Said

Landschaften einer fernen Mutter

Cover: Landschaften einer fernen Mutter
C. H. Beck Verlag, München 2001
ISBN 9783406471537
Broschiert, 80 Seiten, 14,50 EUR

Klappentext

Wenige Tage nach seiner Geburt wird Said von seiner Mutter getrennt: die Scheidung der Eltern vollzog sich bereits während der Schwangerschaft, und es war beschlossene Sache, dass das Kind ausschließlich bei seinem Vater leben sollte. Ein einziges Mal durfte der Zwölfjährige die Mutter sehen. Jahrzehnte später: Said ist inzwischen 43 Jahre alt und lebt schon seit langem im deutschen Exil. Überraschend erhält er einen Telefonanruf: die Mutter sei auf dem Weg nach Kanada und möchte ihn, Said, treffen. Nach umständlichen Pass- und Visumsverhandlungen begegnen sich die beiden Fremden in Toronto zum ersten Mal. Drei Wochen verbringen sie gemeinsam in einer Wohnung, drei Wochen, um sich zu begrüßen, sich kennenzulernen und sich wieder voneinander zu verabschieden.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 26.07.2001

Für diesen Autor, meint Navid Kermani, sollte sich die deutsche Literatur glücklich schätzen, weil er sie "durch Erfahrungen und Geschichten bereichert, die ein bloß bundesrepublikanisches Leben kaum bereithält." Wenn der Rezensent in diesem Buch mit seinen "erschütternden Passagen", die dem Leser "die allgemeine Erfahrung des Fremdseins" vermitteln, immer wieder auch auf Platitüden und eine fatale Neigung zur Betroffenheitsprosa stößt, so kann er das erklären: "Wann immer Said seinen eigentlichen Adressaten, nämlich sich selbst, verliert, verliert er auch seine Sprache". Nur jene Dichtung aber, meint Kermani, kann schmerzhaft stürzen, die hoch steigt. Ist das so?

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.07.2001

Stefan Weidner vergleicht dieses Buch mit Saids Roman "Selbstbildnis für eine ferne Mutter" (1992), das er sehr viel "zärtlicher" und "versöhnlicher" findet. Am vorliegenden Band fällt ihm zwar über weite Strecken eine beeindruckende Sachlichkeit auf, doch zeige der Epilog dann doch eine große Verbitterung. Für Weidner handelt es sich um ein ausgesprochen radikales Buch in seinem Exhibitionismus und seiner Privatheit, was er allerdings nicht unbedingt negativ findet. Weidner fühlt sich an einen Gerichtsprozess erinnert, bei dem der Leser zum Schöffen wird und über eine Strafsache ein Urteil fällen muss. Doch mag er selbst nicht beurteilen, ob Said "Zustimmung der Hörer oder die Wiederrede" herausfordern möchte. Beim Rezensenten lässt die Lektüre eine Mischung zwischen "Befremden und Betroffenheit" zurück.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 14.06.2001

Angela Schader geht davon aus, dass der Autor sich der Probleme durchaus bewusst ist, die ein Buch von solch direkter Ansprache an die Mutter - "ungedämpft in Schmerz und Ressentiments" - mit sich bringt. Denn: ein solches Buch dürfte "so nicht geschrieben werden", meint die Rezensentin, die aber dennoch - oder gerade deswegen - offenbar recht angetan ist von diesem Band. Das zerrissene Verhältnis zur Mutter sieht Schader auch in der Romankonstruktion wiedergespiegelt, im Fragmentarischen, Lückenhaften, in den eingefügten Passagen und den "verletzende ungeschliffenen Kanten". Bedauerlich scheint Schader jedoch zu finden, dass wie der Sohn auch der Leser letztlich nicht erfährt, wie sich die Mutter damals gefühlt hat, als sie im Alter von 14 Jahren verheiratet wurde, nach 40 Tagen bereits von der Familie ihres Mannes verstoßen und ihr das Kind weggenommen wurde.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 03.04.2001

Zehn Jahre lang habe der exiliranische Dichter Said, der auf Deutsch schreibt, das Manuskript liegen lassen, berichtet Markus Epha: das Protokoll über eine Wiederbegegnung Saids mit seiner Mutter, die er kaum gekannt hat. Im Buch duze der Autor seine Mutter, während er im geschriebenen Dialog das Sie verwende, beschreibt Epha das komplizierte Verhältnis zur Mutter, das körperliche Berührung und Zuwendung nicht gestattet. Eine unterdrückte, beherrschte Traurigkeit durchziehe das gesamte Buch, meint Epha; Said skizziere die Exil-Stationen des Sohnes eines Schah-Leutnants, dem sowohl die biografische Entwicklung - die frühe Scheidung der Eltern - wie auch die politische Entwicklung die Mutter- und Vaterlandsliebe schwer gemacht hätten.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 02.03.2001

Rolf-Bernhard Essig zeigt sich überaus beeindruckt von diesem Buch, in dem der Exil-Iraner seiner Mutter erstmals im Alter von 43 Jahren in Kanada begegnet. Im Vordergrund stehen dabei nach Essig die dramatischen Emotionen schon im Vorfeld dieser Begegnung, aber auch die Unsicherheiten, die Momente von Nähe und Distanz und die oftmals problematische Kommunikation, von denen das eigentliche Treffen geprägt ist. Dies sieht der Rezensent mit einer so mitreißenden Eindringlichkeit dargestellt, dass der Leser sich diesen Gefühlen nicht entziehen könne: "wie kribbelt die Aufregung im Rücken, wie steigt die eigene Anspannung", meint Essig, wenn er von den Passagen des Buchs spricht, in denen sich das Wiedersehen immer wieder verzögert. Doch trotz dieser intensiv geschilderten Mutter-Sohn-Beziehung, die den Rezensenten bisweilen fast an eine Liebesbeziehung erinnert, sei das Buch gleichzeitig ein "hochpolitisches", in dem auch die Verbindungen zwischen Politik und Elternliebe eine tragende Rolle spielen.
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