymer Quelle" bis zu nächtlichen Eingriffen in der Wohnung, in denen zum Beispiel alle Bilder umgehängt wurden. Die Folge dieser langsamen Verunsicherung sei oft gewesen, dass die Betroffenen sich zunehmend für "verrückt" hielten, und ihre Umwelt das Gleiche dachte. Und so lautet das Fazit des Rezensenten: "Die Lektüre dieses Buches, so unangenehm sie zuweilen ist, wirkt (?) wie eine Schutzimpfung."

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 21.01.2003

Während die SED in den vierziger und fünfziger Jahren offen gewalttätigen Justizterror ausübte, favorisierte sie ab den siebziger Jahren - offensichtlich aus taktischer Rücksichtnahme auf die neue internationale Rolle der DDR - eher subtile Formen der Verfolgung - ein Wandel, der zwar oft behauptet, nirgendwo aber überzeugend belegt wurde, wie Rezensent Martin Jander eingangs feststellt. Dies hat Sandra Pingel-Schliemann mit ihrer Arbeit "Zersetzen. Strategie einer Diktatur" nach Janders Ansicht nun nachgeholt. Die Zersetzungspraktiken bestanden nach Darstellung Janders in einer systematischen Art lautloser Kriegführung, deren Ziel es war, Menschen so in Angst und Schrecken zu versetzen, dass sie nicht mehr handlungsfähig waren. "Solche Lebenskrisen herbeizuführen", erklärt Janders, "konnte nur gelingen, da Nachbarn, Arbeitskollegen, Vorgesetzte, Freunde, Eltern, Polizisten, Richter etc. auf Anweisung der Stasi mitspielten." Sandra Pingel-Schliemann zeichne in Umrissen das Bild einer SED-Diktatur, bei deren Maßnahmen wesentliche Teile der Gesellschaft mitmachten; an unzähligen Beispielen schildere sie diesen lautlosen Terror, mit dem SED und Stasi in der späten DDR den wichtigsten Oppositionellen das Leben oft zur Hölle machten, hält Jander fest. Entstanden ist so nach Einschätzung Janders ein "Standardwerk" über die Verfolgung der DDR-Opposition in den siebziger und achtziger Jahren.
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