Kurt Scharf (Hg.)

Der Wind wird uns entführen

Moderne persische Dichtung
Cover: Der Wind wird uns entführen
C. H. Beck Verlag, München 2005
ISBN 9783406528132
Gebunden, 202 Seiten, 24,90 EUR

Klappentext

Ausgewählt, übersetzt und eingeleitet von Kurt Scharf. Mit einem Nachwort von Said. Die persische Lyrik gehört seit Jahrhunderten zur Weltliteratur und war in Iran bis weit ins 20. Jahrhundert die wichtigste literarische Gattung. Aus der großen poetischen Tradition, der Begegnung mit westlicher Lyrik sowie der politischen und religiösen Zeitgeschichte Irans ist eine moderne persische Dichtung hervorgegangen, die uns unmittelbar anspricht, auch und gerade da, wo ihre Bilder zunächst fremd und fern anmuten. Von Nima Yuschidsch , dem "Vater der neuen Lyrik", über den Mystiker und Maler Ssohrab Ssepehri und Forugh Farrochsad , deren Werk vielen als Höhepunkt der persischen Dichtung überhaupt gilt, bis hin zu zwei jüngeren Dichtern aus der Zeit nach der Islamischen Revolution versammelt diese Anthologie rund hundert der schönsten Gedichte moderner persischer Lyrik. Eine ausführliche Einleitung macht mit der poetischen Tradition Irans und den einzelnen Dichtern bekannt. Der iranische Schriftsteller Said erläutert in einem Nachwort die politische und gesellschaftliche Bedeutung der modernen persischen Lyrik.

Im Perlentaucher: Rezension Perlentaucher

Eines der bekanntesten persischen Gedichte des 20. Jahrhunderts ist "Ghom" von Nader Naderpur (1929-2000). Es entstand schon in den fünfziger Jahren. Es musste 1979 - die Mullahs waren gerade an die Macht gekommen - aus einer Neuauflage von Naderpurs erstem Gedichtband gestrichen werden. So wie Naderpur das Zentrum schiitischer Gelehrsamkeit, die Stadt Ghom sah, so durfte man sie nicht mehr sehen. Im Gottesstaat sind Gottespriester heilige Männer, ihre Überwürfe und Turbane stehen für ein gottgefälliges Leben. "Ghom / So viele tausend Frauen, / So viele tausend Männer, / Die Frauen, ein Tuch auf dem Kopf, / Die Männer, den Aba auf den Schultern, / Eine goldene Kuppel / Mit alten Störchen, / Ein freudloser Garten / Mit vereinzelten Bäumen. / Kein Lachen erklingt dort, / Kein Gespräch ist zu hören. / Ein halbleeres Becken / Mit grünlichem Wasser, / So viel alte Krähen / Auf zahllosen Steinen. / Die Menge der Bettler / Auf Schritt und Tritt, / Helle Turbane / Finstere Mienen." Ein harmloses Gedicht. Aber es ist überdeutlich, dass Ghom kein Ort des Lebens, der Freude ist, sondern eines traurigen Elends. Uninteressant, abgestorben. Utopien sehen anders aus...
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.11.2005

Angetan zeigt sich der rezensierende Harald Hartung von dieser Anthologie moderner persischer Lyrik, die Kurt Scharf herausgegeben hat. Wie er berichtet, konzentriert sich der Band auf das, was die Iraner "Sche're nou", Neue Lyrik nennen, eine Epoche, die Scharf historisch eingrenzt zwischen 1953 und 1979, auf die Herrschaft des Schahs, also auf die Zeit zwischen dem Sturz Mossadeghs und dem fundamentalistischen Umschwung. Hartung beschreibt diese Zeit als ungemein produktive Phase der iranischen Poesie, als eine Zeit, in der sie mit erstarrten Traditionen brach und gegen die Zensur eine neue Symbolsprache entwickelte. Von den zweiundzwanzig Autoren, die Scharf vorstellt, hebt er insbesondere Nima Yuschidsch (1897 bis 1960), Ahmad Schamlu (1925 bis 2000) und Forugh Farrochsad (1935 bis 1967) hervor. Nima Yuschidsch gilt als "Vater der modernen Lyrik". Als erster habe er mit der traditionellen Sprache und Metrik gebrochen und seine Gedanken mit prosahafter Freiheit ausgeführt. Ahmad Schamlu würdigt Hartung für seine politische Lyrik und Forugh Farrochsad, mit zweiunddreißig an den Folgen eines Autounfalls gestorben, für ihre Poesie, "die einen freieren, oft respektlosen Ton anschlug - einen moderneren zumal als die Lyrik der meisten männlichen Kollegen".
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 18.10.2005

Das Besondere an dieser Anthologie moderner persischer Lyrik ist laut Rezensent Stefan Weidner, dass sie den Durst nach besagter Lyrik gleichzeitig weckt und doch nicht stillen kann und dem Leser dadurch "Tantalusqualen" bereitet. Insofern sei die Schwäche der Anthologie Zeugnis ihrer "überragenden Kraft": Denn der Leser empfinde den Verlust (der jungen Generation) nur aufgrund der großartigen Dichter, die ihre Väter und Großväter waren, und diese Anthologie mache ebendiese Größe spürbar. Großes Lob wird dem Herausgeber und Übersetzer Kurt Scharf zuteil, dessen "souveräne, auch Reim uns Metrum nicht scheuende Nachdichtungen" von einer eingehenden und sorgfältigen Beschäftigung mit den oft sperrigen und in der Originalsprache tief verwurzelten Texten zeugt. Den besten der vorgestellten Dichter - etwa Ahmad Schamlu, Forugh Farrochsad oder Ssohrab Ssepheri - gelinge es, die überkommene lyrische Sprache mit neuem Sinn "aufzuladen" und eine "Vieldeutigkeit" zu schaffen, die sowohl die traditionelle wie auch die moderne Variante der Rezeption zulässt. Als Nachteil der Anthologie verbucht Weidner, dass Scharf die im Exil lebenden iranischen Lyriker nicht berücksichtigt. Trotzdem, so das versöhnliche Fazit des Rezensenten, ist diese Zusammenstellung "von Herzen zu begrüßen".
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